Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 89 (8.11.1900)
- Date
- 1900-11-08
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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1854 Schächten und Schächtmesiern, nach Schächterschnitt, nach der Menge des Blutes und so weiter? Heraus mit der Sprache! Visir herunter!" Es war zu erwarten, daß Dr. Pewny genau nach dem Vorbilde des Meisters Lara mit deni Vorwurfe antworten werde, die Vertheidigung sei es, welche den ruhigen Gang der Verhandlungen störe, und sie sei es, welche zuerst das Wort „Riiualmord" im Gerichtssaale ausgesprochen habe. Im unmittelbaren Anschluß an diesen Zusammenstoß stellte der zweite Vertheidiger, Dr. Vodicka, den Antrag ans Verlesung jener Protokolle, welche das Märchen von der Phiole mit Kugeln aus Menschenblut zu zerstören geeignet sind, tvelchem Anträge der Staatsarnroü mit der Bemerkung beistimmte, daß er dieses Begehren, wenn es nicht von anderer Seite geäußert worden nnire, selbst vorgebracht hätte. Das Auditorium folgte dieser Ouvertüre nur gespannter Aufmerksamkeit. Im Zuhörecraume wimnielte es heute von Uniformen. Heute war der Tag des Hauptrapports für die Reserveoffiziere des Piseter Ergänzungsbezirks, und viele von ihnen wollten die Gelegenfteir nicht verabsäumen, das Prozeßbild in Arrgenfchein zu nehmen. pkvch die von Dr. Aurednieet gestellten Anträge auf Erhumirung des als Skelet der vermißten Marie .Klima be zeichneten Skelets, aut Einholung von Farul täts-Gurachten über die Sehschärfe des Kronzeugen Peschak und über den Geisteszristand des Angeklagten, sowie auf Einvernehmung christlicher Sachverständiger über das Schächten gaben dem Tage seine Bedeutung und »niesen darauf hin, daß der Prozeß seinem Eulnunationspunkt entgegensteuert. Die Ablehnung dieser Anträge läßt bereits einen Schluß auf die Dauer der Verhandlung zu. Das Beweisverfahren soll noch diese Woche geschlossen werden, so daß die Fällung und Verkündigung des Urtheils zu Beginn der nächsten Woche erfolgen könnte. Es sind bereits mehr als achtzig Zeugen einvernommen worden, und noch immer figuriren mehr als fünfzig Zeugen auf der Liste der zu hörenden Personen. Das Kirchweihfest in Zhor am 17. Juli 1898 bildet heute den Mittelpunkt der Erörterung und der Beantwortung der Frage: „Hat Marie Klima dieses Fest besucht und war sie an diesem Tage in der Gesellschaft Hilsner's?" Es sind zumeist weibliche Zeugen, Dienstboten, Freundinnen und Bekannte der Vermißten, die zum Theil selbst dieses Fest besucht haben. Jedes der Mädchen will den Angeklagten zu einer anderen Zeit, an einem anderen Orte, in anderer Gesellschaft, in anderer Kleidung gesehen haben, und jede der Zeuginnen setzt sich in Widerspruch mir ihren früheren Aussagen, wobei es intereisant ist, zu beobachten, wie das Gedächtniß der Zeuginnen von einer Einvernahme zur anderen sich bald abschwächt, bald aber sich bessert, in beiden Fällen mit dem Resultate, das Beisammensein Hilsner's mit der Marie Klima am 17. Juli 1898 sei als gewiß anzusehen. Besonders erlatant krar dies bei der Zeugin Marie Ehmela zu Tage, die gegenwärtig in Wien dient und vor wenigen Monaten daselbst devoniru hat, sie sei nie in Zbor, insbesondere nicht bei eine;]] Kirchweihfeste gewesen, während sie beute erklär:, sich nicht erinnern zu können, ob sie iemals in Zhor gelvesen sei. Die Zeugin lveigerte sich auch durch Minuten, einen Eid abzulegen. „Ich »weiß nichts, und ich schwöre nicht," ruft sie unaufhörlich. und der Präsident muß ibr wiederholt ihre Verpflichtung zum Schwur und 'ur Zeugenaussage vor Augen halten, ehe sie sich entschließl, die Eidesformel nachzusprechen, und als dann Tr. Aurednieet durch eine Frage die Zeugin auf den "'tlderioruch in ihren Aussagen aufmerksam machen u 91, antwortet fie: „Mit Ihnen, Herr Anrednirek, habe tili nichts zu reden." Der Angeklagte, der die Mädchen fast ausnahmslos kentlt, scheint rwn dem Wiedersehen trotz der sonderbaren Amstände, unter denen es erfolg!, nicht unangenchrn rentlm zu sein. Der Kronzeuge im Falle Klima ist der Tischler Becera. Er will Hilsner a?n 17. Juli 1898. dem Tage des Verschwindens der Ktin-na, zur Mittagsstunde in Polna gesehen haben. Hilsner haue den Arm nrn den Leib des Mädchens geschlungen, erklärt der Zeuge, ein Mann mit glattrasirkem Gesichie, der sehr langsam und inik lauter Stimme Alles im Brusttöne der Ueberzeugung spricht. Wie die Beiden an mir norüberkommen. sage ich: „Seht mir doch den Juden an, tote er mit so einem Mädel schön thuk", woraus Hilsner erlviederte, „warttm soll ich nicht mit ihr nach Zhor gehen", und hinter ihnen ging ein hinkender, schielender, häßlicher, schmtttziger, schmieriger Jude, (Gelächter im Auditorium; der Präsident mahnt zur Ruhe) in einem langen Rocke mit Schößen, der in der Linken ein Paket trug und nach seinem ganzen Gehaben theilzuhaben schien an dem von Hilsner geführten Mädchen. Mit einigen unwesentlichen Verlesungen schloß der heutige Verhandlungstag um 4 Uhr Nachmittags. Verantwortliche Redaction: Oscar Leümann in Mainz. — Expedition des »Israelit", Scbottsiraße Nr. 2, Mainz. Drink und Verlafl der Jod. Wirtd'schm Hofbucüdrucheiei Actien-Gcsellschaft in Mairz.