Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 90 (12.11.1900)
- Date
- 1900-11-12
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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>, .V v-v.» < -WMMWWWWWWWWH? 1872 bcrungcn einer Hinrichtung mit ihren Todesqualen, bis Hilsner zu erzählen begann. An dieser Art Inquisition scheint sich auch der Gefangenhaus-Aufseher Miffek betheiligt zu haben, der die Lösung der Aufgabe versuchte. welche dem ordentlichen Untersuchungsrichter nicht gelungen war. In der Zelle und während des Spazierganges soll er nach den Aussagen von Zeugen Gelegenheit gefunden haben, Hilsner nach seinen Eomplicen zu fragen. Die Mithäftlinge hatten aus dem Sorridor des Gesängnisies einen Bleistift und ein Stück Papier gefunden und sie schrieben die von Hilsner genannten Namen nieder. Der Aufseher entdeckte den Zettel, fand, daß die Namen undeutlich geschrieben seien, und brachte Hilsner's Geständniß selbst zu Papier. Hilsnr fertigte dieses Bekenntniß mit seinem Namen. Er halt? zwei Juden, Wassermann und Erbmann, als diejenigen bezeichnet, welche die Hruza ermordeten. Die Beiden wurden ausgeforscht und verhaftet, nach wenigen Tagen aber wieder in Freiheit gesetzt, nachdem sich das sensationelle Geständniß als blanke Lüge erwiesen hatte. Der Pisekcr Staatsanwalt hat deshalb neben den beiden Anklagen wegen Mordes, auch eine dritte wegen Verleumdung gegen Hilsner erhoben. Um dieses Factum aufzuhellen, war heute eine Reihe von Zeugen vorgeladen. Der Aufseher Miffet und Hilsner's Zellengenossen aus jener Zeit — eine ganz merkwürdige Gesellschaft. Der eine der Sträflinge scheu und gedrückt, weil ibn das Schandmal brennt, das durch die Erinnerung an jene Zeit neu aufflammt, der andere wieder erfüllt von jenem Ennismus, welchen man nur in der Kerkerzelle erwerben kann. Was in diesen Kreisen als Spaß angesehen wird, die Ausdrücke, deren man sich bei den Scherzen mit dem heutigen Angeklagten bediente, das illustrirt so recht deutlich die Triebe und brutalen Gewohnbeiten. die nirgends so sehr wie im Zuchthaus gedeihen können. An Hilsner selbst wiederum kann man die Wirkung der Todesfurcht studiren, die ihn nach jedem noch so dünnen Strohhalm greifen läßt, um dadurch vielleicht sein armseliges Leben zu retten, sei es um den Preis lebenslänglichen Kerkers und um den Preis, daß er zwei schuldlose Leute an den Galgen bringen könne, die ihm nie etwas zu Leide gethan haben. Immer üppiger wird seine Phantasie. Neben Wassermann und Erbmann nennt er einen dritten Namen, Frajler. Daß diese die Hruza ermordet haben, genügt ihm nicht mehr. Er hat gesehen, wie sie das Mädchen geschlachtet und das der todbringenden Schnittwunde am Halse entströmende Blut in einem Becken aufgefangen baben. Wogegen er sich monatelang gewehrt, gegen die Beschuldigung des Ritualmordes, dessen klagt er nun zwei Leute an, und so wird er selbst zum klassischen Zeugen eines Irrwahnes, zum wirksamsten Förderer einer von kundigen Händen durch das Land getragenen bluttrüstigen Agitation. Der Aufseher Misset, der über dieses nachträgliche Geständniß heute mit einer verwirrenden Zungengeläufigkeit berichtete, ist schon zweimal in dieser Sache einvernommen worden, hat aber der heute erzählten Details auch nie mit einem Worte erwähnt. „Warum nicht?" fragt der P r ä s i d e n t. — Zeuge: Ich hielt es nur kür meine Pflicht, daß Wesentlichste von Hilsner's Angaben der Staatsanwaltschaft zur Kenntniß zu bringen. Das Andere glaubte ich mir für die Verhandlung aufsparen zu können. Er fügt hinzu: Eines muH ich noch erwähnen: Hilsner begann in diesem Geständnisse sofort schwankend zu werden, seit er nach seiner Verurteilung mit seiner Mutter gesprochen hatte. — Dr. Aurednicek: Wieso wissen Sie denn, daß er mit seiner Mutter gesprochen hat? — Zeuge: Ihre Fragen verwirren mich, Herr Doktor. Ich lüge nicht, was ich sage, ist wahr. — Im Laufe der Vernehmung Missek's wird nun konstatirt, daß Hilsner nach seiner Verurtheilung nur einmal mit seiner Mutter, und zwar in Gegenwart eines Richters gesprochen hat. Die ehemaligen Zellengenossen Hilsner's crscheinen nun der Reihe nach. Der Eine, Mojzisch, erzählt, wie eines Tages ein gewisser K u m b a r in ibre Zelle gebracht worden sei und sofort begonnen habe, über Hilsner zu schimpfen: als man ihm sagte, daß Hilsner eben in dieser Zelle sei. habe er sich auf ihn geworfen und ihn gewürgt und geschrien: „Verfluchter Jude, nenne deine Mitschuldigen!" Auch sei es wahr, daß man Hilsner geschildert habe, wie er am Galgen baumeln werde. — Kumbar erklärt, ^asei nur eine Balgerei, ein Scherz gewesen. — Hilsner fährt auf, Kumbar herrscht ihn an: „Schweig, Du lügst!" (Der Saaldiener muß zwischen Beide treten.) — Auch der Zeuge Kutil bestätigt, daß sich Kumbar auf Hilsner geworfen habe. — Der Zeuge Prochaska war nicht zu eruiren. Seine protokollirte Aussage wird verlesen. In derselben erklärt Prochaska, Aufseher Miffek habe Hilsner wiederholt nach seinen Mitschuldigen gefragt. — Der Zeuge Nowy erzählt: Hilsner hat immer gejammert: „Ich bin unschuldig und sitze hier, und die Andern gehen spazieren. Mir haben die Juden fünfzig Gulden versprochen und Nichts gegeben." — Nun tritt Wassermann vor. Der Präsident macht seinen Versuchen, eine lange Rede zu halten, sofort ein Ende und läßt durch den Zeugen Dr. Schubert, Spitalarzt in Deutschland, constatiren, daß Wassermann jener Patient gewesen sei, der vom 14. März bis zum 17. April 1899 im Spital in Deutschbrod gelegen und dort operirt worden sei. Im Weggehen wendet sich Wassermann Hilsner zu und will ihm eine Krone zur Aufbesserung der Kost geben. Erbmann's Aufenthalt war nicht zu eruiren. Der Präsident will seine Aussage verlesen lassen, wogegen Dr. Aurednicek protestirt, da Erbmann damals als Bschuldigter vernommen worden sei, während er heute als Zeuge unter Eid gehört werden müßte. Der Gerichtshof beschließt trotzdem die Verlesung. Sodann folgt wieder ein Stück Verhandlung.