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Der Israelit · 1900-11-15 · Heft 91 (15.11.1900) · page 25

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 91 (15.11.1900)
Date
1900-11-15
Page
– (sequence 25)
Language
German
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Orthodoxe MudenthumÄ LN Hr. M. 15. Nov 1900 ] sNr. » 1^ BML SilUüi tue ereinscrmte. Skizze von I. BerschaösKL. ZÄ u s dem Hebräischen.) - -4<38>-^*<*0b***2t>r ^infan- und verlassen war sie in den letzten Jahren ihres Lebens, seiner ihrer nächsten Angehörigen stand ihr bei, als ne auf dem Krankenbette darniederlag, das sie nickt mehr verlassen sollte, keiner war erschienen, um sie (ru beweinen und ihr das lehre Geleite zu geben, keiner war da, um bei ihrer Bahre das erste Kaddisch zu sprechen. Meine Frau und ick, wir waren die einzigen Freunde ibrer letzten Lebenstage, wir warteten ihrer in der Krankbeit und betteten allein ihren Sarg in der Erde. Unsere 2htänen waren die einzigen, die aus das Grab dieser verwaisten Greisin fielen, mein Kaddisch war das einzige Gebet für ihre Seele — aber wir waren ibr :a völlig fremd. Uns verknüpfte kein verwandfchaftliches Band mit ibr. wenige Jahre vor ihrem Hinscheiden waren wir mit ibr bekannt geworden. Sie bewohnte nns gegenüber zwei kleine Zimmerchen, in denen sie mntterseelenallein hauste. Sie emvsing keine Besuche und besuchte ihrerseits auch Niemanden, sie ging nur aus, um Einkäufe zu machen, und um dem täglichen Gottesdienste beizuwobnen. Sechzig Jahre mochte sie zählen, ihre Haltung war gebückt, ihre Gestalt war schmächtig, doch war sie. ihren Jahren zum Trotz, noch flink in den Bewegungen. Ihr Gesicht war berschrumpst und gefurcht, und ihre hellbraunen Augen waren umflort, nur ihr angenehmes Lächeln und ihr ruhiger Blick verriethen große Herzensgute und Edelmuth. Ihre schlichten, abgetragenen Kleider waren von peinlicher Sauberkeit, in ihrer kleinen Wohnung herrschte stets musterhafte Ordnung, was uns sofort für sie einnahm. Noch mehr zog nns ihre stille Zurückgezogenheit an, wie auch der schwermüthige Ausdruck ihrer Züge, die verriethen, daß dieses arme Wesen viel im Leben gelitten haben mußte. Wir suchten uns ihr zu nähern und sie ging mit Freuden daraus ein. Es dauerte nicht lange und sie lvar wie eine Mutter oder eine alte Tante. Wir waren erst kurz verbeirathet, meine junge Frau war eine Anfängerin in der Wirthschaft und daher kam ihr die Erfahrung der Alten sehr zu statten, die sie mit ihrem sanften, ruhigen Lächeln lehrte, wie man dies und jenes im Haushalte anzufangen habe. Als uns das erste Kind geboren wurde, gewann die alte Frau es lieb und wartete es mit einer beinahe größeren Sorgfalt, als die eigene Mutter. Wenn sie das .Kleine hätschelte, war es offensichtlich, daß sie eine unaussprechliche Wonne emvsand. Dann leuchteten ihre Augen, die Falten in ihrem Gesichte glätteten sich, auf ihren welken Lippen erschien ein wonniges Lächeln, in ihrer Stimme ertönten eigenthümliche frohe Accente. Auf den ersten Blick mochte man dies für die natürliche Folge jener echt weiblichen Neigung halten, kleine Kinder zu betreuen, einer Neigung, die bei dieser Frau vielleicht in einem besonders hohen Grade entwickelt war' doch bei näherem Zusehen konnte man sich leicht überzeugen, daß eine weit tiefere Ursache da im Spiele war. Die Pflege des Kindes schien in ihr verschollene Erinnerungen wachzurufen an eine ferne Zeit, da sie selber eine glückliche Mutter gewesen war, die ihre eigenen Säuglinge an den Busen drückte; vielleicht erregte der Anblick des fremden Kindes in ihr eine Sehnsucht nach anderen kleinen Kindern, die ihrem Herzen näher standen, aber ihren Augen fern waren, Kinder, die sie viel-

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