Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 91 (15.11.1900)
- Date
- 1900-11-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1878 Die Wirkung desselben auf die Juden war wiederum eine ganz andere, als die Regierung nach den früheren Erfahrungen erwarten konnte. In der gesammten jüdischen Bevölkerung Rußlands erhob sich ein wahrer Beifallssturm, der Name „Sibirien" schien wie ein Zauberwort auf die armen gedrückten Juden zu wirken, schien ihnen als eine Art von irdischem Paradies vor der Seele zu schweben, als daß die Mühen und Gefahren des weiten Weges davon hätten abzuschrecken vermögen. In einem vom Kaiser am 27. Oktober 1836 bestätigten Erlaß wurde bestimmt, daß jede jüdische Colonistenfamilie aus Kosten der Regierung 16 Desjatinen guten Ackerlandes erhalten solle, sowie das zur Bebauung nöthige Geräth und die erforderlichen Sämereien kostenlos geliefert bekommen sollte. Nunmehr erfolgten zunächst Anmeldungen von etwa 750 jüdischen Familien mit 5000 Köpfen, denen später noch andere folgten. Aber während die Juden ungeduldig auf die Beendigung der nöthigen Vorbereitungen der Regierung für die Abreise warteten, erfolgte plötzlich ein Befehl des Kaisers, der also lautete: „Die Uebersiedelung der Juden nach Sibirien wird eingestellt!" Dieser Umschwung in der Gesinnung des Kaisers ist hauptsächlich auf den Einfluß des Ministers des Innern Bludor und des Gendarmerie-Chefs Benkendorf zurückzuführen, die sich gege" die Gründung jüdischer Colonien in Sibirien und für die Errichtung solcher in Neu- und Westrußland ausgesprochen hatten. In diesem Gutachten wurde ferner vorgeschlagen, die — allerdings nicht übermäßig zahlreichen — jüdischen Colonisten, welche bereits auf der Wanderung nach Sibirien begriffen resp. vielleicht daselbst schon eingetroffen feien, schleunigst an der Fortsetzung ihrer Reise resp. Niederlassung zu hindern, zur Entschädigung dieselben aber nach dem Gouvernement Cherson in Neurußland zu dirigiren, woselbst in der Nachbarschaft der bereits vorhandenen jüdischen Colonien über vierzehntausend Desjatinen vorzüglichsten Ackerlandes disponibel feien. Auch hiermit erklärte sich der Kaiser "vollkommen einverstanden". — Aus dem eben Angeführten ergiebt sich. daß freiwillig ausgewanderte jüdische Familien sich nicht in Sibirien niedergelassen haben, eben weil sie nicht durften. Allein, wie Redner aus dem Munde eines sibirischen Juden erfahren, ist einigen wenigen jüdischen Familien — darunter auch den Voreltern des Zeugen — die vor Erlaß des Sistirungs- Decrets nach Sibirien ausgewandert waren — die Niederlassung daselbst nicht verboten worden. Werfen wir nunmehr einen Blick auf die Erwerbsthätigkeit und die ökonomischen Verhältnisse der sibirischen Juden, so finden wir dieselben dort in den verschiedenartigsten Berufszweigen (mit Ausnahme der Beamtenthätigkeit), nämlich ebensowohl als Ackerbauer, wie als Handwerker und Gewerbetreibende und Kaufleute der verschiedensten Art, wie Commisssonäre, Bankiers, Inhaber von Goldwäschen und Angestellte auf solchen oder in Branntweinbrennereien, Posthalter rc., dann aber vor Allem aber auch Aerzte. Wer in einem von den bevölkerten, centralen Gouvernements Sibiriens zu reisen bat, kommt daher auf Schritt und Tritt mit Juden in Berührung und findet bei ihnen großes Entgegenkommen. Redner konnte auf diese Weise einen Einblick gewinnen in ihre sociale Stellung, ihre geistigen Anlagen und Interessen. Nach den persönlichen, namentlich an jüdischen Aerzten, Kaufleuten und selbstständigen Goldwäschern gemachten Wahrnehmungen zu urtheilen, waren die meisten dieser Leute mit ihrer materiellen Lage und dem Erträgniß ihrer Arbeit durchaus zufrieden, während die Handwerker, kleinen Gewerbetreibenden und die in den verschiedenen Betrieben Angestellten entweder eine sehr mühselige Thätigkeit oder einen unsicheren Erwerb haben. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß in den größeren Städten Sibiriens, eine größere Anzahl wohlhabender, zum Thei! sogar reicher Juden existirt, auf der anderen Seite aber siebt deren Zahl sicherlich in keinem Verhältniß zu der großen Menge, in bescheidenen oder gar ärmlichen Verhältnissen lebender sibirischer Juden. Was ferner die sociale Stellung der Juden in Sibirien anbelangt, so iss — im Gegensatz zu dem unfreundlichen Verhalten der Regierungsbehörden ihnen gegenüber — die Gesinnung der christlichen Bevölkerung gegen sie eine allgemein vorurtbeilslose und gerechte; daher sind die Beziehungen zwischen den beiden Elementen sowohl im täglichen Verkehr, wie bei geselligen Veranstaltungen durchaus gute und friedliche, ja zum Theil sogar rechl freundschaftliche, wie Redner bei feinem Aufenthalt in Städten sowohl, wie auf den Goldwäschereien oft genug bemerken konnte. In dieser Beziehung zeichnet sich die christliche Bevölkerung Sibiriens vor der des europäischen Rußland sehr vortheilhaft aus. Uebrigens ist die in diesem Verhalten hervortretende Freiheit des Denkens und Menschlichkeit des Empfindens der sibirischen Bevölkerung, im Gegensatz zu der europäischrussischen. auch in anderen Beziehungen nachzurühmen. Was nun die spezifisch jüdischen Angelegenheiten der Juden anbetrUft, so giebt es in ganz Sibirien 16 Synagogen. Die sibirischen Juden sprechen neben dem Russischen auch den jüdisch-deutschen Jargon, in welchem auch die von ihnen viel gelesenen, mit hebräischen Lettern gedruckten Zeitungen verfaßt sind. Was das Bildungs- und Schulwesen der sibirischen Juden anbelangt, so bedarf es wohl kaum der Erwähnung, daß die meisten jüdischen .Knaben und Mädchen neben den jüdisch-hebräischen Schulen die allgemeinen Schulen der verschiedenen Categorien je nach Verhältnis besuchen. Leider besitzen wir keine statistischen Veröffentlichungen hierüber, abgesehen von den beiden vereinzelten Angaben. daß im Jahre 1995 von den 413 Studenten der Tomsker Universität 26 Juden waren, das heißt 6,29 pCt., sowie daß sich im Jahre 1896 im Knaben- Gymnastum zu Wjiremi unter 226 Schülern nur 6 und