Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 95 (29.11.1900)
- Date
- 1900-11-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1976 Ein Vorurtheil ist es hauptsächlich — wir folgen hier einer Ausführung von David Kaufmann in der „Haggadah von Serajewo" — welches die Vernachlässigung dieses Gebietes begünstigt hat, die allverbreitete Vorstellung, daß die Nachbildung von allem dem, was „im Himmel oben und auf der Erde unten ist," im Judenthum als religionsgesetzlich verboten gilt. Diese falsche Auslegung glaubte, statt von den Thatsachen sich eines Befferen belehren zu lasten, das Buch zuschlagen und von Allem, was jüdische Kunstthätigkeit im Laufe der Zeiten denn doch hcrvorgebracht haben mochte, von vorn herein absehen zu dürfen. Weil es angeblich bei den Juden keine Bilder geben sollte, darum gab es keine. In diesem verderblichen Zirkel bewegte sich die kunstgeschichtliche Anschauung lange genug, um das Fehlen dieses ganzen Kapitels in ihren Lehrbüchern erklärlich zu machen. In Wahrheit aber stand der künstlerischen und besonders der aller Anbetung entrückten Nachbildung der Dinge auf der Fläche nach jüdischen Begriffen niemals etwas im Wege. Hatten doch selbst die bedenklicheren und oft genug bekämpften plastischen Darstellungen in Thier- und Pflanzenornamenten auf den Werken der Stickerei, der Gold- und Silberschmiedekunst zum Schmucke des Gottesdienstes ihren Weg in die Synagoge gefunden. Wie hätten da die religionsgesetzlich völlig bedenkenfreien Schöpfungen der Zeichenkunst und Malerei jemals einem ernstlichen Widerstand begegnen sollen? Weit entfernt, der Ausbreitung der Malerei in den Handschriften Hindernisse in den Weg zu legen, besaß die Svnagoge sogar in gewissem Sinne den Mutterboden, der für die Aufnahme und Förderung dieses Kunsthandwerkes die natürlichste Eignung hatte, in der Institution der unter dem Schutze des Religionsgesetzes arbeitenden Schreiberzunft. Wie noch heute die Schreiber der zum synagogalen Gebrauch bestimmten Thorarollen die letzten Vertreter des ausgestorbenen, einst hoch angesehenen und blühenden Schreiberhandwerkes darstellen, so war die Schreibekunst durch ihren geheiligten Gebrauch im Judenthum von Anfang an bevorzugt und ausgezeichnet. Wohl scheint diese streng bis in's Einzelne durch Vorschriften geregelte Kunst Freiheit und Entwickelung völlig auszuschließen, allein die Regeln dieses Kunstgesetzes selber, wie die dem individuellen Geschmacke nach manchen Seiten hin überlassene Wahl der Größe, Form und des Duktus der Buchstaben, wie auch in der Einheit in der Vorlage auf die Columnen enthielten so viele fruchtbare Momente zur Ausbildung einer wirklichen kalligraphischen Kunst, daß der Uebergang von hier zur Malerei nur noch einen Schritt auf das benachbarte Gebiet bedeutete. Eine große Aufgabe, für die noch ft gut wie Alles zu thun ist, aber auch eine überreiche tarnte harrt der kunstgeschichtlichen Forschung, vorzüglich noch auf einem Gebiete, dem des jüdischen Gebeirituals. Hier haben Angebot u. Nachfrage, der künstlerische Arbeitsdrang nnd das Bedürfniß der Frommen sich vereinigt, um vom dürftigsten Ornament bis zum luxuriösesten Vilderschmuck eine Kunstthätigkeit hervorzurusen, deren Richtungen nach Zeit und Ländern, selbstständige Motive nnd fremde Einwirkungen zu scheiden und zu kennzeichnen, ein Ziel ist, das vorläufig nur ausgesteckt, aber noch nicht erreicht werden kann. Mas hier David Kaufmann vom Gebetrituale sagt, das gilt auch von tausend anderen Dingen jüdischen Gebrauchs. „Und ein Mensch war bis jetzt nicht da, das Feld zu bearbeiten." Diese Worte der Bibel lassen sich treffend aus das Feld der Kunstgeschichte anwenden. Die Scheidung, Sichtung, Sammlung und Erhaltung jüdischer Kunstdenkmäler ist ein Feld, dessen Bearbeitung bis jetzt brach gelegen hat. Mit umso größerer Freude können wir heute eonstatiren, daß auch hierin ein großer Schritt nach vorwärts geschehen. Die in Frankfurt a. M. vor Kurzem gegründete „Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler" Hai den ersten prächtig ausgestatteten Band ihrer Mittheilungen soeben zum Versandt gebracht und es ist erquickend zu sehen, wie viel die junge Gesellschaft bereits geleistet hat und was sie Alles in Kürze zu thun beabsichtigt. Es ist bekannt, daß die genannte Gesellschaft auf eine Anregung des Museumsdirektors Frauberger in Düsseldorf durch den bekannten Philantropen und den für alles Edle begeisterten Herrn Charles L. H all - garten in Frankfurt a. M. begründet und durch dessen persönliche Opfer mächtig gefördert wurde. Der Zweck der Gesellschaft wird in den vorliegenden Mittheilungen als ein doppelter bezeichnet: 1) Die künstlerischen Neste aus der Vergangenheit und die künstlerischen Leistungen der Gegenwart, soweit sie von Juden oder für die Zwecke des jüdischen Cultus geschaffen sind, in Abbildungen, Nachbildungen und Originalen zu sammeln; 2) die gewonnenen Sammlungen in geeigneter Weise für wissenschaftliche und künstlerische Zwecke nutzbar zu machen. Bereits befinden sich eine große Reihe jüdischer Gegenstände im Besitze der Gesellschaft, wenn das Material erst noch mehr angewachsen, soll es durch Vorträge, in denen Abbildungen vorgeführt werden, bekannter gemacht werden. Ein Auskunftsbüreau soll Gemeinden, welche neue Snnagogen zu bauen, alte auszubessern haben, Allen, inelche neue Eultusgegenstände Herstellen lassen wollen, mit Rath und That zur Seite stehen. Geeigneten Falls sollen auch Preisausschreiben für für jüdische Eultuszwecke hergestellte Entwürfe veranstaltet werden. Die Mittheilungen der jungen Gesellschaft schließen mit den folgenden Worten des Herrn Director Frauberger: Es würde ja nicht schwer sein, die Aufgaben der ..Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler" durch Angabe weiterer Arbeitswege