Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 93 (22.11.1900)
- Date
- 1900-11-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1929 werden, daß 1. die „Liberalen" es gewesen, die in neuester Zeit wieder einen neuen Keil zwischen die beiden religiösen Anschauungen der deutschen Juden geworfen; daß 2. das Mißtrauen gegen den „Gemeindebund" in religiöser Hinsicht durch einen weiteren Beweis seine volle Berechtigung hat; daß 3. der „Gemeindcbund" es war, der indirekt mitgewirkt hat, daß eine Spaltung in der bisher geeinigten isr. Lehrerwelt hervorgerufen wurde und daß 4. die Abhängigkeit des „Lehrerverbandes" vom „Gemeindebund" es ist, welche durch den geschilderten Vorgang eines seiner Vorstandsmitglieder Beunruhigung bei vielen Lehrern Hervorrufen wird. Was ich aber mit diesen meinen Zeilen bezwecke, das ist, daß die gesetzestreuen Juden, und insbesondere die gesetzestreuen Rabbiner und Lehrer im deutschen Reiche, immer enger und enger sich an einander anschließen, um gemeinsam, stets auf der Wache stehend, die Gefahren abzuwehren, die ihnen von jenen Seilen drohen. Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Mainz, 15. Rov. Im Molsheimer Kreisblatt i Journal de Molsheim) lesen wir: „Die Bedeutung des deutschen Fahneneides, vom Standpunkte des Judenthums betrachtet," war das Thema der vom hiesigen Rabbiner, Herrn Dr. G o l d st e i n , Ritter des Rothen Adlerordens IV. Classe, gestern, Samstag, 3. November, 9*4 Uhr Vormittags, an die in der hiesigen Synagoge, unter Betheiligung derganzen hiesigen israelitischen Gemeinde, versammelten in die hiesige Garnison neu eingetretenen Rekruten israelit. Glaubens gerichteten Ansprache, behufs Vorbereitung auf den Fahneneid, den dieselben an diesem Tage zu leisten hatten. Die von religiöser Wärme und patriotischem Geiste getragene, aus dem Herzen kommende und in die Herzen dringende Ansprache hatte ungefähr folgenden Wortlaut. Hierauf bringt das Blatt den Wortlaut der Ansprache, die nach Inhalt und Form ein Meisterstück der Redekunst genannt werden kann. Was uns aber ganz besonders anmnthet, ist der religiöse Geist, der aus derselben athmet. Man empfindet die Absicht des Redners, echte Religiosität und echte Vaterlandsliebe bei seinen Hörern zu wecken, was ihm auch gelungen sein mag. Genannte Ansprache wird in der Expedition des Molsheimer Kreisblatt als Separatabdruck erscheinen. K. Berlin, 13. Nov. Der „Verband für jüdische Wohlthätigkeitspflege" berief heute zum zweiten Male in diesem Jahre die Vertreter der ihm angeschloffenen Vereine zu einer Delegirten-Versammlung, die einen sehr interessanten Verlauf nahm. Der Repräsentanten-Saal, in welchem die Sitzung wiederum stattfand, war dicht gefüllt. Der Verbandsvorsitzende, Justizrath Breslauer, gab zu Beginn, nach einem warmen der verstorbenen Frau Dr. M a y b a u m gewidmeten Nachruf, einen kurzen Rechenschaftsbericht. Dem Verbände ist das „Jüdische Genesungsheim" beigetreten, so daß die Zahl der Mitglieder auf 60 gestiegen ist; es fehlen nur noch fünf oder sechs Vereine, deren Anschluß zu erhoffen steht. Die Frauenvereine haben die gemeinsamen Sitzungen fortgesetzt, in denen besonders schwierige Fälle zur Besprechung und zur Erledigung gelangten; gerade die vorbeugende Thätigkeit wurde hier mit Freuden in Angriff genommen. Die Armenkommiffion hat die Thätigkeit des Verbandes voll anerkannt. An den Verband wurden 7485 Anfragen gerichtet, denen nur 5891 Berichte gegenüberstehen. Der Vorsitzende bittet dringend, die Berichte zahlreicher und ausführlicher an die Centralstelle zu geben. Alsdann hielt Frl. W o r m a n n ihren angekündigten Vortrag über „Pflege armer Kinder." In klaren und anschaulichen Ausführungen begleitete die Rednerin das Kind von der Geburt bis zu den Jahren, wo es selbstständig gemacht wird, erörterte die Wohlfahrtsinstitute, die in den einzelnen Jahren helfend zur Seite stehen, und gab recht beachtenswerthe pädagogische und hygienische Hinweise für die Pflege der armen Kinder. Auch der Halbwaisen und ganz verwaisten Kinder gedachte sie und schloß mit der Mahnung, am Dome der Menschheit weiter rüstig zu bauen, eingedenk der Kleinen, sie durch das Leben zu führen und zu edlen Menschen heranzubilden. Der beste Dank, welcher der Rednerin abgestattet werden konnte, zeigte sich in der sehr regen Diskussion, die sich an den Vortrag anschloß. In derselben wurde hauptsächlich der Mangel jeglicher Institute zur Pflege jüdischer Säuglinge, denen die Mutter fehlt, und zur Erziehung armer u. der Waisenkinder bis zum sechsten Jahre, wo sie erst Aufnahme in ein Waisenhaus finden können, hervorgehoben. Die Meinungen über die Einzelheiten der praktischen Fürsorge gingen weit auseinander. Während der eine Redner die Landsmannschaften für diesen Zweck in Anspruch nehmen will, ivünscht ein anderer eine Vereinigung mit der Ermittelung jüdischer Familien zu betrauen, die geneigt sind, arme — es handelt sich meist um uneheliche — Kinder in Pflege zu nehmen. Auf den Mangel an derartigen Familien wurde jedoch ausdrücklich hingewiesen. Während mehrere Redner die confessionelle Pflege ganz junger Kinder nicht für nothwendig erachten, weist ein anderer darauf hin, daß oft im zartesten Alter schon die Entwickelungskeime gelegt werden, die sehr schwer in späterer Zeit wieder ausgemerzt werden können. Einerseits will man die städtische Gemeinde von ihrer Verpflichtung den jüdischen armen Kindern gegenüber nicht befreien, wogegen es andererseits wiederum als Armuthszeugniß für die jüdische Gemeinde angesehen