Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 94 (26.11.1900)
- Date
- 1900-11-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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P '[l ^ILI1^ltyai -^^^p>sgviay<yy- 4t. Jahrgang. Erste Aeilage zu M 94 des „Israelit" * Leitender Ar ti k e t Deutsche und j)oien. Posen, im November. Bei dem Kampf zwischen Deutschen und Polen in der Ostmark begegnen wir der Erscheinung, daß die Polen bei ihren Bemühungen, auf wirtschaftlichem Gebiete Terrain zu erobern, die größten Erfolge zu verzeichnen haben. Während vor einem Menschenalter an manchen Orten kein ein Gewerbe oder den Handel betreibender Pole zu finden war, haben sich diese Verhältnisse im Laufe der Zeit und namentlich in den letzten Jahren, total verschoben. Die Zahl der polnischen Geschäftsleute nimmt ständig und zwar in einem beträchtlichen Umfange zu. Die Leidtragenden sind vor allem die Juden, die früher in den Städten den Handel zu einem sehr großen Theil, an manchen Orten sogar fast ausschließlich in den Händen hatten. Interessante Angaben finden sich darüber in einer Zuschrift, die die „Pos. Ztg." zum Abdruck bringt: Im Jahre 1871 betrug die Gesammtbevölkerung der Provinz Posen 1,683,843 Personen, von denen 61,437 Juden waren, 1896 dagegen befanden sich unter einer Gesammtbevölkerung von 1,828,633 Köpfen nur noch 40,019 Juden. In einer Reihe kleinerer Städte war die Verminderung der Zahl der Juden von 1886 bis 1896 besonders auffällig. Die Zahl der Juden siel, um nur ein paar Beispiele von vielen anzuführen. in Birnbaum von 294 aus 160, in Bojanowo von 140 auf 68, in Grätz von 666 auf 366, in Rawitsch von 1077 auf 680, in Schrimm von 1200 auf 600, in Lions von 661 auf 113, in Samotschin von 329 auf 123, in Tremessen von 360 auf 174. Der Rückgang der jüdischen Bevölkerung ist hauptsächlich daraus zu erklären, daß die Juden aus ihrer Nahrung herausgedrängt werden. An die Feststellung dieser Thatsachen knüpft nun der erwähnte Artikel in der „Pos. Ztg." die nachstehenden Bemerkungen: „Der Ostmarkenverein stellt sich das Ziel, das Deutschthum im Osten zu kräftigen, es in seinem Konkurrenzkämpfe gegen die stetig fortschreitenden Polen zu unterstützen! Ist es dann nicht merkwürdig, daß nicht zu allererst die Juden in Schaaren sich zum Eintritt in diesen Verein gemeldet haben, sie, die doch zum größten Theil die Kosten dieses Kampfes bezahlen? Die Erklärung des Gegentheils liegt darin, daß die Juden sich nicht nur von den Polen angegriffen sehen, sondern leider auch von vielen ihrer christlichen deutschen Mitbürgern. Der Ostmarkenverein kämpft lediglich für diese letzteren, gegebenenfalls bekämpft er die Juden. Der dem Osten entstammende Bund der Landwirthe schließt Juden von der Mitgliedschaft aus; die gegründeten deutschen Kaufhäuser in kleinen Städten machen die vorhandenen jüdischen Geschäfte erwerbsunfähig. Es ist nie bekannt geworden, daß die Regierung aus ihrem großen Fonds ein Stipendium einem Juden gegeben hätte. Die gesammte Subalternkarriere ist ihnen thatsächlich verschlossen. Und der unverstellte Antisemitismus ruft: Kauft bei keinem Juden. Nun stelle man sich den Kampf vor: Die Polen stehen geschlossen da; sie haben ihren Kastengeist überwunden, bewunderungswürdig ist ihre Organisation und die persönliche Hingabe des Einzelnen; sie lieben ihre Heimath, und ihre Kinder bleiben hier. Und die deutsche Seite: Die im Interesse des Dienstes in den Grenzen des Reiches allzu häufig versetzten Staatsbeamten fassen hier weder für sich, noch weniger für ihre Kinder festen Fuß. Im Uebrigen ein sich Ab- und Ausschließen nach Ständen, Berufen und nach Konfessionen, kurz, die weitgehendste Spaltung. Ein nicht unbedeutender Theil: die Juden, sehen sich gezwungen, bei diesem Kampfe mit „Gewehr ab" zu stehen, wenn sie nicht gar zwischen zwei Feuer kommen wollen. Der Kampf ist zu ungleich, auch wenn das Schwergewicht des Staates zu den Deutschen steht. Die Polen werden in ihren Fortschritten nicht aufgehalten werden, sie sind es, die zumeist die Plätze der sich vermindernden Juden einnehmen, nicht etwa von Westen hereinkommende christliche Deutsche. Die neuesten Maßnahmen der Regierung, die zur Hebung der Provinz geschehen und vorgesehen sind, sind gewiß von Nutzen, allmählich erkennt man auch, daß Kastengeist und Hochmuth hier nicht am Platze sind, aber zu der Erkenntniß ist man noch nicht ganz durchgedrungen, daß in dem Kampfe um die wirthschaftliche Vorherrschaft der Antisemitismus der beste Verbündete der Polen ist." Die hier vertretene Anschauung ist durch gute Gründe gestützt. Jeder, der die Verhältnisse in der Provinz Posen kennt, muß dem Verfasser der vorstehenden Ausführungen Recht geben. Daß die deutschen Kreise, die in dem Kampfe gegen das Polenthum die Führung übernommen haben, sich nicht der Juden annehmen, ist um so mehr zu beklagen, als die Juden, wie Jedermann weiß, bei dem Kampfe zwischen Deutschthum und Polonismus stets aus Seiten der Deutschen gestanden haben. Nicht allein die Dankbarkeit, sondern das wohlverstandene eigene Interesse der christlichen Deutschen in der Ostmark sollte diese veranlassen, auch die von den Polen bedrängten Juden wirtschaftlich und moralisch zu unterstützen. Diejenigen Deutschen, die in Posen den Antisemitismus kultiviren, versündigen sich direkt am Deutschthum.