Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 92 (19.11.1900)
- Date
- 1900-11-19
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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und wenn das die Zeugen gleich in der Untersuchung gesagt hätten, wäre die Untersuchung eingestellt worden, und wenn diese Zeugen das jetzt noch gesagt hätten, kein vernünftiger Mensch würde dem Peschak mehr glauben, als diesen Leuten. Aber sie thaten eS nicht, weil sie sich strenge an die Wahrheit hielten. Ein weiterer schlagender Beweis gegen die Be' hauptung, daß hier ein Ritualmord vorliegtist das Gutachten der n edizinischen Fakultät, dem sich jeder Mensch, insbesondere jeder Jurist unterwerfen muß. Ich hege den Wunsch, daß Sie dieses Gutachten genau durchlesen, und wenn Sie das thun werden Sie sich wundern, wie Jemand den Muth haben kann, dieses Gutachten herabzusetzen. In diesem Actenstücke ist die Thatsache ausgedrückt, daß der an der Leiche eonstatirte Halsschrmt die charakteristischen Merkmale eines solchen Schnittes trage, wie sich ihn Selbstmörder beizubringen pflegen. Ich will damit nicht behaupten daß wir es hier mit einem Selbstmorde zu thun haben. Aber es ist damit festgestelli, daß das kein charakteristischer Schnitt ist, wie ihn Dr. Baxa behauptet, sondern ein Schnitt, wie er in Hunderten von Fällen vorkommt. Die Fakultät sagt, daß der Schnitt mit jedem Taschenmesier geführt worden sein kann, sie sagt, daß die Kopfwunden eine Gehirnerschütterung herbeigeführt haben, und wenn eine solche eintritt, dann hört das Herz auf zu schlagen, und wenn das Herz aufhört zu schlagen, dann hört auch das Blut auf zu fließen, wenigstens in der Menge zu fließen, wie es gewöhnlich fließt. So hat die Fakultät nachgewiesen, daß das Blut, das va sein konnte, auch wirklich da war; und da man sich nicht anders helfen konnte, tauchte eine neue Sensation, eine neue Verdächtigung auf! Der Vormund, der so oft gefragt wurde, wie die Hruza aussah. tritt jetzt plötzlich auf und erklärt, daß sie 66 Kilogramm gewogen habe. Es ist, meine Herren Geschworenen, zu durchsichtig, warum der Vormund der Hruza erst jetzt mit dieser Angabe kam, und selbst Herr Dr. Baxa hat sich nur verschämt auf diese Aussage berufen. Die Fakultät wußte genau die Körperlänge der Hruza und hatte bei Abfasiung ihres Gutachtens den Sektionsbefund vor sich; sie konnte also genau das Körpergewicht bestimmen. Die Fakultät spricht dazu nicht einmal von dem ganzen Blut, das gefunden wurde; sie ignorirt zwei blutüberdeckte Steine, ein Stück blutdurchtränkter Leinwand und den blutüberströmten Kopf. Ich überlasse es, meine Herren Geschworenen, Ihrem Erwägen, wer für Sie mehr Autorität ist, Herr Klenovec oder die Fakultät! Replik des Staatsanwalts. Der Staatsanwalt sagt hierauf Folgendes: Wenn hier über die Schuld Hilsner's gesprochen ' wurde,^so^stimme ich diesbezüglich mit den Ausführungen, der Doktoren Baxa und Pewny überein und bin ihnen für ihre Unterstützung dankbar. Wo es sich aber um die Besprechung des Motives handelt. da fällt unsere Gemeinschaft auseinander, da ich dem zustimme, was Dr. Aurednicek, der Vertheidiger Hilsner's, über den Beweggrund gesagt hat. Es ist unrichtig, daß Israeliten den Mord wegen des Blutes begangen haben, das Motiv liegt in der sexu llen Sphäre. Schon gestern habe ich die Gründe angeführt, die für die Annahme eines sexuellen Motives sprechen, und will hier nur betonen, daß eine ganze Reihe von Momenten gegen die Annahme eines Ritualmordes spricht. Das Märchen vom Ritualmord geht dahin, daß die Opfer dieses Mordes immer christliche Jungfrauen sein müssen und daß der Mord immer vor den jüdischen Ostern geschehen muß. Nun, die Klima wurde gewiß nicht als keusche christliche Jungfrau geschildert. Im Gegentheil! Es wurde sogar behauptet, daß sie den Männern „wie toll" nachlief. Und die Klima wurde auch nicht zu Ostern, sondern im Juli ermordet. Ein eigennütziges Motiv erscheint ebenfalls ganz ausgeschlossen. Es bleibt also nur die Annahme übrig, daß der Mord aus sexuellen Gründen verübt wurde. Dieses Motiv ist das allerwahrfcheinlichste, und wir müssen deßhalb auch annehmen, daß es vorliegt. Für mich ist es nicht fraglich, daß Hilsner schuldig sei, und wenn schon die Vertheidigung behauptet, der Thäter müsse pervers gewesen sein. Hilsner sei also nicht der Thäter, so war vielleicht der Mitschuldige Hilsner's derjenige, welcher pervers veranlagt ist. Dr. Vodicka Ueber den Ritualmord darf ich nicht sprechen, ich werde aber doch, soweit dieses Thema mit dem Motive des Mordes in Zusammenhang gebracht wird, diese Frage streifen müssen. Die Behauptung, daß das Blut aufgefangen worden fei, war die Grundlage für das Ritualmord-Märchen. Die Religion des Judenthums ist eine vom Staate anerkannte, und ich würde den Staat bedauern, der nicht nur eine solche Gemeinschaft duldet, sondern auch ihr Schutz gewährt, trotzdem sie solche Lehren hat. Aber unser Staat hat die Lehren dieser Religion, bevor er ihr Schutz gewährte, genau studirt, und zwar besser studirt als Dr. Baxa, der selbst zugestanden hat, daß er sich mit diesem Studium nicht besaßt habe. Es ist hier auch von Clericalismus gesprochen worden. Ich muß erklären, daß kein ehrlicher Geistlicher, und Wir haben deren genug, Derartiges glaubt. Ich könnte Aussprüche von Priestern citiren, welche diese meine Behauptung beweisen. Aber ich unterlasse es aus begreiflichen Gründen. Während der Verhandlung haben die Herren nichts vom Ritualmord