Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 96 (3.12.1900)
- Date
- 1900-12-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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2008 ein Wer t dieser arrtisemitisch-clericalen von den Lanl eobehörden gesckiüßten und unterstützten Arbeitervereine ohne Arbeiter!" Am gröbsten verging sich die herrschende Partei wider ihr eigenes Interesse bei den Wahlen im Jahre 1SP7. Die Sozialdemokraten stellten in Lemberg und Krakau, in der fünften allgemeinen Curie, ihren Kandidaten auf. Die Juden hätten gerne ihre Stimmen auf einen liberalen oder auch konservativen bürgerlichen Kandidaten vereinigt, wenn man nur den Sozialdemokraten einen des Antisemitismus nicht verdächtigen Mann entgegen gestellt hätte. Was that aber unser hochwohllöbliches Centralwahlkomitee? Getreu der oben erwähnten jesuitischen Parole, nominirte es für die beiden hauptstädtischen Wahlkreise zwei ausgesvrochene Antisemiten reinsten, oder besser unreinsten Wassers, zwei der lautesten Schreier, die seit Jahren bemüht waren, das Gift des Judenhasses in unserem Lande auszubreiten. Das war ein unerhörter Sckümpf und eine dreiste Herausforderung der jüdischen Wählerschaft. Damals nahm die herrschende Partei den Antisemitismus zum ersten Male in optima koima unter seine Fittige. Vergebens suchte man von jüdischer Seite, unterstützt von wohlmeinenden und einsichtigen Christen, den Herren vom Wahlkomitee nahezulegen, daß diese Nomination die Juden in eine arge Verlegenheit bringe, ungeheure Erbitterung wachrufe und die Juden der Sozialdemokratie zutreibe, da man ihnen zumuthe, zweien ihrer grimmigsten Feinde zum Siege zu verhelfen, während man ihnen auf der anderen Seite ein energisches Eintreten für die Gleichberechtigung und eine Bekämpfung jedes Angriffes auf ihre Menschenrechte zusichere. Der Jesuitismus hatte Oberwasser. Ein Neunmalweiser rieth den Juden, um ihr Gewissen zu salviren, sich der Wahl zu enthalten, ohne zu bedenken, daß sie dadurch eine Selbstdegradation vollzögen und obendrein ihren Feinden den Sieg erleichtert hätten. Ein anderer Weiser erklärte, die Juden müßten sich für das „Gemeinwohl" opfern, um durch ihr für die Antisemiten abgegebenes Votum „das Vaterland vor den Sozialisten zu retten." Es war nicht recht klar, warum diese „Rettung" nicht auf eine billigere Weife, etwa durch Aufstellung eines nichtantisemitischen bürgerlichen Kandidaten vorgenommen werden könnte' aber die Juden konnten keineswegs einsehen, was für eine Gefahr dem Vaterlande von den zwei Sozialdemokraten drohte. Sie brauchten nur nach dein benachbarten deutschen Reich herüberzublicken, welches trotz des halben Hunderts von sozialdemokratischen Abgeordneten so fest steht, wie noch nie. Dagegen wußten sie nur zu gut, was es heiße, den Heerbann Luegers, den offenen und versteckten, um noch zwei Hälse zu vermehren, und die ihre Maulwurfsarbeit innerhalb des Polenklubs im Stillen verrichtenden judenfeindlichen Elemente um zwei Maulwürfe zu verstärken. Ueberdies war die Entrüstung in der jüdischen Bevölkerung über die frivole und dreiste Herausforderung ungeheuer. Es bestand kein Ztveifel, daß die jüdischen Stimmen beinahe ausnahmslos in beiden Wahlkreisen den sozialdemokratischen Kandidaten zufallen würden. In zwölfter Stunde besann sich freilich das hochmögende Centralwahlkomitee eines besseren, zog die antisemitischen Kandidaten zurück und. da kein ernster Politiker unter diesen Umständen einspringen wollte, wurden zwei alte Strohwische, zwei lächerliche bedeutungslose Figuren als Nothkandidaten den Arbeiterführern gegenübergestellt. Natürlich hätten die Juden Wetterhähne, verächtliche Feiglinge sein müssen, sie hätten sich um jeden politischen Kredit gebracht, wenn sie jetzt auf den Leim gegangen wären. Es blieb beim früheren Beschluß, und die beiden sozialdemokratischen Kandidaten gingen mit einer erdrückenden, überwältigenden Majorität aus der Urne hervor. So macht man bei uns Politik. Wenn aber die Juden sich auch von Seiten der Sozialdemokraten, vorläufig wenigstens, keiner Feindschaft zu versehen haben, so ist von dieser Seite aber auch auf keine ernste Unterstützung bei Beschwerden, allgemeine jüdische Interessen betreffend, zu rechnen. Eine andere, bürgerlich radikale Richtung repräsentirt die „Nolkspartei," die eigentlich erst seit wenigen Jahren thätig ist. Ursprünglich eine Bauernpartei, kokettirte sie lebhaft mit dem Antisemitismus, da aber dieser bereits von anderen Parteien in Generalpacht genommen und weidlich ausgebeutet wird, so ist von dieser Seite mit ihm lein gutes Geschäft zu machen. Ferner hat die Partei sich stark den städtischen Elementen zugewandt. Vorläufig also hat sie für richtiger gehalten, den Antisemitismus zurückzustellen, sogar ein klein wenig judenfreundlich zu schillern, zumal sie darauf angewiesen ist, einen harten Kampf gegen den jesuitischen Clericalismus zu führen. Sowohl die Personen, die in dieser Partei thätig sind, als auch das Programm, welches sie vertreten, verdient jedoch nicht das geringste Vertrauen. Hinter diesem Scheinliberalismus verbirgt sich ein ungeheuchelter Antisemitismus, den man bei jeder paffenden Gelegenheit hervorholen wird. Als Lockspeise ist der vorgespiegelte Liberalismus gut genug, um die Juden zu verleiten, für andere die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Extrem-radical und zugleich ein Bindeglied zwischen den obengenannten u. den rein antisemitischen Parteien, stellt sich die Partei des berüchtigten Pater Sdojalowski dar. Dieser mit einer hinreißenden Beredsamkeit begabte, aber ebenso confuse als charakterlose Agitator, läßt sich einzig und allein vom zügellosen Ehrgeiz leiten. Er leistete dem galizischen Episkopat hartnäckigen Widerstand und lange blieb sein Programm der Kampf gegen alle Autorität in Staat und Kirche. Als er aber im Reichsrath an der Spitze von vier oder fünf Parteimännern erschien, sah er sich genöthigt, etwas Positives in sein Programm aufzu-