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Der Israelit · 1900-12-03 · Heft 96 (3.12.1900) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 96 (3.12.1900)
Date
1900-12-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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4h Jabraang. s ßrke Aeilage zu M 96 des „Israelit". Leitender Artikel. M Wlizischtii Zulitii >i. iiit PMrathsiuchlt». Lemberg, 2. Dezember. (Schluß.) Alle die in unserem vorigen Artikel ausgezählten Parteien bewerben sich um die Gunst der Juden. Das klingt heutzutage beinahe unglaublich, ist aber doch buchstäblich wahr. Die Juden bilden in den meisten städtischen Wahlbezirken den ausschlaggebenden Jaktor im Kampfe der Parteien und Nationalitäten untereinander. Die absolute Majorität buben wir freilich nur in drei Städtewahlbezirten, aber in sehr vielen bilden wir dagegen eine sehr bedeutende Minorität, mit der jeder Kandidat rechnen must und die gleichsam das Zünglein an der Wage darstelll, von dessen Hinneigen der Sieg oder die Niederlage abhängt. Daher tandidirt denn auch kein Antisemit in den Städtewahlbezirken. Nur in der Curie der Großgrundbesitzer machen sich hie und da antisemitische Allüren geltend, noch mehr treten solche aber in den Landgemeinden hervor. In der durch die jüngste Wahlreform geschaffenen fünften, sog. allgemeinen Curie haben die radicalen Parteien die meiste Aussicht. Cs soll hier das Berbältnist dieser Parteien zu den Juden erhellt werden. Zunächst kommt die sozialdemokratische Partei, ivelche, wie überall, so auch in Galizien, die völlige Gleichberechtigung aller Confeffionen vor dem Staatsgrundgesetz, ohne jeden Hindergedanken und ohne jegliche Restruktion, aus ihr Panier geschrieben hat. Diese Partei hat in Galizien noch ein besonderes Interesse, ostentativ gegen den Antisemitismus Stellung zu nehmen, und außerdem im allgemeinen die religiöse Frage als solche, ohne Feindlichkeit, sondern umgekehrt, mit wohlwollender Neutralität zu behandeln. Nicht etiva darum, lveil ein paar Unteroffiziere des sozialdemokratischen Stabes und ein paar seiner Agitatoren auch Juden, besser: Auck-Juden sind. Das wäre für uie Partei am allerwenigsten ein Grund, sie abzuhalten, ab und zu im Antisemitismus zu machen, oder eine ausgesprochen religionsfeindliche Politik zu treiben. Die Herren nämlich, welche in der Parteiorganisation thätig sind und sich Juden nennen lassen, stehen allem, ivas Juden und Judenthum anbetrifft, kühl bis an's Herz gegenüber. In der Seele verwünschen sie ihr Schicksal, das sie als Juden hat geboren werden lassen; wäre dies nicht der Fall, so sind sie überzeugt, sie würden es in der sozialdemokratischen Hierarchie weiter gebracht haben, während sie so dazu verurtheilt sind, ewig Unteroffizier zu bleiben. Wenn trotzdem die sozialdemokratische Partei sich vom Antisemitismus fernbält, so hat das seinen Grund, abgesehen etwa von der Prinzipientreue und der Konsequenz, in der nothgedrungeneu Rücksicht auf die großen Massen jüdischer Arbeiter und Handwerker in Galizien, denen die Partei in ihrem eigenen wohlverstandenen Interesse nicht vor den .Kopf stoßen will. Denn es steht wohl in den Zeitungen zu lesen, nnd im Parlament wurde es von den ehrenwertben Herren Gregorig, Schneider und Stojalolvski, dem aufhorchenden „hohen" Hause vorerzäblk, daß man unter den Juden keinen manuellen Arbeiter finde, da diese stimmt und sonders vom Wucher und vom Schacher leben. Jeder, der stch mit der Berufsstatistik Galiziens befaßt, weiß es besser, und am besten wissen es wobl die Arbeiterführer, daß in jedem Berufszweig die Juden eine sehr beträchtliche Minorität bilden, in manchem einzelnen sogar die Majorität ausmachen. Kein Streik, keine gemeinsame Aktion der Arbeiterschaft oder der Handwerker kann hier zu Lande zu einem gedeihlichen Cnde geführt werden, wenn sich die jüdischen Massen davon fernhalten würden. Die sozialdemokratische Partei würde also gegen sich selber ivühleu, wenn sie die Juden, anstatt sie mit aller Kraft an ihr eigenes Lager zu ziehen, durch antisemitische Allüren abstosteu würde. Cs muß hier betont werden, daß von Seiten der herrschenden Partei alles gethan wurde, um die jüdische Arbeiterschaft mit Gewalt dem Sozialismus in die Arme zu treiben. Unter den heutzutage in der ganzen Welt obwaltenden ökonomischen Verhältnissen ist jeder um sein und seiner Familie materielles Wohl bedachte Arbeiter aenöthigt, Anschluß an eine Organisation zu suchen, die ihm Beihilfe im Kampfe um seine Existenz zusichert. Auch der jüdische Arbeiter muß es, wenn er nicht im Kampfe untergehen soll. Bei uns, wie überall in der Welt, eristiren Arbeiterorganisationen. Insofern diese Organisationen rein sozialdemokratisch sind, hätten ihnen andere, bürgerlich-neutrale entgegengestellt werden müssen. Allein die allmächtigen Jesuiten haben rechtzeitig das Schlagwort ausgegeben, das beste Mittel wider den Sozialismus sei der Antisemitismus. Und so traten zahlreiche quasi Arbeiterverbindungen in's Leben, deren Mitglieder beinahe ausnahmslos aus — Geistlichen bestanden, und die unter der Maske einer verwässerten Arbeitersreundlichleit eine ausgedehnte antisemitische Propaganda betreiben. Was für eine Wahl hatten nun die Juden? Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich den Sozialdemokraten anzuschließen, da ja alle nicht sozialdemokratischen Arbeiterverbände ausgesprochen antisemitisch waren, und noch dazu von den Landesbehörden offenkundig sanktionirt wurden. „Die Judenkrawalle im Sommer 1898 waren

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