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Der Israelit · 1900-11-15 · Heft 91 (15.11.1900) · page 28

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 91 (15.11.1900)
Date
1900-11-15
Page
– (sequence 28)
Language
German
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1902 Mutter uöftete sich im Stillen darüber und hoffte sogar darauf. Gab es hier nicht auch Menschen, die ihr Auskommen hatten? . . . So gingen sechs oder sieben Jahre in's Land. Ihre jüngste Tochter war schon Zwanzig Jahre alt geworden, und es war Zeit, daran zu denken, üe unter die Chuppa zu führen. Sie vertraute aus Joses, daß er für Aussteuer und Mitgift sorgen würde, aber sie fand, daß es geziemend wäre, daß die Schwester persönlich den Bruder spreche. Daher widersetzte sie sich nicht, als Joses die Schwester einlud, Zu ihm Zu kommen, um j einige Monate sein Gast zu sein. Erst als das Mädchen fort war, wurde es der alten Frau klar, was der Schmerz der Trennung bedeutete. Das war doch das einzige Kind, das sie noch bei sich hatte. Sic bereute schwer nicht mitgereist zu sein und erwartete mir ungeduldiger Sehnsucht die Rückkehr des Kindes. Plötzlich erhielt sie die Nachricht, daß ihre Tochter einem reichen j Kausmannssohne gefallen habe 'und sie seine Liebe er- : wiedere. Die Verlobung sei bereits gefeiert worden, und man warte aus die Ankunft der Mutter, um Hochzeit zu machen. Gerade als die Iran Anstalten zur Abreise traf, kam ein dringender Brief von Joses, der berichtete, daß die Dinge plötzlich eine schlimme Wendung genommen i hätten, und daß sie alle einen Ausweisungsbefehl zu gej wärtigen hätten. I Die Alte war über die Nachricht bekümmert und erirein zugleich. Sie fürchtete für die Zukunft der Kinder, aber sie hoffte, den Sobn bald wieder in ibre Arme schließen zu können. Gott würde ihn auch hier nicht verlassen. Sie trarteie mit Engeduld, bis die Sacke zum Abschlüße käme und einige Monate lang litt sie die Dualen der Ungewißheit. Auch traten in dieser Zeit die Briete von den Kindern nur ganz unregelmäßig ein. Endlich berichtete man ihr, daß die Gefahr vorüber sei und sie in ihren bisherigen Wohnsitzen verbleiben dürfen. Was die Mutter aber anbetrefse, so sei es vortheilhaster, daß ne daheim bleibe, da die weite Reise für ihr Alter zu gefährlich und sogar gefahrvoll sei ... . Die ^rau war untröstlich über die Vereinsamung aus die alten Jahre und die Sehnsucht nach den Kindern meldete sich mit umso stärkerer Kraft, als die Hoffnung, sie wiederzusehen, schon so nahe war. Die Ursache, die ihren Sohn bewogen hatte, den Blau zu ändern, vermochte sie gar nicht zu begreifen. Doch siel es ihr keinen Augenblick ein, die grenzenlose Liebe ihrer Kinder zu ihr in Zweifel zu ziehen. Auch wir mußten sed-'n solchen Gedanken abweisen, nachdent wir das große Bündel gemustert hatten, in welchem sie die Briese ihres Sohnes Joses und ihrer Tochter Rebekka anfb^wahrte. Aus einer jeden Zeile sprach Liebe und Sehnsucht Zn der entfernten Mutter, manchmal konnte man einen Ton bitterer Klage über die unabwendbare Rothwendigkeit heraushören, der man sich mit Schmerz - fügen mußte. Und doch tonnte ich mich des Gedankens! nicht erwehren: „Aus den Augen, aus dem Herzen."? Denn einen anderen Grund konnte ich nicht finden, j weshalb die Mutter zu einem vereinsamten Dasein in der Ferne vernrtheilt bleiben sollte. Diese Erwägungen veranlaßten mich, ohne Misten der Alten mich in die Angelegenheit Zu mengen. Da ich ihr ständiger Sekretär war, legte ich einmal dem Briefe, den ich in ihrem Namen an den Sohn schrieb, einen eigenen in meinem Namen bei. Zu meiner Entschuldigung erklärte ich unsere Beziehungen zu der alten Zrau, die mich berechtigten, hier ungebeten das Wort zu ergreifen, dann schilderte ick in bewegten Worten, wie schwer die Einsamkeit auf der armen Mutter lastete, rote sehr sie sich noch den Kindern nnd Enleln sehne, und schlov damit, daß ick ihnen die Pflicht an's Herz legte, den Seelenquolen der Eilten ein Ende zu machen. Aur meinen Brief kam keine direkte Antwort, nur in dem Schreiben an die Mutter flockt der Sohn eine leis? Andeutung ein, die durchblicken ließ, daß es Dinge gebe, welche sich nickt leicht erklären lassen, und daß daraus zuweilen schiefe und ungerechte Urtheile erwüchsen. Diese Andeutung befriedigte mich nickt und erklärte mir nichts. Mein Verdacht wurde nur noch bestärkt. Mittlerweile wurde die alte Frau krank. Sie begriff sofort, daß ihre Tage gezählt seien. Unter den verfchieNnev. Wünschen, die sie mir für den Fall ihres Todes und in Bezug auf das Begräbniß an das Herz legte, roar auch der. den sie mir besonders einschärste, eine Anzab! hebräischer Bücher, die ihr Gatte zurückgelassen batte, ihrem ältesten Sohne zukommen zu lasten. Aiick iollte ich ihn von ihrem Tode telegraphisch benachrichtigen „Meine Kinder in Amerika", erklärte sie mir mit einem Seufzer, „haben gewiß bereits ihre ganze Jüdischkeit 'chon vergessen. Aber mein ältester Sobn Jolef, das bin ich überzeugt, .wird nach meinem Tode Kaddnch sagen. Mischnajoth lernen, und auch seinen Kindern noch werden die heiligen Bücher von Nutzen sein, die sie v^n der alten Großmtttler überkommen haben. . . Als ich diesen letzten Willen der Greisin vollzog, wurde ich erst gewahr, tvelch einer Tänfchung sie sich in dieser Beziehung hingegeben hatte. Die Anttvort aus den Brief, den ich dem Sohne bei Lebzeiten der Mtttier geschrieben, traf nach deren Tode ein. Die Kinder dankten uns tu warmen Worten für die Theiinahme, die wir der Mutter gewidmet, und gestanden uns den Grund, weshalb sie ihnen ewig ferne bleiben mußte — Die arme Frau wußte nickt, und es war gut, daß sie nickt wußte, welch einen hohen Preis ihre Kinder für das Recht hatten bezahlen müffen. außerhalb des für die Juden bestimmten Ansiedelungs - Rayons wohnen bleiben zu oürfen. War es ihr nicht schwer genug, vereinsamt zu sein, wozu hätte sie noch erfahren sollen, daß sie auch verlassen war? .... Perantwortliche Redactio«: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Job. Wirth'scben Hofbuchdruckerei Actien-Gesellschast in Mainz.

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