Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 89 (8.11.1900)
- Date
- 1900-11-08
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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> S53 gesagt haben, daß er in ihrem Hause merkwürdige Dinge gesehen habe. Frau Levv hätte ihm aber Kleider versprochen und Wurst gegeben. Der Prästdent hält dem Masloff und seiner Frau vor, daß sie mit allen diesen Bekundungen jetzt erst herauskommen. Unlösbar bleibt der Widerspruch, wann Masloff seine Wahrnehmungen zu Hause resp. der Frau Roß erzählt hat. Er behauptet am 12. März, Frau Roß am! 26. April. Frau Masloff am 14. oder 16. März. Landrichter Zimmermann hat am 8. Juni auch j noch die Frau Masloff vernommen. Das Protokoll j über diese Vernehmung wird verlesen. Auch hierbei er-! geben sich wieder unlösbare Widersprüche zwischen den! einzelnen Aussagen Frau Masloff war sehr unsicher in ihren Aussagen, was ihr Mann mit der Bemerkung zu erklären suchte: Auch meine Frau ist manchmal nicht richtig in ihrem Kopf. Alsdann wird das Protokoll über die Vernehmung der Frau Berg vom 11. Juni verlesen. Frau Berg hat auf den Zeugen den sichersten Eindruck gemacht. Ein Vertheidiger fragt den Zeugen, ob er die Frau Roß eingeschüchrert habe, ob er sie vielleicht mit lauter Stimme angefahren habe u. s. w. Zeuge erwiedert, daß Frau Roß sich nicht einschüchtern ließ, oaß sie ihn im Gegentheil kaum zu Worte kommen ließ. Keinesfalls bat er so laut gesprochen, wie der Herr Rechtsanwalt Vogel es thätc. Zeuge B r u b n meldet sich und erklärt, daß er dem Landrichter Zimmermann vorgehalten habe, man! müsse zarter mit den Zeugen umgehen, worauf dieser! geantwortet habe, er sei Westpreuße und kenne die Art j besser, in welcher die Leute dieser Gegend zu behandeln j seien. | Der Staatsanwalt fragt, ob Kommissar Wehn > auch andere Spuren verfolgt habe, die sich gegen Juden! richten, insbesondere auch die durch die Aussage von! Prinz gegebene Spur. j Kommissar Wehn antwortet, daß eingehende Ermittelungen nur ergeben hätten, daß der Schächter Hamburger am Tage nach dem Morde in Könitz war. Dieser hat sich aber in harmlosester Weise in Könitz bewegt. Mit größter Sorgfalt hat man alles geprüft, aber nichts Belastendes gefunden. Auch in der ganzen Umgegend sind die genauesten Ermittelungen angestellt worden und ist jede Spur auf das Sorgfältigste geprüft worden. Eine Zeit lang richtete sich der Hauptverdacht gegen den Schächter Fuchs. Auch hier wurden alle Spuren verfolgt, aber nicht etwa in der Annahme, daß es sich um einen ..Ritualmord" handle, sondern um die Spur nach jeder Richtung hin zu verfolgen. Die Grundlosigkeit des Verdachtes nach dieser Richtung hin hat sich indessen bald ergeben. Es sind ferner alle jüdischen Einwohner beobachtet worden. Ueberall hat sich aber die Grundlosigkeit jedes Verdachtes herausgestellt. Der Oberstaatsanwalt verwahrt sich dagegen, daß man in der Prozeßverhandlung das Urtheil der Polizeibeamten erfragen will, weil dies nicht zum Gegenstand einer Zeugenaussage gemacht werden kann. Jedenfalls darf Herr Kommissar Wehn nicht mehr über das vernommen werden, was er oder die Untersuchungsbehörden in dieser Sache noch weiter zu thun gedenken. Das Gericht beschließt die Ladung Hoffmann, sowie die Ladung einer Reihe weiterer Zeugen. Der zweite Prozeß Hilsner. P i s e k, 5. November. Das Versteckenspiel mit dem „Ritualmord" hat heute sein Ende gesunden. Nunmehr muß mit offenem Visir gekämpft werden, und es ist ein Verdienst des Verteidigers Dr. Aurednicek, daß er das Doppelspiel der Vertreter der Privatbetheiligten mit einem kühnen Griff aufgedeckt und den innersten Kern dieses Prozesses jener durchsichtigen Hülle entkleidet hat, die viel mehr verrathen sollte, als tatsächlich dahinter stak. Unter dem Schutze dieser spanischen Wand sind schon in Kuttenberg jene scheinbar harmlosen Bemerkungen und Fragen gefallen, welche der Affaire Hilsner durch das geheimnisvolle Spiel jene Bedeutung verliehen, zu welcher sie sich thasächlich entwickelt hat. Wozu Dr. Baxa im ersten Prozeß das Beispiel gegeben, das hat Dr. Pewny hier bis in's kleinste Detail nachzuahmen versucht. Die Mordthaten selbst waren ganz Nebensache geworden, die Suche nach dem Motiv schien dir eigentliche Aufgabe der Vertreter der Familien Hruza und Klima zu bilden, genau so, wie Hilsner den unbekannten Mitschuldigen den Vortritt in den breitgesvonnenen, romanhaften Darlegungen der Zeugen einräumen mußte. Damit bat es, wie gesagt, nun sein Ende. Das Wort „Ritualmord" ist gefallen, und die halben Andeutungen werden künftig nicht mehr so leicht ihre zündende Wirkung üben können. Die Verfechter der Theorie dieses Aberwitzes werden mit greifbareren Einzelheiten kommen miissen, wenn sie ihren Zweck erreichen wollen. Der Zeitpunkt für diesen Vorstoß war geschickt gewählt. Rach der sonntäglichen Ruhepause in dem heute von hellem Sonnenlicht durchfluteten Saal blieben die flammenden Worte des Vertheidigers nicht ohne Eindruck. „Sie sind nicht aufrichtig!" konnte er den Vertretern der Privatbetheiligten zurufen. „Wer etwas behauptet, muß auch den Muth seiner Ueberzeugung haben, den Muth, offen dafür einzutreten, was er denkt und was er will. Was sollen die dunklen Fragen nach