Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 91 (15.11.1900)
- Date
- 1900-11-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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* ^jr^^'*r7V'-??y't^L*gv‘ st» > *. 1881 , Feuilleton Kin jüdischer Klasfiker Ungarns. tzin littmifäcr tzffay von S. B N o f n c r. 3J ^Nachdruck verboten j Da brach das Jahr 1862 an, welches sich mit schwarzen Lettern in die Annalen des Dichters einschrieb und den, trotz äußerer Noth so fröhlich begonnenen Entwickelungsgang desselben in's Stöcker? brachte. Furchtbare Schicksalsschläge waren es, die, einer alten Erfahrungsregel folgend, nicht vereinzelt, sondern gleich zu Paaren über das Haupt des Jünglings bereinbrachen. Zuerst kam der Tod der heißgeliebten Mutter. Bald darauf folgte das zweite Unglück: ein Schadenfeuer äscherte daheim die kleine Wirthschaft ein und brachte den Vater an den Bettelstab. Auch die geringe ilnterstützung, die er bisher von zu Hause erhallen hatte, blieb aus und Kiß sah sich außer Stande, seine Studien fortzusetzcn. Mit schwerem Herzen mußte er dem Studium Valet sagen und sich nach einem Broderwerb umschauen. Er fand diesen — es wird wohl ein „Broderwerb" im eigentlichen Sinne des Wortes gewesen sein, denn „Kuchen" dürfte es dabei wenig abgesetzt haben — in der edlen Dorfschulmeisterei. O wunderliche Malice des Schicksals! Der Sängerjüngling, dessen Seele von herrlichem Wohllaut erfüllt war, mußte sich dazu bequemen, die hoffnungsvolle Dorfjugend auf das Einmaleins und „Aleph-Beth" einzudrillen. Und doch — so wenig beneidenswert!) dir neue Stellung auch persönlich genannt werden kann — Hit seinen dichterischen Berus war sie entschieden von tiefbedeutendem, wohlthätigen Einfluß. Es war lein guter Stern, der ihn als Hauslehrer in die Gemeinden Mate-Szalla, Otany, Paszto und Boros Jenö, mitten in das Herz der eigenartigsten magyarischen Bevölkerung leitete. In einiger« Umgänge mit dem Volte des Alföld, ging ihm hier die ganze Schönheit der ungarischen Sprache und des ungarischen Volkslebens auf, wie sie sich in der Volkspoesie offenbarte. Hier fand er jene einfachen Naturlaute, die seine Dichtungen als ureigenste Offenbarungen der Volksseele erscheinen lasten. Im Jahre 1868 treffen wir den Dichter in der Metropole des Landes. Doch, obgleich eben damals, lurz nach dem stattgefundenen Ausgleich mit Oesterreich, eine Periode mächtiger wirthschaftlicher Bewegung für Ungarn und seine Hauptstadt angebrochen war, welche den geistigen Kräften des Landes ein weites und dankbares Feld der Ambition erschloß, sehen wir den Dichter der Nation sich mit der bescheidenen Stelle eines Correktors der Deutsch'schen Druckerei bescheiden. Nein, Stellung und Vermögen sich erringen, das verstand er Zeit seines Lebens nicht. Mährend rings um ihn ein heißer und vielversprechender Kampf um die goldenen Hesperidenfrüchte der eben errungenen politischen Unabhängigkeit des Landes entbrannt war, zog er sich als Taglöhner in die dunkle Ecke einer Druckerei zurück und träumte und ersann. Das war seine Ambition, anmuthige Klang- und Empfindungsschemen? In diesem Jahre veröffentlichte er seine erste Gedichtsammlung, die „jüdischen Lieder." Das war wieder so eine seiner olympischen Ungeschicklichkeiten, anstatt wie so viele Andere eine jede Spur seiner Zugehörigkeit zu dem geringgeschätzten Volke sorgfältig zu verwischen, gerade unter dem Banner dieser Zugehörigkeit in die Arena der großen Oeffentlichkeit hinausztltreten. Die Kenner sahen wohl das echte Gold schimmern, aber man bestrebte sich nicht sonderlich, es an's belle Licht zu fördern. Josef Kiß hatte unter dem doppelten Verhängnis; des Juden und des genialen Talentes zu leiden. Die Unparteiischen nahmen doch mindestens keine Veranlassung, sich für den „jüdischen" Sänger zu echaufstren, während die kläffende Meute mißgünstiger TakenUosigkeit mit dopvelter Wuth über den jüdischen Löwen herfiel, dessen Klaue sie erkannte. Und das ist für eine aufstrebende Kraft um so fataler, als bekanntlich gerade die Clique der Mittelmäßigkeiten die meisten Köter liefert, welche die Zugänge zur Litteratur bewachen. Die belletristischen Zeitschriften, klagt der Dichter voll herben Unmnths, weisen seine Gedichte consequent zurück. Warum? Man mochte sie einfach nicht. In diesem Jahre veröffentlichte er auch seine erste Ballade „Lied vom armen Arjah." Das Gedicht, übrigens eine Perle vollsthümlicher Balladendichtung, erregte schon vermöge der neuen Art, die es repräsentirtc, allgemeines Aufsehen. Eine Ballade aus dem jüdischen Volksleben, und dazu eine Dichtung allerersten Ranges! Das war etwas ganz Neues, Eigenartiges. Ich erblicke Josef Kiß thatsächlich nach dieser Richtung hin als den Begründer einer neuen Spezies in der ungarischen Litteratur, welches seither unter der ansehnlichen, jungen Garde jüdisch-ungarischer Autoren recht talentirte Vertreter gefunden hat. „Trotz alledem jedoch brachte ihn dies um keinen Schritt weiter, weder moralisch, noch materiell. Hochmütbige Ablehnung, Mißgunst, ja unverhohlene Geringschätzung begegneten ihm ans Schritt und Tritt. Dazu kam noch das materielle Elend der Großstadt und bürdete dem Dichter ein geistiges und physisches Martyrium auf, welches ihn mH seinen vergifteten Stacheln tief in die Seele verwundete. Josef Kiß ist kein Vielschreiber. Er greift und griff nur dann zur Feder, wenn ein Gegenstand seine Seele ganz gefangen genommen. Dafür rübmt ihm aber auch die Kritik nach, daß es keinen ungarischen Dichter gebe, der seine Kunst höher in Ehren halten würde, als er. Wenn er den Mund öffnet, kann inan gewiß sein, daß er etwas Bedeutendes