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Der Israelit · 1900-11-12 · Heft 90 (12.11.1900) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 90 (12.11.1900)
Date
1900-11-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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" -' '»E *jy» 1861 und im besten Falle sein ganzes Leben lang arm und dürftig bleiben mußte. O, Ihr arischen Helden der lügnerischen Geste, hinter welcher sich aller Schmutz und alle eigennützige Niedertracht verbergen! Die paar reiche Börsenjobber, Streber und Gewinnjäger, das sind keine echte Juden, das sind keine echte Semiten, sondern gelehrige Nachahmer Eures edlen Arierthums?- Nun, es ist so gekommen, wie es die gute Mutter vorbergekagt hatte. Es war kein froher Siegeslauf, sondern ein langsamer Weg voll Müh und Noth, auf wclchcm dem Sänger mehr als einmal die Lyra aus oer erschlaffenden Hand zu sinken drohte. Seine Gedichte zeigen deutlich die Spuren der überstandenen nbvsischen und seelischen Kämpfe und dämmernde Schwermnth bildet den Grundton seiner Lyrik. Dort, wo er lächelt, ist es wie ein Sonnenstrahl, der sich auf dem Grunde einer Tbräne spiegelt. Nur in einigen wenigen Stücken schlägt er den Ton fast jovialer Heiterkeit an und es ist ein vollgiltiger Beweis für seine dichterische Meisterschaft, daß er, in diesem, seinem eigentlichen Wesen scheinbar so fremden Genre nicht minder groß erscheint, als irgend sonst. Joses Kiß wurde im Jahre 1843 in Mezö Es th als das Kind wenig bemittelter Eltern geboren. Sein Vater war ein schlichter Kaufmann, aber die Mutter war eine Frau von reichem, poetisch gestimmten Gemüth. Wie bei den meisten Dichtern, scheint auch bei unserem Dichter „der Hang zum Fabuliren" von der Mutter auf ihn überkommen zu sein. Er gedenket dieser Mutter oft im Tone schwärmerischer Verehrung und hat ihr in dem tief ergreifenden Gedichte „Ein Grab" ein herrliches Denkmal gesetzt. Nach dem Freiheitskampfe übersi-'delten die Eltern nach Serke im Gömörer Koinitat, welches erst jetzt für die Juden zugänglich wurde. Dieser Domizilwechsel sollte von größter Bedeutung für die weitere Entwickelung des Kindes sein. Der reformirte Geistliche des Ortes, Alm st Balop Samuel, ein edler, vorurtheilsfreier Greis, gewann den wissensdurstigen Knaben lieb, ertheilte ihm Unterricht und stellte ibm seine Bibliothek zur Verfügung, von welcher der kleine Kiß auch den ausgiebigsten Gebrauch machte. Hier las er, noch nicht zehn Jahre alt, eifrig die heimischen Dichter Petöfi und Tompa, welch' Letzteren er auch persönlich kennen lernte, von den ausländischen zumeist Göthe und Schiller. In dem prächtigen Gedichte: „Das Andenken eines reformirten Geistlichen" hat er den Manen seines edlen Wohlthäters einen klassisch schönen Nachruf geweiht. Auf der dunklen Folie wehmüthiger Erinnerung zittert der goldene Reflex eines disconten Humors. Das idyllische Pfarrhaus mit den hundertjährigen Lindenbäumen am Hofe tauchen aus vor dem Auge des Dichters, und alles was drum und dran ist. Die hochwürdige Frau Pfarrerin. die ihm nach absolvirter Stunde ein Strizlein Weißbrod ans den Weg mitgiebt, Vid m, der treue Wächterhund des Pfarrers, der ihn schon kennt und seine Hand leckend passiren läßt, die vielen tragikomischen Fährnisse, denen der Judenknabe in der Dorfgaffe ausgesetzt war, wo es für ihn gar viel spitze Spottreden und — Sternchen absetzte, und die in ihm heilige Schauer erweckende Bücherei des geistlichen Herrn. Das benedeite Haus begeistert ihn zu folgenden Dichtersagen: O stiller Port! O friedlich Haus! Im Lindenschutz, so recht für dich! So lange Stein am Steine ragt, Laß' dich die Schwalbe nicht im Stich! Auch ich war deine Schwalbe einst. Hier wuchs der Seelen Schwingenpaar, Und nach dem Osten ewigen Ruhms Trug er mich hin, der stolze Aar! Und endlich das verklärte Bild der guten Mutter, welches inimer wieder wie von selbst emportaucht, wenn die Phantasie des Dichters bei den Stätten der Kindheit weilt. O gute Mutter, wie entzückt Nahmst Du den Liebling in Empfang! Da schwenkend das entliehene Buch Ich froh Dir in die Arme sprang. Ich brannte, zu erzählen all' Die Abenteuer meiner Bahn, Doch schwieg ich still von Schmach und Schimpf — Tenn ach, das hält' Dir wehgethan! Josef Kiß wurde von seinen Eltern, srommgläubigen Juden, für die Rabbinerlaufbahn bestimmt und kam an die Miskreczer Jeschiba, wo er bis zu seinem 13. Lebensjahr, bis zur „Bar Mizwah", verblieb. Hier legte er den Grund zu seiner eingehenden Kenntniß des Hebräischen und der Talmudlitteratur mit ihrem reichen Schatz von Parabeln und Gleichniffen, welcher befruchtend auf seine Phantasie wirkte und dessen Einfluß sich in mehr als einer hellen Spur in seinen Gedichten Nachweisen läßt. Ich erwähne bloß das „Persisch" betitelte Gedicht aus der Abtheilung „Orientalin". Ein Bettler rühmt sich, er sei gegen die Hunde durch ein Sprüchlein (einen „Poßuk"! gefeit, welches deren Grimm durch geheime Zaubermacht beschwört. Doch da kommt straks ein Bullenbeißer herangesprungen und zerfetzt ihm weidlich seinen Bettlermantel. Nach der Kraft des Sprüchleins befragt, sagt der Bettler, diese stehe außer jedem Zweifel, er habe nur nicht Zeit genug gehabt, den „Poßek" zu sagen. So ergeht es auch dem Dichter mit dem Bullen des Schicksals. Er kennt ein Lied „das stiller Wehmuth gilt, der trüben Nacht, dem Tage sonnverhüllt!" Ich kenn' ein Lied für's brechende schwere Herz Ob noch so tief, es heilt den tiefsten Schmerz! Doch ach, was nutzt ihm das Alles, wenn ihm der bissige Hund des Schicksals keinen Augenblick Ruhe gönnt, um sein zaubermächtiges Beschwörungslied singen zu können! Wer erkennt hier nickst das „Moschel" des Dublier Magid in poetischer Jdealisirung?

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