Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 92 (19.11.1900)
- Date
- 1900-11-19
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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1923 gesprochen. Heute erst geschah das! Warum öffnen sie erst jetzt das Visir? Warum? Nun, weil der Staatsanwalt sie — wenn ich so sagen darf — verrätherischerweise im Stiche ließ! (Heiterkeit.) Anders als der Staatsanwalt in Kuttenberg . . . Präs, (unterbrechend): Ich bitte, vom Kuttenberger Staatsanwalt nicht zu sprechen! Dr. Vodicka (fortfahrend): Heute sagte der Staatsanwalt, wie es eigentlich ist, und da mußten die Herren Farbe bekennen. Aber bewiesen ist, daß die Thäter nicht nur nicht das Blut sammelten, sondern im Gegentheile mit dem Blute nicht sparten. Wenn wirklich ein derartiger Mord vorläge, hätten die Thäter sich nicht so viel Blut entgehen lassen. Daß in diesem Falle immer und immer vom Motive gesprochen wlrd! Wie das kommt? Warum? — Weil kein anderer Beweis vorhanden ist, wird gesagt, der Thäter wollte die Hruza überwältigen und tödtete sie, weil sie ihm W.derstand leistete. Wenn das richtig ist, dann ist Hilsner nicht der Thäter. Von ihm wird ja gesagt, daß er ein Feigling ist, der gewiß nicht im Kampfe ein starkes Mädchen erschlug. Dr. Aurednicek: Ich melde hiemit die Nichtigkeitsbeschwerde an und erbitte mir die Zustellung des Unheiles zugleich mit dem stenographischen Protocolle. — Präs.: Die Verhandlung ist geschloffen. Der Gesangenausseher berührt den Arm Hilsner's, hinter welchem sich bald die weiße Thüre zum letztenmale schließt, durch die man ihn nun seu drei Wochen kommen und gehen sah. Noch erfüllt von dem Eindrücke des eben Erlebten, vermag sich das Auditorium nur schwer zum Verlassen des Saales zu entschließen, und es vergehen Minuten, bis sich der Raum zu leeren beginnt. Demonstrationen auf der Straße. Was nun folgt, ist ein Beweis dafür, wie Vieles in der Affaire Hilsner geschickt arrangirt ist. Vor dem Kreis,zerichtsgebäude steh n etwa achthundert Personen Kopf an Kopf; die städtische Polizei hält eine schmale Paffage frei. Die Geschworn n erscheinen, und donnernde Xu zdav-Rufe schallen ihnen entgegen: „Na zdar! Slava!“ Einige Minuten später erscheinen Dr. Baxa und Dr. Pewny unter dem Thvre. Neuerliche Beisallssalven. Dr. Pewnp sonnt sich in den durch die Begleitung Dr. Baxa's auch auf ihn fallenden Ruhmesstrahlen. Man schwingt die Hüte und hebt die Kinder empor, um ihnen den berühmten V-lksmann zu zeigen, und aus den Fenstern der Häuser auf dem Marktplatze winken Frauenhände dem Tribunen ihre Grüße zu. Die beiden Advocatcn besteigen einen Wagen, die Straßenjugend folgt demselben mit Na zclai-Geheul. Fast scheint es, als wäre die Demonstration zu Ende. Rasch aber schließen sich die Massen aneinander, heißt es ja doch, die Vertheidiger würdig zu empfangen. Als Dr. Aurednicek in der Mitte zweier Polizeileute sichtbar wird, geht der Spectakel los. ,,8anda!" „Pfui!" uns gellende Pfiffe ertönen Man drängt sich an ihn und Dr. Vodicka heran. Ein Wagen für die beiden Herren ist nicht zu haben. Solche Leute fahren die Piseker Kutscher nicht; die Vertheidiger müssen also zu Fuß gehen. Es ist ein Spießruthenlaufen. Bei der Kirchgasse zweigt Dr. Vodicka ab; die Menge drängt hinter ihm. Doch gelingt es der Polizei, die schmale G^sse abzusperren und so der Demonstration hier ein Ende zu bereiten. Um so intensiver wird nun Dr. Aurednicek verfolgt, und als er das Hotel „Erzherzog Franz Ferdinand" betritt, glaubt man, die Massen würden das Haus stürmen. Mit geballten Fäusten droht man ihm nach, und das Johl« n und Pfeiffen ist ohrenbetäubend. Dies d -uert minutenlang, bis es endlich der Polizei gelingt, wenigstens einen Theil der Demonstranten zu entfernen. Dr. Boxa erscheint auf dem Schauplatze und hält eine kurze Ansprache, mit der Brite, die Ruhe zu wahren. Seine Worte haben für den Augenblick den gewünschten Erfolg und allmälig tritt eine gewisse Beruhigung ein. -je * * Weiteres wird berichtet: Kleinere Gruppen durchzogen die Stadt mit Schmährufen gegen die Juden; sie schrien Hepp, Hepp. Ein junger Bursche warf bei Juden zwei Fenster ein und r wurde verhaftet. Bei eintretender Dunkelheit sperrten die Juden die GeschästSläden und die Menge zerstreute sich. Bei der Beznkshauptmannschaft sieht man den Vorgängen in der Umgebung mit Besorgn.ß entgegen. Im Brauhause der Piseker Brauerberechtigten, zu denen einige hier ansässige Juden gehören, wurden Abends zweiundzwanzig Fensterscheiben eingeworsen. Wegen Aufreizung zu Demonstrationen wurden der Staatsanwaltschaft der Buchhalter des AktienBrauhauses, Joseph Skorkowsky, und ein angesehener Bürgerssohn angezeigt. Die Fensterwerfer sind zumeist junge Bursche. Mehrere derselben wurden gleichfalls verhaftet. Die Polizei hält alle Punkte, wo derartige Demonstrationen möglich wären, besetzt. In der Stadt selbst war es Abends ganz ruhig. Im „Hotel Universita" wurde heute Abends zu Ehren Dr. B a x a's — als Feier des TodeSurtheiles — ein Fesiconcert veranstaltet. Bon statistischem Interesse ist, daß während des Prozesses 20 l,587 Worte telegraphirt wurden. Das Postamt unter Leitung des Vorstandes Nowak leistete Außerordentliches. Die allgemeine Ansicht geht dahin, daß das Urtheil auch diesmal nicht vollstreckt, sondern neuerdings kassirt werden wird.