Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 93 (22.11.1900)
- Date
- 1900-11-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2446951-2449049-2449135--52020-2502637- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1933 gung legten beredtes Zeugniß ab, wie geachtet und geschätzt der Dahingeschiedene in allen Kreisen gewesen war. Möge Gott die trauernde 86jährige Wittwe und Familie trösten! .rrssrjn Feuilleton Kill jüdischer Klassiker Ungarnsfein litlmriidjer W» von S. B. hofftet •">! [’JiOdjbvmf verboten | Einige Jahre später, um das Jahr 1887, entstand der schon vorher erwähnte Zyklus religiöser Gesänge, die „Festtage." Kleine Ursachen, große Wirkungen. Die Budapester Resormgemeinde brauchte ein ungarisches Gesangbüchlein zu liturgischen Zwecken und betraute den Dichter mit der Abfaffung desselben. Kann in an sich eine winzigere, jämmerlichere Ursache denken? Einen leeren, bedeutungslosen Formentram mit einem Wichten, wässerigen Nothbehelf zu versehen! Und daraus entstanden herrliche Hymnen voll flammender, ge waltig lodernder Glut. Nun, zu ihrer Ehre sei'S gesagt sie entsprachen nicht den Erwartungen der Pfaffen und der hochlöblichen Gemeindeherren, welche der Abwechslung halber anstatt den bekannten, verschiedenen Sportgattungen sich seit neuester Zeit dem Sport religiöser Spiegelfechterei zuzuwenden pflegen. Ich weiß nicht, welcher Art die Differenzen waren, tvelche zwischen der auftraggebenden Gemeinde und dem Dichter entstanden -- genug, es bestanden solche und es ivurde an den Dichter die Zumuthung gestellt, an den Gedichten Aenderungen vorzunehmen. Allerdings ist das keine Kost für den Gaumen eines modernen Glaubensgeckenthums. Sein guter Genius ivar es, der den Dichter standhaft sein und das an ihn gestellte Ansinnen zurückweisen ließ. So blieben die „Festtage" das, als was sie dem Herzen des Dichters entquollen waren: von einem wundersam innigen, himmlischen Feuer durchglühte Ergüsse einer tiefen, jüdischen Poetenseele. Es existiren leider, wie gesagt, bis nun noch keine Verdeutschungen dieser modernen Psalmen und es ist mir nicht möglich, wie ich gerne möchte, einige derselben hier bekannt zu geben. Um jedoch zu zeigen, aus welcher tief heiligen Stimmung sie hervorblühten, möge hier das Vorwort Platz finden, mit welchem sie der Dichter cinleitet: „Als ich ruich hinsetzte, diese Psalter, diese Gesänge zu schreiben, schloß ich die Augen und ließ vor meiner Seele eine ganze Reihe bemooster Bilder Heraufziehen: jenes kleine Dorf zwischen den Bergen im Rimathale, wo ich meine Kindheit verlebte und wohin ich mich Zeit meines Lebens stets zurückgesehnt habe .... das kleine Wirthsgebäude am unteren Dorfende .... das Pfarrhaus am entgegengesetzten Dorfcnde und dessen gesegnete Bewohner: den greisen Priester, der mich lesen lehrte und die hochwürdige Frau Pfarrerin, die mich mit rosig gebräunten weißen Wecken traktirte. Spät im Herbst, wenn die Tage sich zu kürzen begannen, wann die heraushängenden Bartquasten der Maiskolben braun zu werden anfingen, bevölkerte sich unser kleines Dorf regelmäßig mit ehrsamen Bürgersleuten. Die Glaubensgenossen kamen zusammen, um den Jahresbeginn: den Rosch haschonoh festlich zu begehen. Der Eine kam aus einsamer Csarda am Rand der Landstraße, ein Anderer aus der Pußta, dieser aus seinem ein halbe Tagereise entfernt gelegenen Dorfe; — Mancher kam allein, Mancher mitsammt der Fainilie: mit Weib, Kindern und sonstigem Gesinde . . . Sie kamen mit Hinsicht auf ihre Armseligkeit um den Preis schwerer Opfer, damit sie einmal im Jahre in der Versammlung vor dem Herrn beten können. Ein niedriges, rohrgedecktes Bauernhaus war der Tempel' der Boden gelbe Erde, der Querbalken eine ungehobelte Fichte .... in der Mitte des Zimmers der aufstrebende Stützbalken .... Fenster wie die Finger- Hüte! - Der älteste Greis zog seine Todtengewänder an, stellte sich an die Wand hin, zwischen die zwei kleinen Fenster und das Beten begann. Es war ein lärmendes Beten, das ist wahr, aber auch ein wahrhaftiges! Tiefe Andacht zitterte in der Stimme des Greises, als er satz- >veise jene wehmüthigen alten Weisen vortrug, bald gedehnt, bald trillernd mit eigener Art und die klebrigen überdröhnend. Es ist möglich, daß der größte Theil der Betenden den Text fehlerhaft aussprach. von welchem sie kauin etwas verstanden . . . Vielleicht daß die Gedanken des Einen und Anderen, während er die Worte murmelte, heimwärts abirrten: ob etwa nicht böse Menschen seine Kammer aufbrechen? Ob nicht aus Rache irgend ein Widersacher seinen Heuschober anzllnde? . . . Ob seinem armen, kranken Kinde, welches er unter fremder Pflege daheim lassen mußte, nicht irgend ein Ungemach widerfahre, oder ob die unerbittliche Grundherrschaft bei Erneuerung der Pachtung nicht die Pachtsumme in die Höhe schrauben werde? Er dachte wohl an hundert nicht hierhergehörende, profane Gedanken .... aber schnell nahm sein Geist eine Wendung, seine einfältige Seele vereinigte sich wieder mit seinem Gotte. . . . O, jene Menschen hatten ihren Gott sehr nöthig. und einmal im Jahre fanden sie ihn auch! Und mich selbst sehe ich ebenfalls dorten in der Versammlung: mit dem Kindesanlitz, voll Andacht . . . Ich bin im Stande, in mir wieder heraufzubeschwören jene ungefälschte, naive und beglückende Kindesandacht,