Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 94 (26.11.1900)
- Date
- 1900-11-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1967 begehe. Aber nein, es ist trotz alledem so: Ich kenne Josef Lisch schon an die Zwanzig Jahre her, aber Josef Lisch, den Dichter, habe ich erst gegenwärtig ganz kennen gelernt. Wieso das möglich ist? Wieso es paffiren konnte, daß ich von Jemanden, mit dem ein Stück meines Lebens verwachsen ist, erst so spät erfahre, daß er nicht bloß mein väterlicher Freund, nicht bloß mein guter Kamerad, nicht bloß die Klugheit, der Geschmack, das Europäerthum um mich herum, sondern auch noch etwas ganz anderes ist. . . . Daß Josef Lisch an der Spitze der lebenden Dichter wandelt, das hat mich schon mein seliger Vater vor einem Vierieljahrhundert gelehrt. Ich habe auch viele seiner Verse gelesen, bald da, bald dort, manchesmal bloß in der llebersetzung; oder ich hörte sie gar in Concerten, manches ungarisch, manches deutsch, aber stets deklamirt, was gleichbedeutend ist mit der Taubheit. Auf meinem Bücherregale befanden sich ebenfalls zwei Hefte von ihm und ich sagte mir, daß diese Verse alle herrlich seien. Aber das, was die Franzosen roeiivn* heißen, kannte ich noch nicht. Warum? Weil, wenn mich die Neugierde zum Wahnsinn des Büchereinkaufs hinreißt, dann kaufe ich mir Wörterbücher. Josef Lisch hat so viel guten Geschmack, daß er keines seiner Werke in seinem Hause hatte, ich hinwieder bin ein so guter Christ, daß ich Niemandem seine Bücher wegschleppe. Dieser zweifache Grund, glaube ich, ist ausreichend genug. Die Sache hat aber auch noch einen anderen Grund. Jene endlos viele „Morgen," aus welchen die Unendlichkeit der Zukunft zusammengesetzt ist. Hm. man muß Haushalten mit den guten Poeten, denn, wen zum Kukuk soll ich lesen in der Pension, in Erlau, an den langen Sommernachmittagen, wenn mein Nachbar Geza Gardonyi schläft und ich Niemanden Hab', mit dem ich das schauderhafte 20. Jahrhundert beschimpfen könnte? Unter den vielen Verleumdungen, die man mir Zeit meines Erdenwallens an den Kopf geschleudert, gibt es eine schreckliche: die nämlich, daß ich Druckfehler aut zu rorrigiren verstehe. Und seit Gutenberg sind und werden in meinen Büchern die meisten Druckfehler sein. Josef Lisch schenkte dieser Verleumdung Glauben und schickte mir im Herbst drei Kilogramm Revisionspapier auf den Hals: ich mußte es, als guter Freund, in Punkto Druckfehler durchlesen. In Folge dessen nuckelte ich ein Band von der Blaisdell-Kreide ab und setzte mich zu den großen, mächtigen Bogen. Ich weiß nicht genau, ob ich Druckfehler gefunden habe: aber ich fand einen Dichter, und auch in mir selbst Jemanden, den ich bis nun bloß geahnt hatte. Ich entdeckte, empfand, erkannte ihn als auch mich selbst. Petöfi war 26 Jahre alt, ich zähle deren 40. — Das ist eigentlich Alles, was ich zu sagen habe. Soll ich rühmen, detailliren, den Inhalt von Versen erzählen, wie die ABC-Schützen in der Stunde der „Sprach- und Begriffsübungen" oder wie die Aesthetiker? Oder soll ich von der Sprache reden, nachdem von mir das dumme Gerede verbreitet ist, daß ich davon etwas verstehe? Mit Derartigem werde ich Andern aufwarien, an einem Wochentage; heute ist ein Festtag. Ich möchte auch am liebsten ganz schweigen. Ich kann es ja doch nicht aussprechen, was in meiner Seele ist; das weiß nur jenes Buch. Aber es thut mir wohl, über etwas nachzusinnen, was mir jetzt vorschwebt, wie eine Revolution: wieso aus dem alten, kindlichen Hatz meines Blutes Liebe geworden ist, wieso ich selbst ein - - man nennt mich einen solchen — ein Jude geworden bin. Und dieses ist nicht minder in jenem Buche drin. Ein jeder kluge, brave Mensch kann es aus demselben herauslesen und erkennen. Auf mich hat aber zunächst seit jeher daS gewirkt, woraus diese große, traurige Poesie entstanden und was selbst eine große traurige Poesie ist: das Leben von Josef Lisch. Hochwürdige Rabbinen und Wohlgeborene Gemeindepräsidenten werden hierauf sagen, daß ich mir in Bezug auf das Judenthum ein schlechtes Vorbild gewählt habe, denn Josef Lisch ist vielleicht ein nicht alle Vorschriften streng einhaltender Israelit. Ich weiß auch, daß es unter den ungarischen Juden nur Wenige ahnen, welche Bewunderung, Liebe und Dankbarkeit sie diesem Menschen, diesem Dichter schuldig sind. Sie ahnen es kaum, daß er eine Weltanschauung begründet, nein: daß er eine Welt geschaffen. Lange war es bloß Verstandssache, den Juden nicht zu hassen; es gebot dies die Weisheit, die Gerechtigkeit und die Moral: daß aber endlich auch das Herz das Seine that und diese ungarische Welt, in welcher wir gute Menschen unfern guten Brüdern, den ungarischen Juden, in Liebe zugethan sind, und in uns nicht ein Atom mebr ist, welches in ihnen etwas Fremdes wahrnehmen würde: das hat Josef Lisch bewirkt. Dank sei ihm auch hierfür. Ich wäre viel unglücklicher, als ich bin, wenn ich nicht diesen Schatz, diese Liebe besäße. Ich glaube, ein solches Kleinod können nur die vollkommen wahren Menschen, können nur die Dichter spenden. .... Als ich jenes Buch durchgesehen hatte (kaum enthielt es eine mir noch unbekannt gewesene Piece, aber die ganze Gestalt des Poeten sah ich doch damals zum ersten Male), beschlich mich eine veritable Furcht vor dem sonst so theuren Mittwoch-Nachmittag: ich werde einen großen, einen sehr großen Herrn in meiner fünfeckigen Höhle begrüßen und was werde ich nur mit ihm reden, und ob ich auch nur keine Dummheiten reden werde? Hauptsächlich aber fürchtete ich: ich werde einen Fremden zu sehen bekommen. Denn die Kunst erweck: Bewunderung, wenn wir lesen; und der Künstler ist denn doch etwas Anderes, ist nicht der Herr Mittwoch-Redakteur dort, damals, zu jener Stunde: vergebens erkennen wir uns in ihm wieder, vergebens steht er uns jetzt näher als je zuvor. Und mein Herz zog sich zusammen, als im Nebenzimmer eine