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Der Israelit · 1900-11-19 · Heft 92 (19.11.1900) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 92 (19.11.1900)
Date
1900-11-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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41. Jahrgang. Hrke Aeikage zu M 92 des „Israetit". ^eitenver Artikel.?it Wiizischtii Ziiiikii 11. äir “' ‘ ‘ «Hit». Lemberg, im November. Die volitische Epidemie ist herangebrochen über unsere Provinz lvie über alle anderen .Kronländer der Monarchie, seitdem der alte Reichs rath aufgelöst ist und die Neuwahlen ansgeschrieben worden sind. Nur treibt bei uns die politische Agitation womöglich noch mehr Süstamm cm die Oberfläche, vergiftet noch gründlicher das Gewisten und die Seele des Volkes. Was Wunder! In einem kleinen armseligen Städtchen beiteben nicht mehr und nicht weniger als über ein Dutzend Parteien, von denen eine jede sich „politisch" nennt und gebärdet, ihr Programm als das alleinseligmachende für das ganze Land und alle Schichten der Bevölkerung vroklamirt: natürlich bekämpfen sich alle diese Parteien mit einem erstaunlichen Afront von Injurien, die man sogar in dem Wörterbuch der österreichischen Parlcimentssprache vergebens suchen würde. „Verräther," „Charlatan," „politischer Dieb," „Betrüger," das sind noch die sanfteren unter den Kosenamen, die die Parteiführer unter einander geben. Man kann sich nun die Verwirrung denken, die im Hände herrscht, zumal das neue, etwas ausgedehntere Wahlrecht auch diejenigen Schichten der Bevölkerung an die Urne ries, die bisher ohne reiferes selbstständiges Urtheil und ohne politische Tradition dastehen. Der gemeinsame Zug, den alle diese Parteien aufweisen. ist die Judensrage. Nicht etwa, daß es einer von ihnen einfiele, sich ernstlich mit den Interessen der Juden zu betasten, das thun hierzulande nicht einmal die Juden und ihre Führer selber. Aber alle Parteien beschäftigen sich mit den Juden. Wie? .... Davon reden wir noch. Mustern wir der Reihe nach alle Parteien, die sich um die Gunst des Volkes bewerben. Da ist zunächst die alte konservative, oder lvie man sie nennt, Stanezyken- Partei, welche in dem sogenannten Central-Wahltomitee organisirt ist. Diese Partei, seit dreißig Jahren im Lande alleinherrschend, befehligte stets die Wahlen zum Reichsrath, innerhalb besten sie in dem Polenklub organisirt war, welcher durch eine eiserne Disciplin zusamrnengehalten, einen mächtigen Parteiverband bildete der der Regierung gefährlich oder nützlich lverden konnte, je nachdem dieselbe ihin Eoneestionen verweigerte oder ihm geivährte. Natürlich sorgte die hochadelige, den Elub beherrschende Mehrheit dafür, daß diese (5oncessionen in erster Reihe ihr zu Gute kamen. So lange sich die Verhältnisse im Lande nicht allzusehr differenzirt hatten, ging das halbwegs noch an, und da die Demokratie hervorragende Vertreter im Klub hatte, konnten diese die Interessen ihrer Schichten wirksam wahrnehmen. So bildete sich mit der Zeit das Dogma von der Unantastbarkeit des reichsräthlichen Polenklubs heraus, lvonach jeder, der es gewagt hätte, auch nur die Jrage aufzuloerfen, ob alle galizischen Abgeordneten dem Polenklub anzugehören hätten, schon als Verräther und Abtrünniger gestempelt dastand. Den Juden gegenüber nahm der Polenklub lange Zeit eine neutrale und sogar wohlwollende Stellung ein. Gr hielt allen antisemitischen Strömungen im Reichsrath, wie in seiner eigenen Mitte gegenüber festen Stand. Da? harte eine zweifache Ursache. Erstens wurden die toleranten nnd demokratischen Ideen innerhalb des Polenklnbs von Männern lvie Smolka, Zieinealkowski und Haufen vertreten, die es aufrichtig mit ihrer Ueberzeugung meinten und deren persönliche Bedeutung zu hoch ragte, als daß man es hätte wagen können, gegen ihre Ansichten ernstilch Sturm zu laufen. Diese Männer vertraten die Meinung, daß die Juden nicht nur auf dem Papier, sondern auch in Wirklichkeit Dieselben Rechte beanspruchen dürfen, wie alle anderen Menschen auch, daß die Interessen der Inden, als eines beträchtlichen Bruchtheiles der Bevölkerung, ebensogut die Interessen ded Landes sind, lvie die Interessen jeder anderen BevölErungsschickst. Daher hielten sie es für ihre patriotische Pflicht, eifrig darüber zu wachen, daß die Juden in ihren Bürgerrechten, in ihren religiösen Gefühlen und ihren kulturellen Interessen nicht geschädigt würden. Andererseits muß auch zligestanden werden, daß der volnische Hochadel, wenigstens in seinen leitenden Geistern, antisemitischen Allüren ziemlich unzugänglich war. Die Herren ivaren zumeist noch von den großen Traditionen der polnischen Toleranz beseelt, überdies!var ihre Stellung im Lande beinahe ganz unangefochten, sie befanden, sich nickst in .Kampsposition nnd hatten es nicht nöthig, iemanden den aufgewühlten Masten als Opker vorzuwersen, um die eigene Hank zu schützen. Im Grunde ist der polnische Edelmann überhaupt nicht antisemitisch, er lvird es erst,, ivenn er den Einflüsterungen des Elericalismus ein Ohr zu leihen ansängt. Dasselbe gilt übrigens auch vom Kleinbürger und vom Bauern. In letzter Zeit haben sich nun die Verhältnisse beträchtlich geändert. Die Stellung des Adels ist im Laude durch das Hervortreten neuer Strömungen stark erschüttert lvor den, daher von dieser Seite eine stärkere Betonung der eigenen 7stltcrestn und eine rücksichtslosere Handhabung der Macht. Die demokratische Richtung hat jedoch bei

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