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Der Israelit · 1900-12-03 · Heft 96 (3.12.1900) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 96 (3.12.1900)
Date
1900-12-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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2005 Der unglückliche Vater schloß sich in seine verödete Schreibstube ein, rief Niemanden zu sich, zerriß mit eigener Hand die Kleider als Zeichen der tiefsten Trauer, setzte sich auf die Erde und brach nur zeitweilig in den Ruf aus: „Mein Sohn, mein einziger Sohn, ich werde in Trauer um Dich in die Grube fahren!" Rosa war mit der Zurichtung zum Salat fertig geworden. Die Frau des Hauses, ihre Mutter, ruhte schon lange im Erdenschoße und Rosa hatte es sich von damals angelegen sein lassen, ihre Pflichten, so gut es anging, zu erfüllen. Sie deckte den Tisch im Wohnzimmer mit schneeweißem Damast, legte die Sabbatbrode darauf und zündete die Sabbatlichter, die in einem silbernen Armleuchter steckten, mit stillem Gebete an, wie sie es von ihrer theuren Mutter gelernt hatte. Dann begab sie sich in's anstoßende Eomptoir des Vaters, denselben daran zu erinnern, daß es Zeit sei, in die Synagoge zu geben, da er doch niemals an einem Freitag den Abendgottesdienst versäumte. Wie erschrack die arme Rosa, als sie den Vater todtenbleich, mit vom Weinen gerötheten Augen und wirrein Haare auf der Erde sitzen sah. „Karl?" war das Einzige, was sie in ihrer Bestürzung hervorbringen konnte. „Za, Karl, er ist todt! Da sieh, was mir der Soldat von ihm gebracht hat." Als sich Rosa von ihrem ersten Schrecken erholt und die Thronen, die ihr in die Augen getreten waren, ans Rücksicht auf den verzweifelnden Vater tapfer unterdrückt hatte, nahm sie das Vermächtniß des im Kampfe sür's Vaterland gefallenen Bruders zur Hand, nur es einer genaueren Untersuchung zu unterziehen. Da war seine Uhr mit dem eingravirten Namen rknd Datum seiner Barmizloahfeier. nebst der dazu gehörigen Kette und einem Anhängsel, einer in Miniaturbuchfornr gefaßten Mesuse, welches ihm sein Pathe, j der Drtsrabbiner, gegeben, als er vor dem Einrücken j von ihm Abschied genommen hatte, und von ihm gej benscht worden war. Da war auch ein glatter Gold- , reifen, der Ebering seiner seligen Mutter, den er sich j als Andenken an die theure so früh Dahingegangene | erbeten hatte und endlich eine kleine Goldkapsel in Me- >. daillonform, welche das von einem berühmten Künstler gemalte Miniaturportrait seiner einzigen Schwester enthielt. r Rosa mußte sich zugestehen, daß ihr Bruder nur j Angesichts des nahen Todes sich entschlossen haben i konnte, diese Gegenstände, an denen er mit besonderer \ Liebe gehangen, wegzugeben. Tiefe Trauer bemäch-; tigte sich ihrer. Sie erinnerte sich eines Ausspruches.! den Karl bei seinem Abschiede von ihr gethan. und j drückte fast unwillkürlich an die Feder der Kapsel.! welche auch aufsprang. Die Kapsel war leer! Das > Bild war herausgenommen worden. j „Papa!" schrie Rosa aus, „gib noch nicht alle { Hoffnung aus, unser Karl weilt gewiß noch unter den l- Lebenden. Sieh, mein Bild, das in dieser Kapsel war, ist daraus entfernt, und das kann nur Karl gethan haben, denn ein Fremder verstand ja gar nicht das künstliche Schloß zu öffnen, was nur durch die verborgene F"der möglich ist, und hätte auch sonst entweder das ganze Paketchen oder irgend einen werthvolleren Gegenstand sich behalten, als mein Bildniß, welches ja für einen Fremden gar keinen Werth besitzet. Und weißt Du, Papa, was mir Karl gesagt hatte, als er von uns wegging? „Wenn Du. dies Dein Bild durch eine fremde Hand zurückerhälst, so kannst Du mich als Tobten beweinen, denn so lange ich lebe, so lange ein Athemzug in mir ist, werde ich mich von Deinem Bilde, meiner einzigen Schwester, nicht trennen." Umsonst hatte Rosa gesprochen. Der Vater hatte ihr gar nickt zugehört, war auch in einer Gemüthsversasiung, von der jeder Trostgrund wirkungslos abinallte. Wie geistesabwesend blickte er um sich, nur zeitweilig die Worte ausrufend: ..Mein Sohn, mein Sohn, ich werde mit Trauer »m Dich in die Grube fahren!" Zweites Kapitel. In der einfach möblirten, jedoch blitzblanken Stube des Drtsrabbiners Rabbi Simon war der Sabbat eingezogen. Der Hausherr weilte mit seinen drei Knaben noch in der Synagoge, während die Hausfrau in einem frischgebügelten hellen Hauskleide, einer frisch geputzten Haube mit blauem Bande auf dem Kopfe, am Tiscke saß, vor sich den dicken Sidur, ein Erbtheil ihrer seligen Mutter, worin sie eben gebetet hatte. Fhr gegenüber saß die älteste Tochter Annel, welche ebenfalls das Gebetbuch zugemacht hatte, nicht obne auf den Deckel, auf welchem die Bundestafeln mit den Zehn Geboten ausgeprägt waren, pietätvoll einen Kuß gedrückt zu haben. Der heiße, eben verstrichene Tag hatte in der niedrigen Stube eine fast unerträgliche Schwüle zurückgelassen. Die Mutter befahl Anna, eines der Fenster zu öffnen, durch das nun die kühle Abendluft in das Zimmer einzog und erfrischende Kühle verbreitete, durck den entstandenen Luftzug jedoch die Flämmchen der vom Plafond herabhängenden Mesiinglampe in zitternde Bewegung versetzt wurden, so daß flüchtige Schatten an der Zimmerdecke und den Wänden unheimlich herumhuschten. „Mutter, ich fürchte mich so sehr," sagte Anna, „ich möchte lieber das Fenster schließen!" ..Laß' es noch eine Weile offen, Kind, es ist so angenehm hier, lind warum eigentlich fürchten? Hast Du nicht soeben gebetet: „Der Fromme sproßet gleich der Palme, siebet fest da wie die Ceder des Libanon!" Und Dein Vater ist gewiß der frömmsten Einer, was hätte er, was sein Weib und Kind zu befürchten? Doch ich begreife und verzeihe Deine Schwermuth. Das Unglück unseres theuren Vaterlandes betrübt und ängstigt auch Dich. Der Anblick, der Dir heute Nach-

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