Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1900-11-15 · Heft 91 (15.11.1900) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 91 (15.11.1900)
Date
1900-11-15
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449049-2449133--51969-2502584
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

M?MW»WWWWWWWWWWW 1892 meister fröntet nunmehr den Saal verlassen und nur auf die eindringlichen Vorstellungen ihres Parteigängers Löwenberg entledigten sie sich wieder ihrer Garderobe und begeben sich unter Heiterkeit der Liberalen wieder auf ihre Plätze. In der wieder aufgenommenen Diskussion weist Prof. Geiger darauf hin, daß wiederum von Herrn Oppenheim den Befürwortern des Sonntagsgottesdienstes die Abschaffung des Sabbaths vorgehalten worden sei; er müsse nicht nur in seinem Namen, sondern in dem aller Antragsteller die häufige Wiederholung dieses Vorwurfs als eine gehässige Insinuation erklären. Diese Methode sei ein durchaus nicht zu billigendes Kampfmittel. Er glaube, daß alle Redner, die die Einführung des Gottesdienstes wünschen, durch den Ernst ihrer Sprache bewiesen hätten, tmß sie hier eine der wichtigsten, vielleicht sogar die wichtigste Angelegenheit zu behandeln hätten, mit der sich je die jüdische Gemeinde zu befassen gehabt hätte. Er bedauere es von tiefstem Herzen, daß einer der Redner cs versucht hätte, die Debatte in's Humoristisch-Satirische zu überführen*) u. so auch seine Aeußerungen aus dem Felde schlagen zu wollen. Herr L e w i n irre sich sehr in dieser Kampfesweise wie in dem Erfolg desselben, und wenn L e w i n an die Nachkommen appellirt habe, so hätten auch die Befürworter der Frage ein Recht, an die Nächsten zu appelliren, ohne dabei an die nächsten Wahlen zu denken, die für sie vollständig gleichgültig seien. Er brauche nicht zu sagen, daß er nicht an die Autorität des Talmuds glaube. Er habe nur versucht, diejenigen zu widerlegen, die da meinen, sie könnten sich mit Gegengründen gegen den Sonntagsgottesdienst auf den Talmud stützen. Wenn Herr L e w i n ihn hätte verstehen wollen, so hätte er es sehr gut thun können. L e w i n hätte ferner gesagt, er rufe nicht nach dem Kadi. Wenn es L e w i n nicht gewesen sei, so seien es andere Herren gewesen. Die freisinnigen Juden hätten das niemals gethan, sondern immer nur diejenigen, denen das Privatintereffe höher gegolten hätte, als dasjenige der Gesammtgemeinde. (Erregter Zuruf L e - wins: Das ist unerhört! Wollen Sie das zurücknehmen? Geiger erwiedert: Ich nehme nichts zurück. Unterbrechung des Redners durch den Vorsitzenden, der den Redner zur Erklärung auffordert, daß er Niemanden von der orthodoxen Partei damit gemeint habe.) Er habe nur diejenigen gemeint, die bei Streitigkeiten stets bei der Hand gewesen seien, bei der Regierung Protest einzulegen, und aus der Entwicklungsgeschichte Berlins lasse sich Nachweisen, daß es niemals diejenigen gewesen seien, die das Interesse der Gesammtgemeinde im Auge gehabt hätten. Was heiße die öffentliche Meinung? Vielleicht die Leser der Vosstschen Zeitung oder diejenigen, die in der Gemeinde stehen? Es werde immer nur mit höhnenden Worten *) Sie brauchte nicht erst hinübergeführt zu werden, sie war schon von Anfang an darin. Anm. des Corr. auf die 6000 Stimmen hingewiesen, die sich für den Sonntagsgottesdienst erklärt hätten. Diese sprächen ebenso die öffentliche Meinung aus wie die unsichtbaren und unhörbaren. Wenn die Befürworter gewarnt werden, den Sonntagsgottesdienst einzurichten, weil er üble Folgen haben könnte, so sei er der festen Ueberzeugung, daß gerade in der jetzigen Zeit, wo die Wirkung der Angriffe auf das Judenthum sich zeige, schon sehr viel abtrünnig geworden seien oder aber starke Neigung zeigen, abtrünnig zu werden. Da bestehe die Pflicht, alles zu thun, um die Schwankenden wieder zum Judenthum zurückzuführen. Deshalb könne er den Sonntaasaottesdienst nicht warm genug empfehlen. Syndikus Dr. Minden bezeichnet die Ausführungen Oppenbeim's über die Reform als im Allgemeinen richtig. Er fügt nur hinzu, daß die Subvention der Gemeinde nicht etwa eine Liebesgabe darstelle, der keine Gegenleistung der Reform gegenüberstehe. Die Gegenleistung bestehe in den Steuern, die die Mitglieder der Reform an die Großgemeinde bezahlen. Herr L ö w e n t h a l weist durch Zahlen nach, daß unter Abrechnung der Kinder unter 6 Jahren etwa 70 000 Personen die Gelegenheit geboten werden müsse, die Svnagoge besuchen zu können. Höchstens 25 000 Personen hätten die Möglichkeit, an den hohen Feiertagen an einem Gottesdienste Theil zu nehmen. Es muffe deshalb den übrig bleibenden 45 000 Personen die Möglichkeit beschafft werden, einem Gottesdienste an den Sonntagen beiwohnen zu können. Prof. L e w i n constatirt, daß Herr Geiger keines seiner Worte und Einwürfe widerlegt hätte. Witzige Bemerkungen mache er in einer so ernsten Angelegenheit nicht, sein Inneres sei bei seinen Ausführungen sehr bewegt. Die Dialektik, die der Einzelne aufwende, sei eine Gottesgabe und sein Geschick, und wie diese benutzt würde, mache eben der eine Eindruck und der andere mache keinen Eindruck. Es zeige in der That, wie scharf die Gegensätze in einer Versammlung sein müssen, wenn aus ein so harmloses Zeichen des Beifalls solches Gewicht gelegt werde. Bei dem Rufen nach dem Kadi, über das Herr Geiger Klage geführt, falle ihm die alte Fabel von dem Wolf und dem Schafe ein, wo sich der Wolf beklage, daß das Schaf ihm das Wässerchen getrübt habe. Es bleibe doch schließlich nichts anderes übrig, als daß die Partei, die sich im Unrecht glaube, an die Stelle gehe, wo sie Hilft bekommen könne. Es babe wohl niemals einen Juden auf der Welt gegeben, der jüdische Angelegenheiten Gelderwerbes wegen in irgend einer Weise behandelt hätte. Wer Gemeindeangelegenheiten verwalte, der sei ein Schuft, wenn er hierbei Privatinteressen vorwalten lasse. Geheimrath B l u m e n t h a l erklärt, sich durch die Geiger'schen Ausführungen persönlich getroffen zu fühlen. Der Borsitzende hält die Angelegenheit durch die Erklärung Geigers für erledigt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.