Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 95 (29.11.1900)
- Date
- 1900-11-29
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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MM füröoöG^-.' Orthodoxe MüderühumÄ lasra WM 1mmm ^reßburger ^hettobitder. Lebende Zeitungen. von Hermann TAkrirrger, Frankfurt am Main. Verwundert höre ich den geehrten Leser ausrufen: Lebende Zeitungen!' Dies ist ja eine Unmöglichkeit! Unser modernes Zeitalter hat so manches Un glaubliche zu Tage gefördert, wie z. V. lebende Reklamen; dies sind nämlich mit Reelamezettel behängte arme Menschen, die in den Straßen der Großstädte herumspazieren und auf diese Weise für die ihnen auftraggebenden Firmen Reelame machen. Die Pariser Ausstellung hat die staunende Welt wieder mit einem interessanten Unicum, den fahrenden Trottoirs überrascht. Doch lebende Zeitungen, davon ist bis jetzt noch nie etwas gehört worden, dies wäre wirklich auch in unserem, an Erfindungen reichen Zeitalter, ein sehenswerthes Mirakel. Und doch haben solche vor Jahren im alten Preßburger Judenghetto existirt, und dies waren eben die beiden Heldinnen unserer Schilderung: „Peffel Milchjüdine" v) und „Golde Strau benbäckerin" 2 selche erstere von den spottsüchtigen Bewohnern der Judengasse „Die Morgenpost" und letztere „Die Abendpost" benannt wurde. Pessel Milchjüdene verdankte diesen Spottnamen ihrem Berufe als Milchverkäuserin, in Folge dessen sie sehr früh morgens ihren jüdischen Kunden die Milch in's Haus brachte, weßhalb sie auch zugleich in der Lage 1) Milchfrau. 2) Bäckereien von aus Bnttertelg erzeugten Gebäck. war, alle in der verflossenen Nacht sich ereigneten Neuigkeiten und Vorkommnisse brühwarm ihren oft von Neugierde geplagten Kunden zu publizieren. Golde Straubenbäckerin, die Abends ihre das Auge ergötzenden und den Gaumen kitzelnden, wohldustenden Strauben ihren Kunden brachte, trommelte Wieder die im Laufe des Tages in der KehillcG) vorgefalleuen Ereignisse aus, daher sie mit dem Spottnamen „Die Abenpost" bedacht wurde. Golde handelte auch mit Semmel, welche sie ihren Kunden auch morgens in's Haus brachte. Doch mit ihren Neuigkeiten vom vorigen Abend kam sie immer zu spät, da ihr Madame Pessel, die mundgeläufige, schon zuvorgekommen war. Sie war daher auf ihre Concurrentin Pessel nicht gut zu sprechen und oft dementirte die in Golde verkörperte „Abendpost" die von der „Morgenpost" Pessel als authentisch publizierten Neuigkeiten mit den Worten: „Sie weiß von ihr Chajes 4) zu sagen, es ist alles Lüge, was sie sagt." Beide Rivalinnen waren auch in ihrem Aeußeren verschieden. Pessel, die noch in den fünfziger Jahren stand, trug einen Scheitel'') unb kleidete sich zumeist in dunklen Farben. Golde hingegen war ein altes Müt- 3) Gemeinde. 4) Leben. 6) Perücke.