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Der Israelit · 1900-11-22 · Heft 93 (22.11.1900) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 93 (22.11.1900)
Date
1900-11-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1928 Reiche, die darnach streben, einen mehr oder weniger großen Einfluß auf die deutsche Judenschaft auszuüben, auf den „Deutsch-Israelitischen Gemeindebund" und den „Lehrerverband israelitischer Lehrervereine." Der den Repräsentanten zur Verhandlung gestellte Antrag: „Am Sonntag zu einer geschäftsfreien Vormittagsstunde einen Predigt-Gottesdienst in einer Gemeindesynagoge im Anschluß an die wochentägliche Gebetordnung einzurichten", ist von Herrn Prof. Dr. Blaschke an der Spitze eingebracht worden. Wäre Herr Prof. Dr. Blaschke blos Repräsentant der Berliner Gemeinde, und also in diesem Falle nur seinem Gewissen und seinen Berliner Mandanten, also nur einem „lokalen" Interesse gegenüber verantwortlich, ich hätte darüber keine Feder eingetaucht, es den Berliner Glaubensgenossen überlassend, für das Wohl und Weh ihrer Gemeinde selbst einzutreten. Es steht mir weiter ganz fern, Herrn Prof. Dr. Blaschke persönlich anzugreifen, ich constatire vielmehr, daß er, wie mir schon vielfach mitgetheilt wurde, ein großer Schulmann ist, auch stehe ich nicht an, es hier auszusprechen, daß ich seinen Mannesmuth bewundere, der ihn seine tleberzeugung frank und frei verkünden läßt. Aber Herr Prof. Dr. Blaschke ist auch Vorstandsmitglied des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" und gleichzeitig als Delegierter dieses „Gemeindebundes" auch Vorstandsmitglied des „Lehrerverbandes deutsch-isr. Lehrervereine," und ist somit eine Persönlichkeit, an deren Ideen und Bestrebungen ein großer Theil der deutschen Judenheit ein gewisses und bestimmtes Interesse hat. Und dieser Umstand ist es, der mich veranlaßt, vor der großen Öffentlichkeit zu constatiren, daß ein Vorstandsmitglied des „Gemeindebundes" und des „Lehrerverbandes" in öffentlicher Sitzung der Repräsentantenversammlung der Berliner Gemeinde mit noch anderen Genossen den Antrag gestellt, „am Sonntag in einer Berliner Gemeindesynagoge einen Predigtgottesdienst" einzurichten aus purer Fürsorge für die frommen Sabbatschänder in dieser Gemeinde, und damit die meisten Mitglieder des „Gemeindebundes" und des „Lehrerverbandes" in ihren heiligsten Gefühlen auf's tiefste verletzt hat.*) Daß im Vorstande des „Gemeindebundes" ein Mann von solch religiöser Anschauung Sitz und Stimme haben kann, ist mir durchaus nicht verwunderlich; der „Gemeindebund" setzt damit nur seine frühere Praxis fort; in seimm Vorstande hat bis vor wenigen Jahren ein Mann gesessen, der in Wort und Schrift die allerwichtigften Grundsätze und Vorschriften der jüdischen Religion in einer ganz aggressiven Weise be- *) Nach der „Jüd. Pr." that Herr Prof. Dr. Blaschke in seiner Rede u. A. folgenden Ausspruch: „Das Recht, sich auf Abraham Geiger in einem seiner Aussprüche zu berufen, bestreite er den Orthodoxen, so lange sie sich nicht ganz und gar zu ihm bekennen, der ..mehr für das I udenthum gethan, als die drei Moses." kämpft hat; es war dieses der verstorbene Rechtsanwalt Herr Emil Lehmann in Dresden. Und dieser „Gemeindebund", der sich also von so prononrirt ausgesprochenen Reformern oder Liberalen mitregieren und mitverwalten läßt, möchte sich gar zu gerne als eine „Centralbehörde" der deutschen Judenheit ausgestalten. Welche Gefahren daraus für die Gewissensfreiheit der deutschen Juden, welcher religiösen Richtung sie auch angehören mögen, erwachsen könnten, darüber habe ich mich vor zwei Jahren in diesen geschätzten Blättern eingehend ausgelassen, wie dies auch seitens der „orthodoxen freien Vereinigung" durch eine Broschüre in vortrefflicher Weise geschehen ist, und verweise ich diesbezüglich ans diese Publikationen. Der „Gemeindebund" hat es auch verstanden, durch ein jährliches Entgelt von Mark 1800, sich seiner Einflußnahme aus den „Lehrerverband" zu sichern, dadurch, daß er von seinem Vorstand ein Mitglied in den Vorstand des „Lehrerverbandes" delegirt, und dieser Delegirte ist, wie oben bemerkt, Herr Prof. Dr. Blaschke. Dadurch, das gebe ich offen zu, hat sich der „Gemeindebund" einen wichtigen und nicht zu unterschätzenden Faetor in seinen Bestrebungen und in seiner Thätigkcit den Gemeinden gegenüber erworben. Der „Lehrerverband" hat seine „Unabhängigkeit" und „Selbstständigkeit" aufgegeben. Vergebens waren die diesbezüglichen ernsten Mahnungen in jüdischen Blättern seitens verschiedener Lehrer; die Führer jener Agitation verschlossen ihre Ohren dem Mißtrauen, das gesetzestreue Lehrer gegen den „Gemeindebund" in Bezug ans die „religiös e" Frage in verschiedenen Lehrerversammlungen und in jüdischen Zeitungen aus gesprochen. Freudigen Herzens wollten die gesetzes treuen Lehrer einem „selbstständigen" Lehrerverband beitreten, und erst, nachdem alle Kämpfe fruchtlos ivarcn, sahen sich eben diese Lehrer im Großherzogthum Hessen und im ehemaligen Kurhessen gezwungen, um nicht unter die Aegide des „Gemeindebundes" gestellt zu sein, „unabhängige" Lehrervereine zu gründen. Und nun frage ich, haben jene „Rufer in der Wüste" nicht Recht gehabt? War ihr Mißtrauen gegen den „Gemeindebund" angesichts der oben geschilderten Tyatsache nicht gerechtfertigt? Denn das ist meine innerste Ueberzeugung, daß fast alle israelit. Lehrer im deutschen Reiche den Antrag, den ihr Borstandsmit glied im „Lehrerverband", Herr Prof. Blaschke, als Repräsentant der Berliner isr. Gemeinde über einen „Predigtgottesdienst am Sonntag in einer Gemeindesynagoge" gestellt hat, verwerfen und ihn tief beklagen. Das sind die Folgen des Abhängigkeitsverhältnisses, in das sich der „Lehrerverband" durch seine Liirnng mit dem „Gemeindebund" gebracht hat. Ich weiß ganz wohl, daß ich mit dieser Auseinandersetzung keine Veränderung bewirken werde, das sollte sie auch nicht bezwecken, aber festgenagelt sollte es

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