Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 92 (19.11.1900)
- Date
- 1900-11-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1905 batte. Als aber der Staatsanwalt das Wort ergriff, als er in Rücksicht auf die Bedeutung der Angelegenheit, in der die Angeklagten die Behörden hinters Licht zu führen versucht hätten, schwere Zuchthausstrafen von fünf und neun Jahren gegen die Schuldig-Gesprochenen mit energischen Worten beantragt hatte, da ging eine tiefe Bewegung durch den Saal. „Um Gotteswillen!" rief eine Dame mit halblauter und doch im ganzen Saal vernehmbarer Stimme. Eine der Roß nahestehende Frauensperson im Zuhörerraum, sowie ihre beiden Töchter in der Anklagebank weinten laut aus. „Gibt es denn keinen Gott im Himmel!" schrie die Roß auf. „Benehmen Sie sich angemessen!" rief ihr der Vorsitzende zu, und gegen das Publikum gewendet, drohte er, den Saal räumen zu lassen. Als das Urlheil des Gerichtshofes weiter bekannt wurde, bildeten sich überall in der Stadt, wie namentlich vor dem Gerichtsgebäude, Gruppen, in denen das Ereigniß des Tages lebhaft diskutirt wurde. Die Bevölkerung blieb jedoch ruhig, auch während des Abends. Und wahrscheinlich werden sich auch weiterhin keine Unruhen ereignen. Uebrigens würde man fehlgehen, hieraus auf eine gegenüber dem Frühjahr eingetretene Wendung in der Stimmung der Bevölkerung zu schließen. Einmal hält die Anwesenheit des Militärs die Neigung zu Tumulten im Zaum, andererseits ist an Stelle der lauten Aufregung eine stille, aber darum nicht weniger intensive Erbitterung getreten. Posen, 14. Nov. Es ist erfreulich zu sehen, wie die Bestrebungen des Vereins zur Förderung der Bodencultur unter den Juden Deutschlands immer mehr Beachtung und Würdigung finden. Die mißlichen socialen Verhältnisse, unter denen die deutschen Juden seit Jahrzehnten leben, sowie die Verschlechterung der Erwerbsverhältnisse der mittleren und niederen Klassen, haben edeldenkende Männer überzeugt, daß eS Pflicht sei, einen neuen Erwerbszweig zu erschließen, um die materielle Lage ihrer wenig bemittelten Glaubensgenossen zu heben und zu fördern. Als sie nun in der B.schäftigung mit der Landwirtschaft das geeignete Mittel erblickten, diesen Zweck zu erreichen, constituirten sie sich zu dem gedachten Verein, dessen gemeinnützige*Jdee auch in der hiesigen Gemeinde Gönner und Freunde gewonnen hat. Auf Grund ihrer Einladung fand am 10. d. Mts. im hiesigen Stern'schen Saale eine von angesehenen Damen und Herren zahlreich besuchte Versammlung statt, in welcher der Generalsekretär des Vereins Herrn Dr. Tuch, Berlin, einen von den Zuhörern beifällig aufgenommenen Vortrag über „die Zuführung der Juden zur Landwirthschaft" hielt. Unter anderem suchte der Redner ganz besonders das Vorurtheil, als fehle den Juden Sinn und Neigung für den landwirthschaftlichen Beruf mit dem Hinweis auf die geschichtliche Thatsache zu entkräften, daß die Juden einst Jahrhunderte lang ein ackerbautreibendes Volk gewesen, wodurch nahe 5 Millionen Einwohner Palästina's ausreichend ernährt wurden. Lauter Beifall lohnte den Redner. In der darauf eröffneten Diskussion ergriffen für die Sache das Wort die Herren Dr. Bloch, R. A. Plaisek, Rosenthal und M. Werner, welch Letzterer kurz und bündig die Grundzüge darlegte, wie die erste Ackerbauschule zu etablieren sei. Geleitet wu de die Versammlung von dem wackern, für die Interessen des Judenthums eifrig thätigen H. Juftizrath Salz. Die Ansammlung hatte einen b.friedig-nden Erfolg. Fast alle Anwesenden traten dem Verein als Mitglieder bei und zeichneten nahmhafte Beiträge zur Erwerbung der Mitglicdschaft des humanen Unternehmers. Möge demselben in allen jüdischen Kreisen die wohlverdiente, bewährte und opferwillige Theilnahme nicht fehlen. Den hochherzigen Gründern des Vereins aber rufen wir noch zu: nax bv 22-n H—r. L. München, im Nov. (Landesverein für israel. Kultusgemeinden in Bayern.) Der Bericht pro 1899—1900 weist darauf hin, daß dem Vereine neben seinen ständigen, auch außergewöhnliche Aufgaben im verflossenen Jahre erwachsen sind. In erster Linie mußte eine vollständige Statutenänderung Platz greifen, wodurch eine Erweiterung der Vereinsthätigkeit ermöglicht, gleichzeitig aber auch die Sicherheit des Bestandes durch Eintragung in das vom bürgerlichen Gesetzbuche neu geschaffene Vereinsregister gewährleistet werden sollte. In erster Hinsicht wurden durch Beschluß des Ausschusses und der Generalversammlung in Nürnberg dem Vereine zu seinen bisherigen Ausgaben vier weitere Ziele gesteckt: die Abwehr von Angriffen gegen die Lehren des Judenthums, sodann die einheitliche Regelung und Organisation der jüdischen Armen- und Krankenpflege, ferner die Herbeiführung eines friedlichen Ausgleiches bei Streitigkeiten innerhalb der israel. Kultusgemeinden Bayerns durch schiedsrichterliches Eingreifen und endlich die Förderung des Handwerks und der Landwirthschaft unter den Juden in Bauern. Für jede dieser neuen Aufgaben wurde eine eigene Kommission eingesetzt. Leider sollte sich die Abwehrkommission (Sitz München. Vorsitzender Herr Rabb. Dr. Werner) bald als ein besonders dringend gewesenes Bedürfniß Herausstellen. Dieselbe war seit ihrer Einsetzung gelegentlich der Morde in Polna und Könitz und der Fleischbesudelungsprozesse in Unterfranken vielfach in Anspruch genommen. Sie steht zum Zwecke des Rechtsschutzes überall in Bauern, wo die jüdische Religion und wo Juden um ihrer Religion willen angegriffen werden, unentgeltlich mit Rath und That zur Verfügung. In solchen Fällen empfiehlt es sich, diese Kommission unverweilt anznrusen. Auch die Kommission für einheitliche Regelung und