Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 92 (19.11.1900)
- Date
- 1900-11-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1912 weitem nicht solche Vertreter gefunden, die ihrer großen Vorgänger auch nur im Entferntesten würdig wären. Auf beiden Seiten herrscht Kleinlichkeit, und was daran hängt, Ungerechtigkeit, wobei die Machthaber allmählich jedes Gefühl für das richtige Maß verlieren. Daher eine bedeutende Verschärfung der Opposition, welche aber nicht einheitlich vorgeht, sondern in verschiedene Parteien getrennt ist. Dazu kommt ein neues, recht gefährliches Element, das ist der Clericalismus. Dieser, bisher sich im Winkel verbergend, trat plötzlich, mit ungeheuren Machtmitteln ausgerüstet, mit einer eisernen fertigen Organisation versehen, in die politische Arena, aus ein eigenes Programm pochend, und fand natürliche Verbündete in den Reihen des herrschenden Adels, von dem ihn vieles trennt, mit dem ihn aber viele und starke Interessen verbinden. Der Clericalismus nahm sofort gegen die Demokratie Stellung, einte die antisemitischen Elemente, oder besser, er bemächtigte sich des Antisemitismus, um mit dessen Hilfe das Volk aufzuhetzen und für seine Pläne zu gewinnen. Wie verhalten sich nun die Parteien der demokratischen Opposition der Judenfrage gegenüber? Da kommen zunächst die Altliberalen, die innerhalb des Polenklubs die Demokratie repräsentirten. Diese stehen auf dem Standpunkte der „Toleranz," sind nicht geneigt, antisemitische Regungen zu begünstigen und können sich sogar manchmal zu einer Vertheidigung der Juden aufrafsen. Das Programm ist also, wie wir sehen, sympathisch. Leider sind die Persönlichkeiten, die dieses Banner tragen, nicht alle gleich ihrem Programm sympathisch. Manche sind direkt Mißtrauen erregend. Man braucht nur zu bedenken, daß der Minister Pienstatt dieser Parteischattirung angehört, derselbe, welcher den famosen Ausspruch gethan, daß die Macht des Staates vor der Pforte des Klosters aufhöre. Dieser Bruchtheil der Demokratie, zu dem auch einige der bisherigen jüdischen Abgeordneten zählen, ist, wie man sieht, der früheren Tradition des Polenklubs im Punkte der Judenfrage treu geblieben und steht aus demselben Standpunkte, wie die alte Garde der konservativen Adligen, die sich noch von dem Clericalismus nicht haben umgarnen lassen. Einer um vieles schärferen Tonart huldigt der weiter links stehende Flügel der Demokraten, der sich um den Landtagsabgeordneten und früheren Landesausschuß Romanowicz und den früheren Reichsrathsabgeordneten Ritowski gruppirt. Diese Gruppe hatte den Muth, mit der „geheiligten" Tradition von der Unantastbarkeit des Polenklubs zu brechen und tritt nun in den Wahlkampf ein mit der Parole:: Los vom Polenklub und von dem von ihm eingesetzten Centralwahlkomitee. Die mißvergnügte städtische Intelligenz und ein Theil des Großbürgerthums sind es, die die Schaaren dieser obengenannten beiden Führer bilden. Diese Kreise sind von Natur fortschrittlich gesinnt, sind dem Clericalismus abhold und neigen zu freiheitlichen Ideen. So ist es wenigstens im Westeuropa. Auch bei uns trieft das Programm dieser Herren von freiheitlichen Phrasen. Tie Gleichberechtigung der Juden ist ihnen ein Dogma — der Antisemitismus ein Gräuel, und wenn sie siegreich aus dem Wahlkampf hervorgehen sollten, — was, nebenbei bemerkt, nur mit Hülfe der Juden geschehen kann, — so versprechen sie eine Aera des messianischen Friedens und der ungetrübten Harmonie im Lande. Sieht man sich jedoch die beiden Herren Führer an, so wird man recht bedenklich. Der eine, Herr Romanowicz, war von jeher ein großer Demokrat vor dem Herrn, und ein Liberaler dazu, aber das hinderte freilich das von ihm geleitete und inspirirte Blatt „Slowo Polski" nicht, mitunter antisemitische Artikel zu bringen, deren sich das radicale Organ eines Lueger oder Schönerer nicht Zu schämen brauchte. Er war es ferner, der als Landesausschuß jenen famosen Gesetzentwurf über die Monopolisirung des Salzverschleißes durch das Land einbrachte, der tausende und abertausende von jüdischen Familien brodlos machte. Dagegen hat man nicht gehört, daß Herr Romanowicz je etwas für unterdrückte Juden gethan hätte. Er fand keinen Ton, als die Tausende jüdischer Arbeiter von Boryslaw auf das Pflaster geworfen und mit unerhörter Grausamkeit dem Hungertode preisgegeben wurden. Auch als im Landtag eine Debatte über den Fall Araten angeknüpft wurde, drängte der Liberalismus des Herrn Romanowicz ihn keineswegs dazu, gegen diese freche höhnische Vergewaltigung alles Rechts und aller Menschlichkeit zu protestiren. Freilich schwiegen auch die paar jüdischen Abgeordneten. Der zweite der Dioskuren, Herr Ritowski, der heute die förmliche Verkörperung des Liberalismus und des Wohlwollens ist, war noch vor zwei Jahren der Verfasser heftigster Tiraden im antisemitischen Sinne, war bekannt als einer der schlimmsten Judenfeinde, und vor fünf Jahren noch hielt er in einem Wahlbezirke eine Kandidatenrede, in der er über die Judenfrage sich nicht äußern zu können behauptete, da im Saale zu viel Juden anwesend wären. Das lehrt uns wohl am besten die Wucht des Liberalismus dieses Herrn einzuschätzen. Man könnte freilich einwenden, die beiden Herren hätten sich im Verlaufe der Zeit eines „Bessern" besonnen, hätten sich entwickelt und sich aufrichtig zum toleranten Liberalismus bekehrt. Schon möglich. In unserer Zeit hört man ja kein Schlagwort so häufig, wie Entwickelung. Aber wer bürgt uns, daß die beiden Herren sich nicht im Verlaufe der Zeit wieder entwickeln und sich am Ende eines noch „Bessern" besinnen würden? Ja, woher denn die Sicherheit, daß die neue Phase der „Entwickelung" nicht schon sogleich nach den Wahlen beginnen würde? Wir haben doch Aehnliches schon erlebt? Die Liebeswerbungen dieser Partei klingen so süß, aber der Traum könnte bald zerronnen sein. . . . (Schluß folgt.)