Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 95 (29.11.1900)
- Date
- 1900-11-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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" Jahrgang. Jg 95. Ein Gentrat-Hrgan für das orlhovozee SudentHum. Begründet von Dr. in Wtt*in%. Donnerstag, den 29. November 5661 (1960). Leitender Artikel. Hiebt es eine jüdische Kunst? Mainz, 28. November. Gibt es eine jüdische Kunst? Fast wäre man versucht, diese Frage zu verneinen. Forscht man in der Geschichte der Kunst aller Zeiten und aller Völker, so wird man vergebens etwas über jüdische Kunst zu finden hoffen. Die Kunst Palästinas ist in den Lehrbüchern der Kunstgeschichte als vorgriechische Kunst Syriens, speziell Phöniziens, behandelt, dessen Einfluß sich auf das nächste Hinterland der syrischen Küste, also auch auf Palästina erstreckt habe. Die Beschreibung des Tempels und des Palastes Salomo's im ersten Buch der Könige (Kap. 5—8), so sagt man, lasse keinen Zweifel daran, daß Salomo seine Bauten durch phönizische Werkmeister ausführen ließ. König Hiram von Tyrus folgte — zwischen 900 u. 100 vor der gew. Zeitrechnung — willig dem Ansuchen seines Freundes Salomo, ihm Steinhauer und Zimmerleute für den Tempelbau zur Verfügung zu stellen, und Hiram hieß zufällig auch der Erzgießer, der Meister in Erz „voll Weisheit, Berstand und Wissenschaft, allerlei Werk in Erz zu machen." Der zweite Tempel zu Jerusalem in seiner letzten Erneuerung zeigte gewiß nichts mehr von einem specifisch jiidischen Stile. Herodes, der Erbauer desselben, der sich in der Gunst des Augustus zu erhalten wußte, folgte in der Anwendung der griechisch-römischen Bauart bei der Neuerrichtung des Tempels dem Stile der Zeit. In Spanien, wo die jüdische Dichtkunst und Litteratur zu so hoher Blüthe gelangte, kann von einer jüdisch-plastischen Kunst nicht gesprochen werden. Die hervorragendsten Bauwerke des spanischen Judenthums, die beiden Synagogen in Toledo, die jetzt als christliche Kirchen dienen, sind Beispiele des „Mudejarstils" aus dem 13. und 14. Jahrhundert. So pflegt man die christlich - maurische Bauweise zu bezeichnen. In Spanien fuhren nämlich die christlichen Herrscher nach der Vertreibung der Mauren fort, sich Bauten von maurischen Meistern in maurischem Geschmack errichten zu lassen. Also auch hier kein jüdischer Stil. Daß auch in den andern Ländern des Exils die jüdischen Künstler sich an die Weise derjenigen Völker anlehnten, in deren Mitte sie wohnten, dürfte als bekannt vorausgesetzt werden. So zeigt die im 14. Jahrh. erbaute und 1619 zerstörte Synagoge zu Regensburg den sogenannten Uebergangsstil vom Romanischen zum Gothischen und die etwas früher erbaute und uns noch heute erhaltene Synagoge zu Worms ist im rein romanischen Stil errichtet. Und doch soll es eine jüdische Kunst geben und doch entstehen allenthalben Vereine zur Pflege und Förderung der jüdischen Kunst? Gewiß, es gibt eine jüdische Kunst. Ein Volk, das von der Scholle vertrieben und von allem politischem Einfluß ausgeschlossen, oft den härtesten Schlägen und den wüthendsten Verfolgungen ausgesetzt, es verstanden hat, sich immer den unerschütterlichen Glauben an seine Zukunft und mit bewunderungswürdiger Widerstandskraft und Zähigkeit seine Eigenart zu retten, ohne im Strom der Jahrtausende unterzugehen, ein solches Volk hat sicherlich, wenn es Gegenstände der Kunst verfertigte, sich nicht selavisch an fremde Vorbilder gehalten. Mag eine Anlehnung der jüdischen Künstler an die Weise der Anderen stattgesunden haben, eine solche bedingt aber noch nicht ein vollständiges Aufgehen, es läßt die jüdische Eigenart oft so stark zum Ausdruck kommen, daß von dem ursprünglichen Vorbilde nichts mehr zu erkennen ist und das ist es, was wir heute unter jüdischer Kunst verstehen und pflegen und entwickeln wollen.