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Der Israelit · 1900-12-03 · Heft 96 (3.12.1900) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 96 (3.12.1900)
Date
1900-12-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Der Brief ist mit dem gerichtlichen Visum und dem Poststempel Pisek versehen. Das Couvert trägt die Adresse: „An Frau Wohlgeboren Marie Hilsner in Groß-Meseritsch bei Trebisch in Mehrn, Judengasse.." Den Eindruck des bösen Gewissens hat man aus diesem Briefe wahrlich nicht. Budapest, 22. Nov. Der aus Anlaß der Milleniumsfeier gestiftete israelitische Landesfonds hat in der Ortschaft Körösmezö im Marmaroser Kvmitate eine konfessionelle ungarische Volksschule gegründet, deren feierliche Eröffnung gestern im Beisein der nichtjüdischen und jüdischen Ortsinsassen stattgefunden hat. Die Juden jener Gegend, der streng-othodoxen Richtung anaehörend, weigerten sich lange, die Wohlthat des von Neologen geleiteten israelitischen Landesfonds in Anspruch zu nehmen. Sie befürchteten mit Recht, daß unter dem Deckmantel von Cultur und Bildung der verführerische religiöse Fortschritt in das leicht empfängliche Kindesgemüth hineingeschmuggelt wird. Die großen Herren Juden und Gönner ihrer zurückgebliebenen Glaubensbrüder versprachen aber, gut und fromm zu sein. Die Beweise müssen freilich erst erbracht werden. Die bisherigen Erfahrungen haben leider immer das Gegentheil bekundet. Das Präsidium ließ sich durch Dr. Franz Mezei vertreten, der eine von patriotischem Geiste durchwehte, schwungvolle Eröffnungsrede hielt. Er wolle die religiösen Gefühle seiner hiesigen Brüder — so sagte der Festredner — in Ehren halten. (Wirklich schön von diesem Herrn.) Doch sei die göttliche Lehre nur dann schön, wenn sie sich mit weltlichen Kenntnissen vereinigt, und der religiöse Eifer besitze nur dann einen hehren Charakter, wenn er sich dem geheiligten Boden des Vaterlandes anpaßt und mit den Sitten des Landes im Einklänge steht. Diese „Anpassungstheorie" war von jeher das Losungswort aller Reformhelden. Was man mit dem verhängnißvollen Anpassungssystem bei den Marmoroser Chasidem beginnen will, das werden die Früchte des Herrn Dr. Mezei am besten demonstriren. Herr Dr. Mezei hat seine Studien am Budapester Rabbinerseminar absolvirt. Er ist also autorisirter Rabbiner. Als solcher war er mehrere Jahre hindurch Kanzlist in der israelitischen Landeskanzlei unter Leitung des Herrn Dr. Simon. Dort lernte er das gesetzestreue Judenthum lieben nach Art seines Chefs. Später wurde er Sekretär der hiesigen großen „Chewrah-Kadischah" und in dieser Eigenschaft wollte er sich einmal für sein Judenthum opfern, als er mit dem jüdischen Redakteur des jüdisch-konfessionellen Blattes „Egyenlöseg" ein Duell ausgefochten. Zum Glück ist dieser jüdische historische Zweikampf damals unblutig verlausen. Herr Dr. Mezei hat indessen auch nachher keine Rabbinerstelle angenommen. Eine Zeit lang hat er auch die theologische Monatsschrift des Rabbinerseminars redigirt, in welcher er stets für die Vereinigung mit den Orthodoxen eingetreten, die er mit seinen Svmpathie-Kundgebungen förmlich erdrücken wollte. 'Auch als Schriftsteller hat Herr Dr. Mezei einen bedeutenden Namen. Seine letzte Arbeit aus diesem Gebiete war eine Schilderung der „jüdischen Verhältnisse" im Maruraroser Komitate, deren Tendenz er jetzt der europäischen Zivilisation zusühren will. Im Jahrbuche der "jüdisch-ungarischen" litterarischen Gesellschaft war diese schriftstellerische Leistung erschienen und hatte im ganzen Lande ungeheure Sensation hervorgerufen. Der Aaerbauminifter hat nämlich einen Kommissär in jene Gegend geschickt, der die Aufgabe hatte, an Ort und Stelle die Ursachen der gedrückten Lage des dortigen armen Rutbenenvoltes zu eruiren und Vorschläge zur Verbesserung der wirthschaftlichen Verhältnisse zu unterbreiteu. Der Abgesandte des Ministers fand es auch heraus, daß an der Noth der Bevölkerung nur die dortigen Juden schuld sind, die, nebenbei bemerkt, so arm und elend sind, daß die Meisten von ihnen als Taglöhner bei den schwersten Erd- und Bauarbeiten ihr Leben fristen. Seit dem Auftreten des Regierungs-Bevollmächtigten in jener Gegend sind nun die armen Juden in ihrer Existenz bedroht und es ist gar nicht abzusehen, wann diese Schreckensherrschaft dort aufhören wird. Charakteristisch ill es aber, daß die Zeitungen, die den offiziösen Antisemitismus des Ministeriak - Kommissärs vertheidiaten, sich mit der obenerwähnten „Schilderung" des Herrn Dr. Mezei zur Sache legitimirten. In dieser Schilderung hat nämlich der Verfasser „aus die großen Schäden" seiner vom Wunderrabbi bethörten Glaubensbrüder hingewtesen. Nach der offiziellen Einweihungsrede sprachen noch der römisch-katholische und der griechisch-katholische Pfarrer des Ortes, worauf Cultur-Missionär Mezei -äM Kronen zur Bekleidung armer Schulkinder Namens des israelitischen Landesfonds spendete. Der Oberrabbiner der Gemeinde >var zur Eröffnungsfeier nicht erschienen. Feuilleton Eersöhnte DZeindo. Bon Babette Fried. 2j Herrmann nahm sich nicht Zeit, das Papier zu entfalten, sondern zerriß es mit nervösem Ungestüm, und das, was er geahnt, sah er auch vor sich liegen, das Eigenthum seines Sohnes Karl. Also Karl war der gefallene Karckerad gewesen; jener fremde Mann hatte ihm eine Todesbotschaft überbracht!

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