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Der Israelit · 1900-11-15 · Heft 91 (15.11.1900) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 91 (15.11.1900)
Date
1900-11-15
Page
– (sequence 26)
Language
German
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1900 leicht gar nicht kannte und die nur in der Phantasie an ihr vorüberzogen. Diese unsere Vermutbungen stellten sich als wahr heraus, nachdem wir die Einzelheiten der Lebensgeschichte dieser Frau erfuhren, eine Lebensgeschichte, die ebenso schlicht und alltäglich, wie tief tragisch war. . . Vielleicht liegt das Tragische solcher Lebensgeschichten gerade in ihrer Häufigkeit und Alltäglichkeit. Es war ein ruhiges, zufriedenes Leben, welches sie zwanzig Jahre lang an der Seite ihres Gatten führte. Sie waren nicht reich, aber im Haufe herrschte Fülle und Wohlstand. Sie waren Pächter eines Landgutes, welches einem polnischen Edelmanne gehörte. In diesem Unternehmen gibt es verschiedene Zeiten, gute und schlimmere, im Allgemeinen aber trägt hier die Arbeit ihre Früchte, und so batten sie denn ihr Auskommen ohne Mangel und Noth. Sie gewöhnten sich an das Landleben so sehr, daß sie sich ein anderes Leben gar nicht denken konnten. Doch es kam anders. Als am Anfänge der Achtzigerjahre die Pachtzeit abgelausen war, mußten sie die Landwirthschast verlassen, um auf die alten Tage einen anderen Berufsweg zu suchen. Der Eontract durfte nicht erneuert werden, da mittlerweile die berühmten Maigesetze herausgekommen waren, welche den Juden den Aufenthalt auf dem Lande verboten. Diese fatale Wendung war in materieller Beziehung ein schwerer Stoß für sie. denn sie beraubte sie des gewohnten Lebensunterhaltes gerade in der Zeit, da die Kinder heranwuchsen und die Bedürfnisse sich naturgemäß steigerten. Doch in der ersten Zeit machte sich dies weniger fühlbar, da der seelische Schmerz, welchen der Umschwung mit sich brachte, überwog. Als wir mit der alten Frau bekannt wurden, waren seit jener Zeit schon viele Jahre verflossen, die über das Haupt unserer Freundin viel Jammer und Unglück gebracht hatten und dock zitterten stets Thränen in ihrer Stimme, sobald das Gespräch aus jenes Ereigniß kam. Der Tag. an dem sie das Haus, die Gärten, die Felder, die Scheunen, die Rinder und Pferdeställe verlassen mußten, das war der „größte Trauertag" in ihrem Leben. Hatten sie sich ja an diese Umgebung so gewöhnt, daß sie bereits vergessen batten, daß all' dies nicht ihr dauernder Besitz war. Das Stadtleben machte ihnen das Uebel noch fühlbarer. Die Eltern, noch häufiger aber die Kinder, kamen freilich oftmals in die Stadt, aber das waren Luftreifen, die einen oder zwei Tage dauerten. Längere Zeit hier zu verbringen, hatten sie niemals versucht, und da ste an die weiten Fernen des Landes gewöhnt waren, bedrückte sie die Enge und das Gewühl der Stadt. Sie hatten gegen zehntausend Rubel an Vermögen, als sie in der Stadt Wohnung nahmen. Aber die mangelnde Erfahrung im städtischen Geschäftsleben verursachte ihnen große Verluste, und einige unglückliche Operationen machten das Uebel noch größer. Die Ersparnisse schwanden mit jedem Jahre dahin, von Unternehmen zu Unternehmen wuchs der Mangel, die Noth stand bereits vor der Thür. Um jene Zeit stellte sich beim Oberhaupte der Familie eine verheerende Krankheit ein. Das Stadtleben hatte seine eiserne Clesundheit untergraben, die Sehnsuchr nach der früheren Lebensweise und der Kummer über ven Verlust des Vermögens, der die Familie dem Elende preisgab, tbaten das Uebrige. Natürlich trug der schlechte Gesundheitszustand des Vaters nur noch zur Verschlimerung der materiellen Jntereffen bei. Drei Jahre nach ihrer Uebersiedelung in die Stadt starb der Gatte und hinterließ die Wittwe mit ihren sechs Kindern ohne jegliche Subsistenzmittel. Noch zu Lebzeiten des Mannes hatten sie die frühere bequeme Wohnung mit einer anderen, engeren, aber billigeren, vertauscht, auch batten fre ihre guten Möbelstücke verkauft. die in diesen Verhältnissen nur ein lästiger Luxus für sie waren. Aber trotz alledem befanden sie sich in äußerst drückender Lage. Alles in allem besaßen sie nur noch etwa sechshundert Rubel, da sie aber kein Geschäft in Händen hatten, war es leicht vorauszusehen, daß das Sümmchen bald dabinschmelzen würde. Der älteste Sohn. Josef, hatte noch ein Jahr vor dem Tode des Vaters das Haus verloffen, um in der weiten Welr sein Glück zu suchen, aber seine ersten Briefe brachten keine besonders glücklichen Nachrichten. Run beschloß der zweite Sohn, Abraham, zu- )ar.imert mit feiner Schwester Nahel, nach Amerika zu geben. Die Mutter widersehte sich anfangs, bat mrt Thränen in den Augen, ste möchten von dem Vorhaben ablasien. War ihr schon der Gedanke an eine ewige Trennung allein unerträglich, so bedrückte sie noch mehr das Bewußtsein, daß ihre Kinder, die ihr seliger Mann, den schlechten Zeiten zum Troß, mit so vielem Aufwand in allen hebräischen Fächern unterrichten ließ, nun in Amerika, diesem „wüsten" ungeheuren Amerika, alles vergessen und völlige Heiden werden würden. Sie war überzeugt, daß ihr Gatte niemals eingewilligt hätte, seine Kinder auf diese Weise in alle Welt zu zerstreuen, und dies veranlaßte sie. dem Vorhaben der Kinder energischen Widerstand entgegenzusetzen. Sie wollte sie bewegen, noch eine kurze Zeit auszuharren, bis der ältere Bruder eine feste Stellung gefunden habe und ihnen dann eine Stütze bieten könnte. Sie vertröstete die Kinder mit dieser Hoffnung, denn sie glaubte selber an die Fähigkeiten ihres ältesten Sohnes und war überzeugt, daß ihm der Erfolg nicht ausbleiben würde. ..Wären meine Kinder nicht so ungeduldig gewesen," sagte sie uns oftmals, „dann hätten die Dinge einen ganz anderen Verlauf genommen. Sie wären nicht bis arsts Ende der Welt verstoßen worden, und ich wäre auf meine alten Tage nicht mutterseelenallein geblieben. Doch, es war offenbar Gottes Wille. . . Abraham und Rahel gaben nach und schoben ihre Abreise auf. Aber als wieder einige Monate verflossen waren und der ältere Bruder Joses noch immer von Stadt zu Stadt irrte, ohne ein Stück sicheres Brot zu

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