Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 91 (15.11.1900)
- Date
- 1900-11-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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1880 des Blutes anlangt, darin hat er gewiß nicht gelogen. Möge man uns immerhin reaktionäre Handlanger des Klerikalismus nennen, wenn wir das offen aus-, sprechen, aber wir können angesichts einer solchen sozialen Erscheinung nicht blinde Kuh spielen und müssen die Aufmerksamkeit der Behörden auf dieses schreckliche Geheimniß lenken." So weit war Dr. Baxa beiläufig auch in Kuttenberg bereits gegangen; daß er aber die ganze Polnaer Judenschaft oder doch wenigstens den größten Theil derselben als Mitschuldige Hilsner's bezeichnete, das hatte er erst heute gewagt. Dr. Baxa schloß mit einem Dankcswort an den Präsidenten, daß er seine Meinung frei Zum Ausdrucke habe bringen können. Der Präsident hatte Dr. Baxa in seinen maßlosen Ausfällen nur einmal unterbrochen, als dieser vom charakteristischen Halsschnitte sprach. Weniger glücklich war hierin der Vertreter der Familie Klima, Dr. P e w n n. Ihm gegenüber fand der Borsitzende die Energie, um seinem Abschweifen auf andere angebliche Ritualmorde, so auf den Konitzer Fall und auf das Gebiet des Antisemitismus überhaupt zu begegnen. Dr. Pewnv schien aber trotz der mehr als zwei Wochen währenden Verhandlung ebenso wie Dr. Baxa seine Zeit nicht mit dem Studium der Akten, sondern der Ritualmord-Litteratur ausgefüllt zu haben und wußte daher sachlich so wenig vorzubringen, daß sein „Plai doyer" nur einige Minuten währte. Morgen Vormittag wird der Vertheidiger Dr. Aurednicek sprechen, dann folgen die Repliken, und in der Duplik wird der zweite Vertheidiger Dr. Vodicka, das Wort er greifen. P i s e l, 13. November. Auf Grund eines Gerichtsbeschlußes wurde Herr Dr. Baxa wegen seiner Ausführungen eine Rüge ertheilt. Die Rede des Staatsanwaltes über den Ritualmord und die wahrhaft glänzende Bertheidigungrede des Herrn Dr. Aurednicek werden wir in einer der nächsten Nummern bringen. Pisek, 14. Nov. 5 Uhr 10 Min. N. (Priv.-Tel.) Die Geschworenen haben die Fragen wegen Mitschuld am Mord der Klima und Hruza einstimmig bejaht, worauf Hilsner zum Tode verurtheilt wurde. Frankreich. Paris, 9. Nov. Noch zwei Tage, und die Weltausstellung, dieses großartige Fest der Arbeit, wird geschloffen. Es ist daher angebracht, einen Rückblick darauf zu werfen, was sie geleistet und geschaffen hat. Sehr häufig wird ein Punkt außer Acht gelassen, der sehr bedeutend und von der allergrößten Wichtigkeit ist: es wird wenig oder gar nicht gesprochen von der Ausstellung als Erzieherin der Massen und auch des Einzelnen. Diese erzieherische Bedeutung der Ausstellung ist unermeßlich. Der fleißige und gründliche Beobachter kann in der Ausstellung sein Wissen bereichern und sich von allen seinen Borurtheilen befreien. Hat Jemand unaufhörlich sinnlose chauvinistische Phrasen wiederholt, so wird ihm in diesem so erhabenen und friedlichen Völkerwettkampse Gelegenheit geboten, fremde Sitte, fremde Arbeit, freinde Kunst kennen und verstehen zu lernen. Faselt Jeuiand von der „Inferiorität des weiblichen Geistes", so lehrt ihn die Ausstellung, daß die Frau jetzt auf allen Gebieten menschlicher Thätigkeit Hand in Hand mit de-n Manne kämpft und arbeitet. Und wenn Jemand, wie Bückler, Gefallen darin findet, abgedroschene antisemitische Schlagwörter im Munde zu führen, so kann er leicht auch von dieser für seinen Geisteszustand so bedenklichen Krankheit in der Ausstellung geheilt werden. Im Palais d'eeonomie sociale erfahren wir, daß es ganze Gouvernements in Rußland aibt, in denen alle Feldarbeiten von Juden ausgesührt werden. Mann, Frau und selbst unerwachsene Kinder arbeiten voni Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Und wie werden sie für diese so angestrengte Arbeit entschädigt? Oft können sie sich nicht einmal cnn Samstag den Luxus gönnen, ein Stückchen Fleisch zu essen. Die Antisemiten wiederholen immer die geschmackvolle Redewendung „reich wie ein Jud'," diese unzähligen Massen des jüdischen Proletariats werden von ihnen nicht gekannt. Es ist eine schamlose Lüge, wenn von den russischen offiziellen und nichtoffiziellen Antisemiten behauptet wird, daß es die Juden seien, die das Volk dem Altoholgenuß zuführen, um dann im Trüben fischen zu tönnen. In demselben Palais d'eeonomie sociale erfahren wir aus den statistischen Tabellen, daß der Alkoholderbrauch in den „judenreinen" Gegenden viel starker als im Ansiedelungs gebiet ist. Wir erfahren ferner, daß die Zahl der jüdischen Handwerker mit jedem Jahre wächst. Mit der Zahl loächst auch das Elend und die Noth. Und trotz alledem gibt es noch Leute, die die Dummheit besitzen, an der Spitze ihres Blattes die Worte zu wiederholen: „Die soziale Frage ist heute lediglich Judenfrage." Welch' ein Blödsinn und bodenlose Unwissenheit unserer wirthschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse! Es isi ferner eine beliebte Redensart der Antisemiten: „Die Inden haben leinen Sinn für das Schöne, sie verstehen nur Geschäfte zu machen, für Kunst sind sie nicht geschaffen." Auch diese antisemitische „Theorie" wird durch die Ausstellung gründlich ad absurdum geführt. Im Palais des beanr-arts sind viele Meisterwerke jüdischer Maler und Bildhauer ausgestellt, denen hohe und auch die höchsten Auszeichnungen zuerkannt worden sind. Besonders hervorgehoben zn werden verdient der aus Rußland staininende Bildhauer Antokolsti. Die Leistungen dieses Künstlers sind so groß, daß seinen Kunstwerken trotz des beschränkten Raumes ein besonderes Zimmer angewiesen wurden. Er hat es auch redlich verdient. Welch' eine urwüchsige Kraft und unbesiegbarer Trotz liegt in der Büste, die „Jerecak" darstellt, jenen Kosaken, der dem Reiche Iwans des Schrecklichen das große Sibirien gewonnen hatte! Vortrefflich gelungen sind auch die Büsten „Peter der Große" und „Spinoza".