Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 93 (22.11.1900)
- Date
- 1900-11-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1931 Neben den Beiträgen der Kollegen erhielten wir diejenigen der außerordentlichen Vereinsmitglieder, Gaben bei besonderen Anlässen, sowie Opferspenden und Jahresbeiträge von den israelitischen Gemeinden des Landes. So herzlich dankbar wir für alle diese Handreichungen sind, können wir doch nicht verschweigen, daß die Spenden aus mancher Gemeinde spärlicher flössen, aus anderen ganz ausblieben. Wir bedauern dies umsomehr, weil die Ansprüche an den Verein nicht im Abuehmen begriffen sind. Haben wir doch sechzehn Wittwen zu unterstützen und sonstigen satzungsmäßigen Aufgaben nachzutommen, was einen Aufwand von ADZ Ml. verursacht. So blieben denn die ordentlichen «t'innabmen wieder um ein starkes Drittel hinter den Anforderungen zurück, die an uns gestellt werden. Doch nur hoffen auf Den, der da ist ein Richter der Wittwen und ein Vater der Waisen, daß er unserer Unterstützungssache milde Herzen erwecke, die unserem Streben sich geneigt erweisen und deren edles Beispiel zur Nachahmung ermuntert. O e st e r r. - U n g. M o n a r ch i e. Wien, 16. Nov. (Wie muß e i n W i e n e r P a r n e s sein?) Der jüdische Volksverein versendet den nachstehenden Wahlaufruf: Die Wählerschaft der Wiener israelitischen Kultusgemeinde hat bisher den Vorgängen im Schoße des Kultusvorstandes ein sehr geringes Interesse entgegengebracht und daher an den Wahlen sich sehr schwach de theiligt. Dadurch ist der Kultusvorstand die einzige Stätte, an welcher jüdisches Selbstbewußtsein gehegt und religiöse, geistige und wirtschaftliche Interessen der Judenschaft gefördert werden könnten, für die Juden die gleichgiltigste Institution geworden. Diese Interesselosigkeit und Indolenz der jüdischen Bevölkerung, dieses Erstarren und Stillstehen des gesummten jüdischen Lebens in Wien ist das Resultat einer übelberathenen Verwaltung. Anstatt durch Heranziehung lveiterer jüdischer Kreise zur Theilnahme an den Verwaltungsarbeiien neue Lebenskraft der Judengemeinde zuzuführen, hat man durch eine sogenannte Reform größere Privilegien für die wenigen Reichen, welche, mehr der Noth als dem eigenen Triebe gehorchend, sich „Juden" nennen, geschaffen, hingegen die unteren Schichten des die Säulen des wahren Judenthums bildenden Mittelstandes schroff zurückgewiesen. Die bisher streng centralistische Vertvaltung ge staltete sich ungemein kostspielig und schlecht. Sie entbehrt der großen Zahl freiwilliger Mitarbeiter aus den Bezirken und wird ohne jede unmittelbare Kenntniß der Verhältnisse in den Bezirken geführt. Die confessionelle Armenpflege ist ganz desorgani sirt und schlechter, wie in der kleinsten Pfarre. Die Gr Hebungen über die Verhältnisse der UnterstützungsbediE^igen sind in die Hand von untergeordneten bezahlten Organen gelegt. Die Entscheidungen über die Gesuche entbehren aller Garantien der Richtigkeit, weil die Unterlage von Personen geschaffen wird, die mit der Bevölkerung in gar keinem Contacte stehen und ihre Ausgabe, wie es nur bezahlte Organe thun, zu erfüllen trachten. Die Verwaltung der Ritualien entbehrt der Würde und des Zielbewußtseins. Zu einer Zeit,!vo man nicht mit Unrecht den Inden den Handel mit Heiligenbildern und sonstigen religiösen Behelfen vorhält, ertheilt das israelitische Rabbinat bekannten antisemitischen Agitatoren die Berechtigung zum Feilbieten von „Koscher"-Fleisch. Eine Reihe von Bezirken entbehrt der Tempel, in denen man in würdiger Weise den religiösen Pflichten Nachkommen kann. Die Erfüllung der vom Cultusvorstande einzig und allein obliegenden Aufgabe, für die religiösen Bedürfnisse der Mitglieder zu sorgen, wälzt der Vorstand auf diverse Vereine, welche nun ihrerseits an die öffentliche Wohlthätigkeit appelliren müssen. Nichtsdestoweniger droht der letzte Bericht des Vorstandes, daß er das Subventionswesen in Tcmpelvereins - Angelegenheiten strenger handhaben wird. — Tie Steuereinschätzungs-Commission ist äußerst mangelhaft und unpraktisch zusammengesetzt. Die unausbleibliche Folge ist daher die, daß eine ganze Reihe jüdischer Mitbürger gar nicht besteuert ist, und daß die Bemessungsgrundlage für die Besteuerten unrichtig geschaffen wird. Viele werden über ihre Verhältnisse besteuert, andere mit einer zu geringen Steuer bedacht. Bei dieser nicht gehörigen Ausnützung der einzigen Einkommensquelle seitens der Gemeinde ist daher das Defieit begreiflich und unvermeidlich. Die Budgetirung entspricht nicht den Grundsätzen der öffentlichen Rechnungslegung. Sie entbehrt einer detaillirten Rubrieirung und ist daher wenig übersich! lich und klar. So ist aus dem letzten Hauptrechnungsabschlusse nicht zu entnehmen, wie hoch die Verwaltungstosten sich belaufen, in ivelchem Verhältnisse die Kosten der Armenpflege zu den gewährten Unterstützungen stehen. In den vitalsten Fragen des jüdischen Lebens hat der Gutlusvorstand es stets abgelehnt, in nachdrücklicher Weise Stellung zu nehmen, dies trotz des Ver langen« einflußreicher jüdischer Kreise. Das Martprium, das Leid und die Vergewaltigung aller Juden traf einen gleichgiltigen Vorstand. Ein blasirter und plutoeratischer Zug geht durch die ganze Verwaltung. Es müssen daher selbstbewußte, ihr Judenthum offen zur Schau tragende Männer in den Vorstand gewählt Iverden, und nicht etwa solche, welche ihr Judenthum erst in dem Momente entdecken, als sie sich um ein jüdisches Mandat bewerben.