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Der Israelit · 1900-11-29 · Heft 95 (29.11.1900) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 95 (29.11.1900)
Date
1900-11-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1981 Feuilleton ersöhnte Meinde. Bon Bavette Zriev. ij Erstes Kapitel. Heißer Sonnenschein brütete auf dem pslasterlosen, holprigen Marktplatze eines im südlichen Theile Böhmens gelegenen kleinen Landstädtchens. Die kleinen mit alten Holzschindeln bedeckten, meist nur einen Stock hohen Häuser, welche den großen Platz umgaben, warfen kaum einen Schatten. Kein Lüftchen wehte erfrischende Kühlung zu, bewegte nicht einmal die Staubmassen, welche da aufgehäuft waren, und die solange gewöhnlich liegen bleiben mußten, bis sie von einem Windstoße emporgewirbelt, oder von einem wohlthätigen Regen in eine Kothmaffe verwandelt wurden. Das Institut des Gassenreinigens war in dem, vom großen Weltverkehr entlegenen Städtchen, noch nicht eingeführt worden. Es war recht unbehaglich und schwül um diese Mittagsstunde. Unbehaglich und schwül war es auch Denjenigen zu Muthe, welche um diese Zeit den sonst öden Marktplatz belebten. So viele ihrer auch da waren, Männer, Frauen und Kinder, man hörte kein lautes Wort sprechen, am wenigsten aber hätte man ein heiteres oder gar ein Scherzwort vernommen. Leise flüsternd unterhielten sich die Nebenstehenden mit einander, und, man konnte es an ihren Mienen erkennen, über ein ernstes, trauriges Thema. Was mochte es wohl sein, daß fast sämmtliche Bewohner dieses stillen Städtchens heute ihre kühlen Wohnungen verlassen hatten, um sich da auf offenem Markte den sengenden Sonnenstrahlen auszusetzen? Was war es, daß diese so fleißigen Bürger, welche sich sonst kaum des Abends ein Stündchen Zeit gönnten, um von der harten Tagesarbeit auszuruhen, oder im Wirthshause bei einem Glase Bier mit anderen Freunden die großen Zeitereignisse durchzusprechen, daß diese Leute alle heute müßig gaffend umherstanden? O, das hatte einen gar triftigen Grund! Es war der Sommer von 1866 gewesen, das für Oesterreich so unglückliche Kriegsjahr. Eine flüchtende Familie, welche aus Angst vor dem nahenden Feinde Haus und Hof verlassen und hier durchgezogen war, hatte den erschreckten Bewohnern des Städtchens eine gar traurige Geschichte gemeldet. Es war wieder eine Schlacht geschlagen, welche, wie so manche frühere, verloren war, und ein Truppentheil sollte auf feiner Flucht vor dem verfolgenden Feinde durch das Städtchen ziehen, um womöglich von da aus das feste Tabor zu erreichen, wo er mit den anderen Truppentheilen zusammenstoßen und hinab nach Niederösterreich zum Schutze der gefährdeten Haupt- und Residenzstadt Wien ziehen sollte. Diese flüchtenden Soldaten zu erwarten, war Alles hierher geeilt, und es war nicht allein müßige Neugierde, welche die Stadtbewohner hierhergelrieben. sondern in den meisten Fällen das Verlangen, den unglücklichen Vaterlandsvertheidigern eine Erquickung zu gewähren. In größeren oder kleineren Gruppen stürmten die fliehenden Soldaten dem Platze zu, schweißtriefend, mit Staub und Schmutz bedeckt, gar Biele todesmatt und krank. Den sie Umdrängenden Rede und Antwort zu geben, war keine Zeit übrig; der Feind war ja auf den Fersen, und wenn man nicht in den Gassen der Stadt das furchtbare Schauspiel eines Gemetzels erleben wollte, mußte man die unglücklichen Krieger weiterziehen lassen, von tausend Segenswünschen begleitet. Kaum, daß soviel Zeit blieb, um den Eilenden einen Labetrunk, eine Stärkung und kleine Wegzehrung zu verabfolgen. Einer der Eifrigsten im Vertheilen der Liebesgaben war der Vorsteher der jüdischen Cultusgemeinde. Ignatz Herrmann. Im dichtesten Gedränge übersah er kaum Einen, dem er nicht ein Glas Bier anbot, und sein ihm zur Seite stehendes Töchterchen Rosa langte ununterbrochen Brod und Wurst aus dem danebenstebenden Rückenkorbe, der immer wieder von der geschäftig ab- und zulaufenden Magd gefüllt wurde. Der Truppentheil, der hier führerlos in ungeordneter, kopfloser Hast durchstürmte, gehörte ja dem Regimente an, welchem Karl, der einzige Sohn des Vorstehers, zugetheilt war. Es war die diesem wohlbekannte Uniform, wenn auch vielfach zerrissen und beschmutzt, welche diese Soldaten trugen. Wiederholt wollte er nach seinem Sohne fragen, aber Niemand nahm sich Zeit, ihm Antwort zu geben. Fort! weiter! Gegen Tabor zu, das war die Losung! Ein Soldat, dem er eben mit einigen herzlichen Worten die so ersehnte Labung gereicht hatte, sah ihn forschend an und sagte, das geleerte Glas zurückgebend: „Sie scheinen ein Jsraelite zu sein, mein Herr! Kennen Sie den jüdischen Vorsteher in dieser Gemeinde, Herrn Ignatz Herrmann?" „Der bin ich selber," antwortete hastig der Gefragte. „Dies sendet Ihnen ein gefallener Kamerad!" Bei diesen Worten zog er aus der Tasche ein in schmutziges Papier gehülltes Päckchen, und fort war er, den Anderen nach. Hunderte Andere kamen wieder an, noch eilender, in noch schrecklicherem Zustande. „Um Gotteswillen einen Trunk Bier, einen Bissen

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