Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 96 (3.12.1900)
- Date
- 1900-12-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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9000 GotteZlehre, durch seine rein geistigen Ideale, wie eS den Anschein hat, den Menschen fast unvermerkt von der Beobachtung der Natur und ihrer so überaus vollkommenen Wirkungsweise ab. Andererseits üben eben diese Ideale auf zahlreiche große Geister so bestrickende Wirkungen aus, daß ste in ihre siegreiche Kraft ohne weiteres ein unbegrenztes Vertrauen setzen. Von solchen Erwägungen in ihrem Denken u. Handeln bewußt oder unbewußt bestimmt, fühlen sie sich der Nothwendigkeit Lberhoben, die Strömungen der Zeit in zweckmäßige Bahnen zu lenken. Andere wieder, die zwar im Genüsse der Idee schwelgen, haben aus gewissen unheimlichen Erinnerungen, die sich daran knüpfen, eine Art Grauen, ihrer praktischen Ausgestaltung näher zu treten. An den Begriff hebräischer Kenntnisse heftet sich fast unwillkürlich das Schreckgespenst jener, aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts noch bekannten Anssalt — des Eheders — in welcher solche meist erworben wurden. Gewiß, jene Institute haben, der überwiegenden Mehrzahl nach, für Verkümmerung von Leib und Seele so viel geleistet, daß man sich über die Diskreditirung alles dessen, was an dieselben erinnert, nicht sonderlich zu wundern braucht. Nun hat aber leider auch die neuere jüdische Schule nur so weit, als ihre äußeren Einrichtungen in Betracht kommen, ein modernes Gewand ungezogen. Was den Unterrichtsbetrieb selbst anbelanat, so ist ste noch vollständig in dem engen Gesichtskreise befanaen, wie ihre Vorgänaerin — das Ebeder. — Das Cheder war eben jenes Lehrhaus, in welchem alles, nur nicht die Lehrkunst waltete. Von der rein sinnlichen Wahrnehmung ausgehend, daß anhaltendes Wiederholen und Einprägen derselben Worte oder Wortreihen schließlich eines gewissen Eindruckes auf das Gedächtniß nicht entbehren, ward dieser Vorgang bald das einzige und ausschließliche Mittel, welches zur Aneignung des nothigen Wissen angewendet wurde. Der Gedanke, daß in jedem Lernprozeß ein Raturvorgana sich abwickelt, der nach bestimmten Gesetzen sich vollzieht, laa da völlig außerhalb des Gesichtskreises. Mer sollte nun gar darauf verfallen, das Gej beimniß dieses Vorganges mit der ausgesprochenen j Absicht zu belauschen, um die Gesetze, die dessen Wirken regeln, zu ermitteln? Nur diese Enae und Beschränktheit der Auffassung machen es erklärlich, wenn selbst zu den allernächftliegenden Erwägungen, die auf eine geeignete Sichtung, Auswahl und Abstufung des Lehrstoffes e? absehen, man sich nicht veranlaßt sah. Es ist nicht zu leugnen, daß nach der eben erwähnten Richtung die neuere Schule mancherlei Fortschritte im Vergleiche zu ihrer Vorgängerin aufweift. Nichtsdestoweniger ist ste auch hierbei in den Anfängen stecken geblieben. Dies wird auch so lärmder Fall sein müssen, als der Unterrichtsbetrieb selbst sich nicht zur Höhe einer Kunstleistung erhoben, d. h. einer Thätigkeit, die sich aller ihrer Momente bewußt ist und dieselben von richtig erkannten Gesetzen beherrschen läßt. Daß aber die Technik des Unterrichtsverfahrens selbst es zu keiner auch nur nennenswerten Vollkommenheit gebracht hat, beweist am besten die Unsicherheit, mit der sie von dem einen Extrem in das andere hinüberschwankt. Da rühmt sich der eine seiner handfesten Urwüchsigkeit, die ihn befähigt, sich kurzer Hand über die Grammatik hinwegzusetzen. Er treibt Hebräisch, wie man es halt immer betrieben hat, mechanisch Wort um Wort übersetzend. Das wird so lange wiederholt und gedrillt, bis es geht. Es ist ja bislang immer noch so gegangen, warum nicht in aller Wege auch noch so weiter? Ueberseben wird nur, daß man früher bei Beobachtung dieses Lehrverfahrens den größten Theil der Schulzeit auf eben diesen einen Gegenstand verwendete. Wieviel kostbare Zeit wurde dabei todt-, wieviel unschuldige Rücken wurden dabei blau geschlagen!? Wie vielen wurde endlich der Geschmack an allem Hebräischen für alle Zeiten gründlich verdorben? Das alles waren die beklagenswerthen Folgen der Unbeholfenheit im Lehrverfahren. Die Anderen sind ehrlich genug, um sich nicht vor den nachtheiligen Folgen dieses einförmigen Wortgedresches die Augen zu verschließen. Von der Verwerflichkeit des im Schwünge befindlichen Verfahrens nur allzusehr überzeugt, steuern sie ohne weiteres auf den entgegengesetzten Pol los. Vergessen wird jedoch die hier so folgenschwere Wahrheit, daß etwas recht wohl einen Gegensatz zum Falschen bilden kann, ohne darum selbst noch das Nichtige zu sein. Sie fassen daher die Sache am entgegengesetzten Ende an. Der Schüler soll mit dem Rüstzeug der Grammatik ausgestattet erscheinen, bevor irgend ein hebräischer Text behandelt wird. Der Unterrichtserfolg fällt unter Anwendung dieses Verfahrens nicht viel günstiger aus. Das Erlernen grammatischer Formenreihen ohne jede ' Grundlage in der Sprache ist eine geradezu geisteslähmende, mechanische Leistung. In dem Maße, als jede Möglichkeit für eine Anlehnung und Verknüpfung mit bereits vorhandenen Kenntnissen abgeht, in demselben Maße erfordert deren Aneignung die verwegensten Anstrengungen der Gedächinißkrast. Das auf diese Weise Aufgenommene geräth gar zu bald in eine chaotische Verwirrung. Die gänzliche Lähmung der Gedächinißkrast ist nicht selten das einzige Ergebniß. das der Schüler, der einen derartigen Drill über sich i hat ergehen lassen müssen, für die Dauer behauptet, i Es heißt der Sache selbst auch nicht viel gedient, j wenn die Dritten ihre Forderung dahin formuliren. - beim hebräischen Unterricht soll zwar keine Grammatik; gelehrt werden, derselbe soll aber nichtsdestoweniger : durchaus nicht auf mechanische Weise ertheilt werden, i Das Rezept läuft eigentlich auf die bekannte Forderung hinaus: „Wasch' mir den Pelz — mach' ihn mir aber .JL