Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 95 (29.11.1900)
- Date
- 1900-11-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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4t* Jahrgang. Erste Anlage zu M 95 des „Israelit". Leitender 2t r t i t e L. Eine zeitgemäße Lruge. Man schreibt uns: In Nummer 91 Ihres geschätzten Blattes sowie in Nummer 44 und 45 der „Jüdischen Presse" hat Herr (5. aus -k. unter dieser Aufschrift eine Warnung an die jüdischen Eltern ergehen lassen, ihre Kinder nicht der Landwirthschaft zuzuführen, da sie als solche den Schabbos zu halten nicht im Stande seien und außerdem auch nicht religiös leben könnten, sowie auch noch aus dem Grunde, daß die Juden auf dem Lande von ihren Nachbarn beunruhigt würden. Es wird lein Mensch leugnen können, daß es heute bei der strengen Sonntagsruhe dem orthodoxen Juden schwer faßt, den Schabbos zu halten. Ich bestreite aber, daß die Befolgung der streng-jüdischen Vorschriften siir Gärtner und Landwirthe schwieriger sein kann, als sie es für Kaufleute, Handwerker oder Recktsgelehrte ete. ist, da es den jungen Leuten in diesen Berufen heute außerordentlich schwer fällt, noch Stellungen zu bekommen, wo es ihnen gestattet ist, den Schabbos zu halten. Sogar in Banken, die zum großen Theil mit jüdischem Kapital gegründet und deren erste Beamte theilweise Juden sind, ist es heutzutage für Juden überhaupt schwierig, Stellungen zu erlangen. Zwar bin ich nicht der Ansicht, daß man jüdische Kinder überreden soll, Landwirthe zu werden, nur um den antisemitischen Angriffen gegenüber beweisen zu können, daß auch Juden Landwirthschaft betreiben, immerhin sollte man aber für alle Fälle jüdischen Kindern schon während ihrer Schuljahre Veranlassung geben, neben den intellektuellen auch die praktischen Fähigkeiten auszubilden. Wo es irgend möglich ist, müßte man daher Schulkinder Unterricht in Handfertigkeit und Gartenbau ertheilen lassen, wie dies unter anderen in der Israelitischen Erziehungsanstalt zu Ahlem geschieht.' In dieser Anstalt genießen die Kinder diesen Unterricht in rationeller Weise und zwar so, daß es den Zöglingen sozusagen als angenehme Unterhaltung und Abwechslung erscheint. Das Ergebniß dieser Anregung ist, daß in dem Schulgarten die schönsten Früchte gezogen werden. Aufgabe des Lehrers ist es, zu beobachten, welche Kinder besondere Lust und Liebe für Bodenkultur zeigen und nur diese werden veranlaßt, den Beruf der Landwirthschaft und Gärtnerei zu ergreifen. - während andere für ein Handwerk oder andere Berufsarten ausgebildet werden. Junge Leute, welche die Gärtnerei und Kleinwirthschaft erlernen wollen, können alsdann in der Lehrlingsabtheilung dieser Anstalt in drei Jahren so weit vorgebildet werden, daß sie später als Gehülsen bei Handelsgärtnern oder Privatgärtnern arbeiten können. In der Anstalt erhalten Alle, auch Diejenigen, welche auf einem freieren Standpunkte stehen, eine streng-religiöse Erziehung, damit iverden alle bezügl. Einwände hinfällig, da eine derartige Erziehung niemals schaden kann. Diejenigen, welche weiter orthodox leben wollen, finden allerdings unter weniger j günstigen Bedingungen Anstellung und müssen mit | einem kleineren Gehalte zufrieden sein, wenn sie nicht gerade bei frommen Juden Anstellung finden. In ' solchen Fällen muß die Unterstützung der frommen » Glaubensgenossen in Anspruch genommen werden, wie ) dies ja auch bei den religiösen Handwerkern der Fall sein muß. Sobald die Zöglinge die Anstalt verlassen, haben die Eltern oder Angehörigen zn bestimmen, ob der junge Mann fernerhin streng-religiös leben und den Schabbos halten soll oder nicht.*) Hat der junge Mann lange genug als Gebülfe gearbeitet, um selbstständig werden zn können, so wird ihm Gelegenheit geboten, sich anr jüdischen Friedhöfen eine selbstständige Stellung zu beschaffen. Ein anderes Mittel, seinen streng-religiösen Standpunkt zu behaupten.! liegt auch darin, daß fick ein jüdischer Gärtner mit j einem christlichen vereinigt, um für diesen Sonntags! zu arbeiten, wahrend jener die Arbeit seines jüdischen j Kollegen am Samstag übernimmt. Denjenigen aber, j denen dies nicht möglich ist, bietei sich, namentlich j wenn eine große Anzahl vorhanden ist, Gelegenheit, nicht nur in Palästina, Syrien und anderen Theilen der Türkei, oder in Argentinien, sondern auch in den verschiedenen englischen Besitzungen, sowie in den Bereinigten Staaten Kolonieen zu gründen, wo ihnen gestattet wäre, den Schabbos zu feiern und den Sonntag zu arbeiten. Man braucht nicht einmal weit zu gehen. Schreiber dieses, der in Bosnien gewesen ist, wo auf einem vorzüglichen Boden die Obstkultur ausgezeichnet betrieben werden kann, hat - mit den maßgebenden dortigen Persönlichkeiten Rücksprache genommen und in Erfahrung gebracht, daß der Ansiedlung wirklich tüchtiger jüdischer Gärtner und Landwirthe durchaus kein Hinderniß in den Weg gelegt wird. In Bosnien feiert *) Hier müßte doch die Erziehung in der Anstal: eine derartige sein, daß der junge Mann unter allen Umständen, selb t gegen den Willen der Eltern und Vormünder, den unerschütterlichen Willen hat, auf dem Boden des jüdischen Gesetzes stehen zu bleiben. Red. d. „Israelit*.