Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 96 (3.12.1900)
- Date
- 1900-12-03
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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2010' rascht, drückte in rührenden Worten seinen tiefgefühlten Dank aus. I. G. Anci Mähren, im Nov. Die Reichsrathswahlen stehen vor der Thür und bange fragen sich die Juden linfereä Kronlandes: „Wen sollen wir wählen?" Es war bei unseren Glaubensgenossen seit Jahrzehnten Gepflogenheit, den von dem deutschen Landeswahlkomitee ausgestellten Candidaten die Stimme zu geben. Eine solche Stimmenabgabe vollzog sich in der sprachlich gemischten Gegend unter schweren Opfern, weil die durch das deutschfreundliche Verhalten der jüdischen Wähler, welche in vielen Bezirken den Ausschlag gaben, ausgebrachten Czechen sich dadurch rächten, daß sie den jüdischen Geschäftslokalen fernblieben und jeden Umgang mit den Juden mieden. Nun wurden aber die Juden durch die nichtsweni ger a/s phtlosemtttsche Haltung der Deutschen etwasstutzig gemacht und wiewohl unsere Glaubensbrüder den Deutschen bei der letzten Reichsrathswahl vor drei Jahren Gefolge leisteten, erhoben sich schon damals einige Stimmen, welche über die sonderbare Dankbarkeit der Deutschen, welche sich in dem Umsichgreifen des Antisemitismus in deutschen Bezirken äußerte, Kurze führten. Die Dinge stehen auch heute nicht besser. Es ist wohl richtig, daß in bedrohten Bezirken die deutschen Eandidaten von Humanität, Gleichberechtigung, übersprudeln, aber dies Alles ist nur vor einer Wahl. Ist jedoch der deutsche Candidat mit Hülfe der Juden gewählt, dann verstummen die Worte, dann wird des Versprechens nicht gedacht und das klägliche Resultat besteht darin, daß der Jude sich die Czechen zu unversöhnlieben Jeinden gemacht, weil er dem Deutschen geholfen hat, auf seiner Schulter emporzukriechen. In rein-deutschen Bezirken, woselbst die Unterstützung seitens der jüdischen Wähler nicht nothwendig ist, wird von den deutschen Mandatsbewerbern eine ganz andere Sprache geführt, ja, da hört man in den Wählerversammlungen so manches harte Wort gegen die Juden fallen; da spricht der Candidat von Corruption, von Ausbeutung des Volkes durch die Juden etc. Bei näherer Betrachtung kann man zu der Behauptung gelangen, daß die Gesinnung der Deutschen in allen unseren Wahlbezirken dieselbe ist, mit dem Unterschiede jedoch, daß die Herren Candidaten in den sogenannten unverfälscht deutschen Bezirken sich den Juden gegenüber mit einer an Deutlichkeit nichts zu wünschen übriglassenden Schärfe aussprechen, während in gemischtsprachigen Bezirken die Gedanken verschleiert werden. Und nun zu den Czechen. Unsere langjährige Gewohnheit, die Verschiedenheit in der Sprache und Gesinnung sträubt sich, mit ihnen Schulter an Schulter gegen die Deutschen zu gehen. Wie übrigens die vorjährigen Demonstrationen der Czechen und in jüngster Zeit der brausende Beifall, welchen der czechische Pöbel in Pisek dem Dr. Bara gezollt hat, zeigte, ist auch von den Slaven nichts Ersprießliches für die Juden zu erwarten. Noch eine Partei fängt an, im Lande Wurzel zu fassen, nämlich die Sozialdemokraten. Das muß mau sagen, mit Versprechungen sind auch diese nicht sparsam, ob jedoch auch diese alle ihre Worte in Thaten umsetzen werden, ist eine Frage. Die Fraktion der Sozialdemokraten ist im Reichsrathe eine so kleine, daß sie bei keiner Frage ausschlaggebend sind. Ob sie dann, wenn sie einst im österreichischen Parlamente eine ins Gewicht fallende Partei sein werden, zu Gunsten der Juden ihr Veto einlegen werden, das ist noch zweifelhaft. Im Interesse unserer Glaubensgenossen wäre für den Fall, als dieselben keine Wahleuthaltung üben wollen, folgender Vorgang zu empfehlen: 1. In rein czechischen oder in rein deutschen Bezirken mögen dieselben, vorausgesetzt, daß kein antisemitischer Candidat ausgestellt wird, jenen Abgeordneten wählen, der jener Nation angehört, welche in dem betreffenden Bezirke die überwiegende Mehrheit hat. 2. In gemischt-sprachigen Bezirken, woselbst die Juden ausschlaggebend sind, möge jener Candidat gewählt werden, welcher uns positive Versprechungen gibt. Darunter ist jedoch nicht verstanden allgemeine Phrasen wie Gleichberechtigung, Bekämpfung des Antisemitismus, sondern es muß jeder Bewerber erklären, daß er dahin streben werde, daß die Anstellung der Juden in den Staats- und Landesämtern, bei der Post (Telegraph und Telephon) ihrer Zahl gemäß berücksichtigt werde. Für diese Forderungen sollen sich jedoch nicht nur jene einsetzen, die selbst oder deren Söhne Angestellte werden wollen, nein, es muß sich dafür die Gesammtbevölkcrting erwärmen und als ihre Programmpunkte aufstellen; denn nur solche Ansprüche, die von einer imposanten Mehrheit aufgestellt lverden, finden Beachtung, währenddem Wünsche, die nur von Wenigen und zioar dabei Jnteressirten, nicht der gebührenden Beachtung gewürdigt werden. Wird dabei auch nicht alles auf einmal erreicht, so ist es doch möglich, daß unseren gerechten Anforderungen etappenweise nachgekommen wird. — (Mit den Wahlvorschlägen unseres Herrn Correspondenten werden sich Leute mit fester politischer Gesinnung schwer befreunden können. Red. d. „Jsr.") Italien. Moni, 2. Dez. (D e r Pap st gegen den A n t i s e nt i t i s m u s.) Die Mailänder „Perseveranza," ein ernstes und gewöhnlich gut unterrichtetes Blatt, bringt folgende Mrtthetlung: Der Papst hat an die Bischöfe von Oesterreich, Deutschland und Frankreich Instruktionen gesendet, damit sie sich jeder llnieriiiihung der antisemitischen Bewegung enthalten sollen. Sollten diese Instruktionen nicht genügen, so wird der Papst eine Encpklika über die Frage veröffentlichen. Briestasten der Redaktion. Z. in T.: Rosch-Haschonoh 566R fällt auf Donnerstag den zweiten Oktober 1902. Briefkasten der Expedition. S. E. r Mk. 5.— empfangen.