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Der Israelit · 1900-11-29 · Heft 95 (29.11.1900) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 95 (29.11.1900)
Date
1900-11-29
Page
– (sequence 19)
Language
German
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1993 hol oder Gabbe, der sich ihrer Gunst nicht erfreute, noch ein paar Schimpfworte nachzurufen, oder den neugeiväffltcn mit einigen nicfyt weniger als sympathischen Worten zu begrüßen. So horte ich sie einmal, als ein ihr mißliebiger Anise Jrenugabbe^) bei der Wahl dnrchgefallcn, ihrer Befriedigung mit den Worten Ausdruck geben: „Ein guter Ausrahm ist er, der Rosche 23) mein Birschuschem^) soll ihn nicht aufhalten. Er hätte schon lange sollen gehen, der Schofel. Er ist ja mit dem armen Mann umgegangen, wie mit 'me Hund. Dafür ist aber jetzt Reb Mordche Prager gewählt worden. Hunderundzwanzig Jahr soll er leben, ein Tachschit^) von einem Menschen, der hat ein gutes Herz. Die armen Leute werden eine Hanoeh2«) mit ihm haben." An den Roschhakoholswahlen hatte Golde übrigens selten Gelegenheit, Kritik zu üben, da zu dieser Würde zumeist die verdienstvollsten Mitglieder der Gemeinde und die vornehmsten Repräsentanten der Preßburger iüd. Patrizierfamilien ausersehen waren. Doch an der Wahl der „Dreißiger" hatte sie gewöhnlich viel zu nörgeln, besonders in letzterer Zeit, wo durch den Wegzug vieler dem Mittelstände angehörenden besseren Baale Bathim2?) man nicht so skrupulös bei der Wahl der „Dreißiger" Vorgehen konnte, und oft kleine Geschäftsleute wie Greißler2-H Tandler 2^) und Schneider gewählt wurden. Solche „Dreißiger" übergoß sie oft mit der ätzenden Lauge ihres Spottes, und machte sie einmal ihrem Unmuthe in folgenden Worten Luft: „Eine Schand und e Spott? Jetzt wählen sie schon gar Tandlers zu „Dreißiger." Weit gekommen ist es in Preßburg. Solche Anschimer^o) sitzen jetzt bei Kohols Tisch. Es wird noch so weit kommen, daß sie oben mit alten Stiefeln und Hosen haustren gehen werden." Als einmal ein gewesener armer Bochur3') der sich in Preßburg verheirathet, ansässig gemacht und Geschäftsmann geworden, zum „Dreißiger" gewählt wurde, begrüßte sie diese Wahl mit den giftigen Worten: „Hast eine Sechste32) für den Parch. Ich denk' noch, wie er nach Preßburg gekommen mit zerrissenen Nockärmel, daß man die Ellbogen gesehen, und jetzt bläst er sich auf wie so ein janischer33) Hahn, und wird sogar noch dazu „Dreißiger." Es ist schon nicht mehr schön auf der Welt." Wie oben erwähnt, befaßte sich Golde auch mit der 92) Armenvorfteher. 23) Bösewicht. 24) Erlaubntß. 25) Zierrath, Schmuck. 26) Freude. 27 > Gemeindemitglieder. 28) Fragner, kleine Viktualienhändler. 29) TröAer- 30) Männer. 31) Rabl'inatsfchüler. 32) Glück. 33) Jdian, wälfcher Hahn. Verkündigung der vorgekommenen Todesfälle. War gerade unter den Verstorbenen einer, dem sie nicht hold war, so konnte man von ihr oft die Worte vernehmen: „Man soll einem Todten nichts Böses nachsagen, doch die Wahrheit darf man sagen." Nach dieser Einleitung ließ sie dann ihrem Redewerkzeug freien Laus, um über den armen Todten alles mögliche Nachtheilige zu erzählen. Wenn es keine Koholsache zu erzählen gab. so befaßte sie sich auch mit der Publicirung aller Tags vorher sich ereignender Falliments und Cridas der Gemeindemitglieder. War einer der Cridatare darunter, dem sie nicht gewogen, und dessen Leichtsinn und Verschwendungssucht an seinem Unglück Schuld war, da sollte diesem Gott gnädig sein, was da ihre Kundinnen von ihm zu hören bekamen: „Haben Sie schon gehört," begann Golde, kaum daß sie zur Thüre hereingekommen und den Semmelkorb medergestellt, „Mendel Steiner hat gestern Crida angesagt mit 300,000 Gulden!? Man hat es ja vorausgesehen, den Putz und die Flausen, was die Leute gemacht haben, besonders sein Weib. Wer sie am Schabbes in die Schul gehen gesehen hat. mit einem blauen Seidenkleid, voll mit Spitzen, mit ner großen Schleppe, daß sie die ganze Jndengasse und den Schloßberg ausgekehrt hat, mit einer großen goldenen Kette und e Uhr, ihre Töchter ausgestrenzt34) mit weiße Hüt und große rothe Maschen und einem ganzen Garien Blumen darauf, wer da gewußt, wie gut die Leute gelebt haben, nix anderes wie Bratelech und Torten haben sie an Wochentag gegessen, der hat gewußt, daß einmal ein großer Krach berauskommen wird." — „Auch bei Chajim Boskowitz haben sie gestern gepfändet. Sein Weib hat Gewalt geschrieen, als der Executor den Siegel auf die Kasten anlegte, hat aber nichts genutzt. Vielleicht kommt es nicht zur Licitation und gleicht sich Chajim Boskowitz aus. Nebbach der arme Mensch! Er ist ein braver Mensch, aber ein großer „Potsch." Sein Weib Hai die Hosen an, sie braucht zuviel und weiß nicht zu wirthschaften. Wie soll das kleine Schnittwaarengeschäft so viel Geld abwerfen, was sie brauchen kann." In diesem Ton pflegte Golde die neuesten Nachrichten von den Ereignissen der Judengasse Jahrzehnte lang ihren neugierigen Kunden zu bringen, bis durch Gottes Fügung ihr redseliger Mund plötzlich verstummte. Eines Morgens kam Pessel Milchjüdene mit trauriger Miene zu ihren Kunden mit der Nachricht, daß Golde nebbich gestern Abend plötzlich vom Schlage gerührt und in der Nacht verschieden sei, bei diesen Worten sich die Thränen von den Augen abtrocknend; der Tod söhnt alle Gegensätze aus. Mit dem Hinscheiden Golde's war Preßburg um eine Rarität ärmer geworden und hatte die interessante „Abendpost" zu erscheinen aufgehört, was von den 34) Aufgedonnert.

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