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Der Israelit · 1900-11-22 · Heft 93 (22.11.1900) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 93 (22.11.1900)
Date
1900-11-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1936 sei/.^n und den Appetit beeinträchtigen, sondern aucli die Mähren - und Parmwäwle mechanisch belasten und ihre Bewegungsfähigkeit beschränken. Darum sollen Magenkranke, welche an einer verminderten Absonderung der Verdauungssäfte oder an einer Erschlaffung der Magenmuskulatur leiden, die Aufnahme von Getränken während der Mahlzeit vollständig meiden; anderen Magenkranken hingegen kann der beschränkte Genuss eines milden Weiues (etwa ein Weingläschen), eines leichten Bieres oder kohlensäurehaltigen Wassers (je 1;(i Liter etwa) nicht verwehrt werden. Solche Mengen sind sogar, abgesehen von ihrer durstlöschenden Wirkung, imstande vermöge der m ihnen enthaltenen Reizstoffes den Appetit, anzuregen, ohne dabei den Einfluss der Magensäfte irgendwie herabzusetzen, vorausgesetzt dass diese nicht in vermindertem Maasse abgesondert werden. Bei klarem Wasser, das keine Reizstoffe enthält, fällt natürlich die eigentliche appetitanregendeWirkung fort. Magenkranke werden darum gut thun. den Genuss des Wassers während der Mahlzeit ganz zu verwerfen oder doch einzuschränken. Ganz in demselben Sinne äussert sich auch eine der grössten Autoritäten auf religiösem Gebiete und zugleich einer der vortrefflichsten Diätetiken aller Zeiten, Maimonides, indem er aus hygienischen Gründen das Wassertrinken während der Mahlzeit auch bei ganz Gesunden als nicht zulässig betrachtet, Die Beschränkung der Flüssigkeitszufuhr bei Magenkranken soll, wie wir eben gesehen, verhüten, dass die Verdauungsorgane allzu stark überladen, dass an ihre Leistungsfähigkeit allzu grosse Anforderungen gestellt werden. Aus diesem Grunde muss von Magenkranken auch verlangt werden, dass sie bei der Nahrungszufuhr überhaupt die nothwendigen Grenzen nicht überschreiten und nie über den Appetit essen. Der Ausspruch des Maimonides, dass man so lebe, dass der Magen nicht vollgestopft werde und man sich den vierten Theil der Sättigung vorenthalte. findet gerade hier seine Berechtigung. Es lassen sich natürlich keine bestimmten Maasse und Gewichtseinheiten für die nothwendige Menge der Nahrungszufuhr angeben, da diese von verschiedenen Faktoren, von der Art und Heftigkeit der Erkrankung, den Gewohnheiten, der Lebensweise, dem Kräftezustand, dem Alter des Kranken abhängig ist. Jedenfalls muss die Nahrungsaufnahme derart sein, dass sie den stofflichen Bedarf des Körpers decke und eine Schwächung, einen Verfall der Kräfte verhüte. Das ideal einer jeden Ernährung ist aber erst dann erreicht, wenn bei geschwächten Personen die Nahrung in solchen Mengen geboten wird, dass sie auch einen Ansalz von Körpersubstanz, von Fett und Eiweiss. bewirken. Bei Magenkranken ist man freilich oft genug froh, wenn die Verdauungsorgane die Nahrung in solchen Quantitäten verarbeiten, dass sie ausreichen, den alten Bestand des Körpers zu wahren oder doch einen Kräfteverfall zu verhüten. Aber um eben die grösstmögliche Summe von Kräften dem Organismus zuzufiihren, muss die Nahrungszufuhr in etwas engen Grenzen sich halten und den Appetit nie übersteigen. Denn für eine zweckmässige Ernährung muss stets die Erwägung maassgebend sein, dass eine Uebersättigung, d. h. ein Uebermaass an Nahrung, das die Verdauungskraft des Magens übersteigt, leichter und öfter zu Störungen, zu Verschlimmerungen der Verdauungsorgane Anlass giebt als eine durch Mässigkeitsriicksichten gebotene Verminderung derselben. Deshalb kann auch das Fasten, wie es zu gewissen Zeiten vom Religionsgesetz*) vorgeschrieben ist, für den Fastenden keine Nachtheile im Gefolge haben, muss sogar bei Magenkranken vielfach als rationell und heilsam angesehen werden. Bei den acuten Magenkatarrhen, wo es darauf ankommt, den Magen soviel wie möglich zu entlasten und ihn von dem schädlichen, reizenden Inhalte zu befreien, ist jegliche Nahrungsentziehung, das Fasten im jüdischen Sinne, sicherlich von gutem Erfolge begleitet und erweist sich hier als die beste Heilmethode. Die Natur zeigt sich ja in solchen Fällen als der trefflichste Arzt, indem solche Magenkranke schon von selbst, aus eigenem Antriebe gegen jede Nahrung Widerwillen empfinden. In den chronischen Fällen hinwiederum wird dem Magen durch das Fasten Gelegenheit gegeben, die noch unverdauten Speisereste besser zu verarbeiten und sie eventuell weiter zu befördern. Es ist nämlich nicht anders möglich, als dass bei geschwächten Verdauungsorganen einzelne Theile der Nahrung in ihnen länger als nöthig Zurückbleiben , sich zersetzen und zu Gährungen Anlass geben. Muss es nicht auch der Funktionstüchtigkeit des geschwächten Magens dienlich sein, wenn er für kurze Zeit seine Arbeitsleistungen einstellen kann und ihm Ruhe und *) Das Fasten in jüdischem Sinne besteht in einer gänzlichen Enthaltung von Speise und Trank, selbst von Wasser, während des Tages — am Versöhnungstag und am 9. Aw während der Zeit von Abend zu Abend — und gilt als Zeichen der Erinnerung an traurige nationale Ereignisse oder wie am Versöhnungstage als Ausdruck der Demüthigung und reuigen Bussfertigkeit. Jedes Fasten dient einem ethischen, moralischen Zwecke, indem es den Menschen im Kampfe gegen die Leidenschaften, vor Allem gegen Genuss- und Selbstsucht stärken und festigen soll.

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