Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 92 (19.11.1900)
- Date
- 1900-11-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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seinerzeit eine grenzenlose. Viele hundert Proteste wurden an das Kultusministerium gerichtet. 240 orthodoxe Rabbiner haben eine feierliche Manifestation unterbreitet, daß gesetzestreue Juden die Institutionen der Neologen, deren Rabbiner, Schächter, Religionslehrer nicht in Anspruch nehmen können, nicht dürfen, daß es religionsgesetzlich verboten ist, zur Erhaltung dieser Institutionen Steuer zu zahlen — alle Anstrengungen waren vergebens. Roch zwei Jahre später - inzwischen war auch schon ein Anderer Kultusminister — erläßt das Landespräsidium der Neologen folgende Publikation: „Höchst erfreulich wird der energische Ton wirken" — die Abfertigung der Bitte der orthodoxen Durchsührungkommiffion. „In unzweideutiger Weise wird dargethan, daß es keine Rückkehr mehr gibt zu den desolaten Zuständen, welche sich als Eonseguenz des nunmehr vollständig außer Kraft gesetzten Reichstagsbeschlusses vom 18. März 1870 einstellten." Dieser Beschluß hat nämlich die einheitliche Organisation der ungarischen Judenheit behindert. In der Hitze des Gefechts — als im Kultusministerium eine Wendung zu Gunsten der Orthodoxen bemerkbar nuirde — erklärten wohl die Distriktspräsidenten, daß sie in welcher Gestalt immer eine einheitliche Organisation anzunehmen geneigt wären, verlangten aber nebstbei: „daß die Gesetzgebung von Staatswegen die einheitliche Organisation verfüge." Erst im Jahre 1801 haben die Orthodoxen die durch Machinationen der Landeskanzlei in Verlust gerathene Gemeinde- Autonomie zurückerlangt und noch heute ist der Standpunkt der Kultusregierung: „eine einheitliche confessionetle Verfassung mit starrer Gewalt den Orthodoxen nicht aufdrängen zu wollen." Und wer hat die armen orthodoxen Rabbinen von der Begünstigung der Kongrua ausgeschloffen? Wer hat den Cultusminister belehrt, daß nur maturirte Rabbiner einen Minimalgehalt von 800 Gulden verdienen, nichtmaturirte aber, wenn sie auch die größten G'onim sind, muffen es mit 400 Gulden fürlieb nehmen? Nicht die israel. Landeskanzlei der Neologen, die die Prärogative des Reform-Seminars demonßriren wollte? Nun plaidirt sie wieder mit scheinheiliger Miene dafür, daß auch die Jeschiwah als Rabbinerschule anerkannt werde und der Uneingeweihte wäre auch versucht in diesem Ausspruche „eine Art Toleranz" zu erblicken. Bei Licht betrachtet, involvirt aber auch diese Konzession eine „himmelschreiende Vergewaltigung." Die liebe Kanzlei befürchtet nämlich, es lönntcn mit der Zeit auch etliche aus der Jeschiwah bervorgegangene Rabbiner nachträglich maturiren und einer Subvention des Staates auf Grundlage des Kongruagesetzes theilhaftig werden. Das wäre aber dann eine Gleichberechtigung mit den Seminar zöglingen und das darf und soll nicht stattfinden. Der Eultusregierung wird daher der schlaue Rath er theilt, die Maturitätszeugniffe der Rabbiner nur d a n v zu berücksichtigen, wenn die Kandidaten nach erfolgter Matura noch drei Jahre eine Rabbinerschule oder Jeschiwah besucht haben. Und das geschieht bekanntlich nur im Seminar, weil in den Jeschiwoth weder die vorherige noch die nachträgliche Matura gefordert nürd. — crcitt f\x! Die israel. Landeskanzlei hat noch niemals die orthodoxe Richtung berücksichtigt, sondern noch immer mit Hilfe der Eultusregierung eine Einschränkung derselben bewerkstelligt. Es ist dies leider ein trauriger Zug der Zeiten, daß die Reformbestrebungen im Schoße des Judenthums in aller Herren Länder begünstigt werden. Hier in Ungarn stehen aber an der Spitze der Kongreßpartei politisch hochgestellte Persönlichkeiten, die im Eultusministerium eines ausgezeichneten Ansehens sich erfreuen und mit der Entstehung einer jeden neuen Ministerialverordnung, die alleweil vom Landespräsidium der Neologen ausgearbeitet wurde, ging ein Stück orthodoxer Autonomie zu Grunde. Es erfordert stets außerordentliche Mühewaltung, bis die Cultusregierung vom Gegentheil überzeugt wurde. Und wenn man die vieljährige unermüdliche Wühl- und Minirarbeit der israelitischen Landeskanzlei, die leidenschaftliche Rabulistik, mit welcher man die königlich sanetionirten Rechte der Orthodoxie confisciren wollte, Revue passiren läßt, muß jeder an Thora und Tradition sesthaltende Jude gehobenen Herzens ausrufen: h "rz n2 ry Bis hierher hat uns Gott geholfen, er wird auch ferner helfen! Denn bei allen Fortschritten, Errungenschaften und Zugeständniffen sind wir noch immer — ja eigentlich erst recht auf die Hilfe angewiesen. Dem Landespräsidium der Orthodoxen rufen wir aber zu: Seid muthig und stark! Kümmert Euch nicht um die treulosen Heuchler im eigenen Lager und fürchtet nicht die dreißigjährigen Widersacher des gesetzestreuen Judenthums. crd cnS‘ Gott wird für Euch streiten, Ihr sollt aber auch nicht schweigen. Dr. I. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Könitz, 14. Rov. Ueber die Aufnahme des Urthcils im Gerichtssaale und in der Stadt Könitz berichtet ein Berliner Blatt: Das Ende des Masloff-Prozesses rief bei dem im Gerichtssaal anwesenden Publikum große Bewegung hervor. Ten Wahrspruch der Geschworenen nahm man noch mit verhältnißmäßiger Ruhe entgegen, wenn auch bereits in diesem Augenblick zu erkennen war, daß ein großer Theil des Publikums trotz des starken Belastungsmaterials, das namentlich gegen Masloff und gegen Frau Roß vorlag, auf einen Freispruch gerechnet