Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 90 (12.11.1900)
- Date
- 1900-11-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1860 Feuilleton ßin jüdischer Klassiker Ungarns. iii« litltrarischtt W>> von S. B. R o s n e r. 2] ^Nachdruck verboten j Ww eine Legende hört es sich an, wie aus dem stillen schwächlichen Judenknaben, in dem weltfernen, ungarischen Marktflecken, der große Dichter der Nation wurde. Es ist die Legende des armen Königssohnes, die der Dichter im Prolog zu seinen Gedichten so schön besingt, des Königssohnes, der trotz der ihn umhüllenden Lumpen tief im Herzen sich seines edlen Ursprunges bewußt ist. Bon klingenden Fluthen ein Märchen Hab' ich von der Amme empfangen, Als ich ihr am fabelnden Munde Mit gliihendcr Sehnsucht gehangen. 's war einst, wer weiß, vor Zeiten Im weiten Fabellande — Ein Königssohn zog einsam lind arm nach fernem Strande .... (Die Mutter, die gute Fee seines Lebens) Ein irdischer Engel war es, Der sprach in's Ohr ihm leise: sie, von der er — ach! — nicht ahnte, daß sie nimmer die Arme mehr um ihn breiten werde, war es, die ihm die weisen Lehren auf seine Weltfahrt mitgab. Er möge weder auf Feinde, noch auf — Freunde bauen. Durch eine Wüste werde sein Weg ihn führen, in welcher ungeahnte Schrecken seiner harren. .... Nur vorwärts zugeschritten! Ob Nebel, Nacht und Grauen, Und ob in öder Wildniß Kein Fußtritt ist zu schauen! Offener Hohn und Spott, meuchlerisch schändendes Schlangengezischel, wahnsinnig wildes, gehässiges Drohen wird ihn begleiten. Dann folgen die süßen Harfenklänge schmeichelnder Bethörung: Als ob der Mutter Stimme Dich mahnungsvoll umwehte. Als ob der Traum der Jugend Von Neuem zu Dir flehte: Ach, laß' Dich nicht bethören! Wend' nicht zurück die Blicke! Ein Zauber ist das Ganze — Der Harfenklang nur Tücke! So wird sich die Wanderung durch lange, lange Jahre hinziehen, die Jugend wird ihm darüber entflattern, Silberfäden gleiten in seine schwarzen Locken — die Nächte werden lang, die Tage trüb und kurz werden. Die Sonne ist erloschen, nur seine eigene Seele leuchtet noch und erhellt die Nacht um ihn herum. Dann kommt die schwerste Prüfung . . . bedächtige, weise Reden werden laut und schelten ihn einen Thoren, weil er einem Traum, einer Chimäre, die er nie erreichen wird, nachjagt und alle Darbietungen des realen Lebens opfert: O Thor, der Du hinieden! Wonach Du jagst und hastest Ist Traum nur und Chimäre — — Zum klingenden Gewässer Führt keine irdische Fähre. Die Quelle, die uns öffnen Tie Augen soll, die trüben, Sie quillt nicht hier auf Erden, — Sie quillt im Jenseits drüben! — — Gleichviel — auch die verständigen Worte der Klugen, die ihm rathen, seine undankbare Wanderung aufzugeben und frisch nach den irdischen Blumen zu greifen, die neben seinem Pfade blühen, können ihn von seiner Richtung nicht abbringcn. Er entsagt Allem, selbst wenn er sein Ziel, seinen Lohn erst im Jenseits erreichen sollte. Mit bleichem Haar und bleicher Stirn, ringsum Nebel und Nacht — glänzt seine Seele gleich einer Sonne! .... Das ist das Bild der äterischen Poesie Josef Kiß's, das Bild des großen klassischen Dichters, dessen Spezies in unseren Tagen so selten getoorden ist. Es ist aber auch zugleich das Bild des jüdischen Volkes, dieses armen, verlästerten, von Hunden und Schlangen, von drohenden Megären und lockenden Sprenen umgebenen Königssohnes, auf seiner ach so langen, so bangen Wüstenwanderung! Mit offenen Augen träumend, wandert dieses Bolk, das für so egoistisch und engherzig verschrieen wird, durch die Jahrtausende, den Blick mit somnambuler Starrheit auf einen einzigen Punkt gerichtet. Während die Völker ringsherum um faßbare Güter ringen, weiht dieses Volk alle seine Kräfte einer Idee, die jenseits der Schranken des toahrnehmbaren Seins liegt. Dieser Idee zu Liebe erzieht es seine Kinder zu Bettlern — erträgt es den Hohn und Spott einer Umgebung, die bloß eoncretes Bestreben fassen und würdigen kann und träumt — und träumt fort-ach so unendlich lange — daß die Brust sich dennoch manchmal beklommen zusamenzieht .... und der Blick voll zagen Wehes zum Himmel emporforscht, ob denn die Stunde einer zweiten Offenbarung noch immer nicht geschlagen, ob sich noch immer nicht der Himmel unter Flammen und Donner theilen werde, um ein schreckliches Strafgericht über diese Welt voll Lüge und Verderbtheit zu halten .... und sein treues Harren vor aller Welt zu rechtfertigen! Wissen Sie, Herr Lueger, zu welchem Berufe der vermögliche Jude sein Kind erzog, er ließ es das „Gesetz" studiren, wobei es in Ehren verhungern konnte