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Der Israelit · 1900-11-15 · Heft 91 (15.11.1900) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 91 (15.11.1900)
Date
1900-11-15
Page
– (sequence 27)
Language
German
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1901 finden, da ließen sich die jungen Leute nicht länger halten. Sie gab ihnen etwa ein Drittheil ihres Geldes, und mit dem Reste eröffnete sie sich einen kleinen Kaufladen. Ihre Ausgaben waren gering, da nur noch die jüngsten Kinder bei ihr geblieben waren, aber auch diese Ausgaben überstiegen die Erträgnisse des Ladens. Die Trümmer des Vermögens schmolzen zusehends dahin. War ihr Zustand daheim traurig und betrübend genug, so waren die Nachrichten, die sie von ihren Kindern erhielt, noch trauriger. In den Briefen klagten sie freilich nicht, sondern umgekehrt, sie waren voller Zuversicht und Vertrauen auf die Zukunft. Aber das Mutterherz ließ sich nicht betrügen, inftinctiv ahnte es die bittere Wahrheit, daß es den geliebten Kindern in der Ferne schlimm genug erging. So sah die Gegenwart aus, was mochte die Zukunft bringen? Eines Tages erhielt sie einen Brief von Josef, der ihr berichtete, daß er die Hoffnung aufgegeben habe, jemals in einer der Städte des „Ansiedelungsrayons" eine Unterkunft finden zu können; daher wolle er sich den ausnehmlich glücklichen Zufall zu Nutze machen, der es ihm ermögliche, in einer Stadt im Innern Rußhands,!vo sonst keine Juden wohnen dürfen, sich anzusiedeln . . Diese Nachricht betrübte die Frau sehr und sie vergoß bittere Thränen über das harte Schicksal, welches ihren Sohn in eine so ferne Gegend verstoßen hatte, wo es fast gar keine Juden gab. Aber die Kunde, welche sie fast gleichzeitig aus Amerika erhielt, betrübte sie noch mehr. Die Geschwister mußien scheiden und konnten ferner nicht beifammen in derselben Stadt wohnen. Die Mutter konnte den Gedanken nicht ertragen, daß ihr zartes Töchterlein in dem fremden Lande unter fremden Menschen allein wohne, ohne den brüderlichen Schutz. Zudem hatte die alte Frau sonderbare Begriffe von der neuen Welt. Die fremdartigen, ihr völlig unverständlichen Lebensbedingungen, wie man sie ihr beschrieben hatte, flößten ihr eine natürliche Angst ein, die sie sich selber nicht erklären konnte. Um dieselbe Zeit, da das Nebel den Höhepunkt erreicht hatte, nahmen die Dinge eine Wendung zum Besseren. Joses sandte eine Nachricht, daß er in seinem neuen Wohnorte eine lohnende feste Anstellung gefunden, und einige Wochen daraus kam ein sichtbarer Beweis für die Besserung seiner Lage, nämlich eine Geldsendung. Auch aus Amerika kamen erfreulichere Nachrichten. Abraham hatte ebenfalls dauernde Beschäftigung gefunden, und kurz darauf schickte er für den jüngeren Bruder eine Schiffskarte und Reisespesen nach Amerika. Rahel hatte einen Freier gefunden, über den ihre Briefe des Lobes voll waren, kurz nach ihrer Hochzeit sandte sie Schiffskarle sammt Geld für den zweiten Bruder, auch kam ein Brief von ihrem Manne, der in herzlichen Worten den Schwager einlud, nach Amerika zu kommen. So erfreulich auch diese Wandlungen an sich waren, die binnen weniger als einem Jahre vor sich gingen, das Herz der Mittler ward durch sie nur noch mehr betrübt. Die Freude über das Glück, welches die Tochter an der Seite eines geliebten Mannes gefunden, war nicht vollkommen. Die Mutter hatte sich ja längst in der Seele all die köstlichen Mühen und Plackereien ausgemalt, die ihr die Vorbereitungen zur Hochzeit der Tochter verursachen, und sie kostete im Voraus die süßen Schauer, die ihr Herz dabei durchzucken würden. Das war ja ihr seligster Traum gewesen, die Tochter dereinst unter die Chuppa zu führen . . . Nun vollzog sich das alles in weiter, weiter Ferne, jenseits des großen Wassers, ohne daß sie die Hand auf das Haupt des Kindes legen konnte. Der Schmerz der betrogenen Hoffnung beklemmte ihr Herz. Dazu kam, daß sie gleichzeitig von zwei Söhnen sich trennen sollte, die sie nie mehr Wiedersehen würde. Sie versuchte sie zum Bleiben zu bewegen, aber die Jungen träumten längst von dem Leben in der neuen Welt, und die Briefe der dortigen Geschwister steigerten nur noch ihre Sehnsucht. Die Söhne reisten ab, und nun blieb sie allein mit ihrer jüngsten Tochter Rebekka, einem Mädchen von dreizehn Jahren. Ihre materielle Lage hatte sich beträchtlich gebessert, denn ihre Kinder aus Amerika und der älteste Sohn Josef bestritten die Bedürfnisse ihres kleinen Haushaltes — doch all das befriedigte nicht die Seele der Mutter, die mit eigenen Augen das Glück der Kinder zu sehen sich sehnte. So oft sie von ihnen eine gute Kunde erhielt, erregte sie in ihr nicht nur Freude, sondern auch Kummer. Sie war schlimmer daran als andere Mütter, die von ihren Kindern umgeben waren und nicht vermittelst des Briefträgers sich mit ihnen zu verständigen brauchten. Nach Amerika zu reisen war ihr niemals in den Sinn gelommen, auch die Kinder machten diesen Vorschlag niemals. Doch Joses, der inzwischen geheirathet und sich selbstständig gemacht hatte, und dem es gut erging, vergaß Mutter und Schwester in den guten Tagen nicht u. lud sie mehr als einmal ein, zu ihm zu kommen. Die Alte weigerte sich anfangs, denn sie fürchtete, der Schwiegertochter zu Last zu fallen und den Hausfrieden des Sohnes zu zerstören. Aber auch nachher, als sie sich von der Herzensgute und der edlen Denkweise ihrer Schwiegertochter überzeugte, weigerte sie sich, hinzukommen, obgleich sie eine große und herzliche Sehnsucht hinzog. Sie war selber nicht im Stande, sich klare Rechenschaft über die Gefühle zu geben, die es ihr schwer machten, ihren Aufenthaltsort zu verlassen und sich zu dem Sohne zu begeben. Eine unklare Furcht vor den fremdartigen Verhältnissen war es, die sie abhielt, und im stillen Herzen hegte sie die thörichte Hoffnung, daß ihre Kinder noch alle zu ihr zurückkehren werden. Besonders in Bezug auf Josef gab sie sich insgeheim dieser Illusion hin, da er in seinen Briefen häufig die Befürchtung aussvrach, seine unsichere Lage könnte jeden Tag in's Wanken kommen, und er könnte einmal unvermuthet des Rechtes, außerhalb des Ansiedelungsrayons zu wohnen, verlustig gehen. Das Damokles-Schwert des Ausweisungsbefehles hing über seinem Kopfe . . . Wohl mochte der Sohn dies als Uebel ansehen, doch die

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