Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 95 (29.11.1900)
- Date
- 1900-11-29
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1992] terchen in den siebziger Jahren, trug eine weiße Haube bis herein«), die mit weißen Spitzen und bunten Blumen garnirt war, und zeigte auch in ihrer Kleidung mehr Sympathie für helle Farben. Wie oft sah ich Madame Pesiel mit ihrem grünen irdenen Milchkrug, in dem das blankgeputzte blecherne Seidelmatz steckte, in der Hand, wie sie ihr Gesicht zu einem spöttischen Lächeln, verzog, wenn ihr Golde mit dem großen, mit Semmeln und Strauben gefüllten, mit einem weißen Linnen bedeckten Korbe begegnete, und Golde ihrer Concurrentin böse Blicke zuwarf. Wenn dann zufällig Pessel einer Bekannten begegnete, dann konnte sie gewöhnlich die Bemerkung nicht unterdrücken: „Eso ein alter Narr. Ich habe ihr in meinem Leben nichts Schlechtes gethan und doch wirft sie mir Ries^j zu, als wollte sie mich verschlingen." Trotz der kleinlichen Reibereien miteinander, waren doch Beide gerngesehene tägliche Gäste bei den Frauen in der Judengasse, besonders bei den tratschsüchtigen, die es, wie in jeder anderen Kehillo8) auch in Preßburg genug gegeben. Doch auch die anderen, nicht mit dieser Eigenschaft behafteten Frauen mutzten oft wohl oder übel die von Pessel Milchjüdene mit großer Mundgeläufigkeit publicirten Neuigkeiten in der Kehillo anhören. Sie hatte für Jede etwas Jnteresiantes, und dann, wer konnte dem großen, wie eine Quelle hervorsprudelnden Wortschwall so schnell Einhalt gebieten. Wie oft versuchte es meine gute selige Mutter, die eine Feindin solcher Schemuoth war, den Redeschwall der Frau Pessel zu unterbrechen und sie mit den Worten: „Meine liebe Madame Peffel, Sie müssen schon entschuldigen, ich habe jetzt keine Zeit," zum Schweigen zu bewegen, doch vergeblich. Mit den Worten: „Es dauert nicht lange, ich bin gleich fertig," begann sie ihr in aller Kürze das Jntereffanteste von der verflossenen Nacht mitzutheilen: „Haben Sie schon gehört, Vögele von Reb Jzig Mandel ist gestern Abend e Kalloh-'> geworden mit Chajim, dem Sohn von Reb David Sekeles. Der Jung macht e Glück an dem Mädel. E Zure und eine Wirthin, das gibts nicht mehr. Doch ob er die versprochene Nedan1()) bekommt, das weiß ich nicht, das ist seine Sorg'. Die Leute machen großes Haus, Flausen und es steckt nichts dahinter. Dafür ist gestern wieder ein Schiduch abgegangen. Hannele von Eisig Buchbinder, die mit Rossel, dem Sohn von Chajim Schuster e Kallo gewesen, hot den Schiduch abgehen lassen, weil sie gehört, daß ihr Choßen ’-) brustkrank ist. Ich Hab dies schon lange gewußt, doch was geht mich Narrnberg an. Es gibt schon andere Leut', die dem Mädel die Schmuoh^) gebracht haben. IjWjui: Stirne.. 7) Blicke. 8) Gemeinde. 9) Braut 10) Mitgift. 11) Heirathsparthie. 12) Bräutigam. 13) Nachricht. Bald hätte ich vergessen," begann Pessel auf's Neue, „zu erzählen, „daß gestern noch ein Schiduch abgegangen, diesmal ater von des Choßens Seite. Der Sohn von Schwüle Schneider, der das Bandelkrämergeschäft in der Gaißgasse hat, der hat den Schiduch mit Röchele Pesings Tochter abgehen lassen, weil er gehört, daß sie ein „Gespuse" mit einem Studenten vom Gymnastikum") gehabt, der ihr die Cur auf Tod und Leben gemacht. Ich habe die Neuigkeit von Sorele Wasierträgerin gehört, und es muß doch wahr sein, da ich heute früh Röchele Pesing getroffen und sie hat die Augen untergeschlagen. Wenn ich auch Rachmones W) über sie habe, so ist sie sich selbst Schuld, soll sie auf ihr Töchterl besser Acht geben." Mit diesen Worten nahm sie ihren Milchkrug und empfahl sich, um dann später ihren anderen Kunden die allerneuesten Nachrichten mitzutheilen. Sie setzte quasi eine Ehre darein, die Erste gewesen zu sein, die die Neuigkeiten der verflossenen Nacht veröffentlichte. Was nun Golde Straubenbäckerin betrifft, so pflegte sie Abends, wenn sie ihren Kunden die Semmel brachte, gewöhnlich die von ihrer Concurrentin Pessel publicirten Neuigkeiten zu dementiren, oder richtig zu stellen. Rach ihrem Bericht war die von Pesiel angekündigte Verlobung erst im Entstehen begriffen und noch nicht perfekt, oder die bereits von Pesiel als „abgegangen" gemeldeten Schiduchim für noch bestehend erklärt. Kurz, kein wahres Wort an Pessels ..Schemuoth," wie Golde sich ausdrückte. Im Grunde genommen hatte Golde gar keine Ursache, der Madame Pessel gram zu sein, da dieselbe eigentlich gar nicht ihre Concurrentin war. Erstere handelte mit Milch, Letztere mit Strauben, und an diesem letzteren Artikel konnte kein Mensch mit ihr concurriren, denn darin war sie unübertrefflich. Sie war aber auch nicht wenig stolz auf ihre Kunst. Was nun aber die Publicirung der Kehillo-Neuigkeiten anbelangt, war ihr Genre auch ein ganz anderes, als das der Peffel. Golde befaßte sich nicht mit den gewöhnlichen in Privatkreisen vorgekommenen Ereignissen, sondern zumeist nur mit Koholssachen 1,:) und auch mit den während des Tages vorgekommenen Sterbefällen. Fand z. B. eine Kohols- oder Gabaiimwahl statt, so interesiirte sie sich und andere dafür, wer mit der Würde des Rosch Hakohols^) oder Tuwe Kahol 18) bedacht werden, wer zum Dreißigers oder zum Chewra-Kadischa--0) od. Talmud-Thoragabbe'-"» gewählt wurde, um an der Wahl scharfe Kritik zu üben, und oft zugleich auch dem „abgeworfenen" Rosch Hako- 14) Gynasium. 15) Erbarmen u. Bedauern. 16 Gemeindesachen. 17) Gemeindepräsident. 18) Vorstandsmitglied. 19) (5-iner von den dreißig Gemeinde-Repräsentanten. 20) Vorsteher des Vereins zur Bestattung der Tobten. 21) Verein zur Beförderung des Thora-Studium.