Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 89 (8.11.1900)
- Date
- 1900-11-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1833 sagt bcnn, baß menschliche Seelen nur in menschlichen Leibern wohnen können?- Ich spüre bie Schauer jener heiligen Weihe, bie den Webstuhl bichterischen Schaffens umschwebten und welche nicht von dieser Welt ßnd! Ich ahne jene holde, lächelnde Geringschätzung aller stofflich Vergänglichen, der nur das ewig Schöne und Wahre begehrenswerth erscheint; ahne jene kindlich souveräne Genügsamkeit, die kein höheres Ziel kennt, als in der reinen Sphäre des Geistes zu schweben in glückseliger Anschauung glänzender Visionen. Die Kunst empfängt ihre Impulse von der Wissenschaft. Zeitlich geht die Kunst zwar vor der Wissenschaft her, seitdem jedoch beide neben einander bestehen, ist es jene, welche den Einfluß der Wissenschaft aus sich lvirkcn läßt. Und das ist auch ganz in Ordnung, denn die Kunst schließt die Elemente der Wissenschaft in sich ein, während die Wisjenschaft die Elemente der Kunst ausschließt. Wo das Verhältniß in verkehrter Richtung sich äußert, wo die Kunst sich einen Eingriff in die Kreise der eracten Wissenschaft gestattet, dort hört die Wissenschaft auf eine solche zu sein! - Indem nun die gesammte moderne Wissenschaft kein anderes Ziel kennt als den Cultus des Endlichen und folgerichtig eine transzedentale Perspektive des menschlichen Geschlechtes rundweg negirten, fragt es sich mit Recht, wo da die Priester einer auf's Ewige gerichteten, von allen materiellen Schlacken befreiten Poesie sich hernehmen sollen? Thatsächlick hat auch die heutige Poesie längst den idealen, aber wenig dankbaren Pfad der „Brodlosigkcit" verlassen, sie ist lange nicht mehr die „brodloseste" der Künste. Die Musen werden heute nicht als hehre, aber mausearmen Vestalinnen gedacht, deren ätherkalte Göttergunst allein schon herrlichste Belohnung ist. Die Musen sind mit der Zeit elegante Weltdamen, mitunter auch Halbweltdamen geworden, die für ihre Getreuen ein reiches Füllhorn der erdenklichsten Genüsse und wohlgefüllte Geldsäcke bereit halten, deren Inhalt nicht immer in ehrbarer Weise beschafft wurde. Es ist noch gar nicht lange her seit ein bekannter Schriftsteller den Ausspruch gethan, ein Dichter, der heutzutage etwas gelten wolle, müsse in's Theater gehen. Wahrscheinlich der dort reichlich fließenden Goldquelle wegen, ohne welcher nun einmal bei der heutigen Generation die 'lassischesten Strophen nicht viel tauchen. Und das hat nicht etwa ein gemüthloser, eigennütziger Semite gesagt, sondern ein selbstlos-idealer Arier. Also giebt es heute noch wahre, echte Dichter, die erhaben iiber den wüsten Alltagslärm kein anderes Streben kennen, als das, was ihren genialen Geist bewegt, in unnachahmliche Formen zu gießen? Jawohl — es giebt auch heute noch welche, wenn sie auch nicht zu dicht angebaut sind, und als ob es das Schicksal direkt auf die Moquierung jener Schandgeschöpfe abgesehen hätte, welche die moderne arische Socictät zu ihrer Schmach an ihrer Spitze duldet, pflegen sich solche selbstlose Priester ihrer Kunst gerade unter uns Juden zu finden, die wir so schrecklich praktisch und weiter nichts als praktisch sein sollen! Ein solcher echte, klassische Dichter von Gottes Gnaden ist auch der ungarische Lyriker und Epiker Josef Kiß, dessen Bild ich den Lesern des „Israelit" vorführen will und der eben erst wieder aus dem Anlässe, daß seine gesarnmten Gedichte in einem mit luxuriöser Pracht ansgestatteten illustrirten Foliobande erschienen sind, von der gesammten ungarischen Presse in einer Weise gefeiert wurde, wie man nur die vornehmsten der Vornehmen zu feiern pflegt. Es giebt genügsame Leute, die die Thatsache für sich, daß in den jetzigen triftigen Zeiten ein jüdischer Dichter zu hohen, ja zu den höchsten dichterischen Ehren gelaugt, für wichtig genug halten würden, um registrirt zu werden, selbst wenn, wie es ja leider in den meisten Fällen zu sein pflegt, den Dichter nichts sonst als das äußerliche und werthlose Band des gemeinsamen Namens mit dem Iudenthum verknüpfte. Nach meinem Gescbmactc ist dies nicht. Ich fühlte und fühle mich vielmehr stets und unter allen Umständen von den Erfolgen jüdischer Renegaten eher bedrückt als gehoben. Hier jedock handelt es sich um einen wahren unschätzbaren Triumvb des Judenthums, denn Josef Kiß ist voll unb ganz der Unsere! Als Sänger seines Volkes betrat er seine dornenvolle aber glänzende Laufbahn. „Jüdische Lieder", in welchen das tausendjährige Weh des gepeinigten AhaS ver in Melodien voll göttlicher Harmonie sich offenbarte, waren es, die seinen Namen zuerst in weitere Kreise trugen und aus dem jüdischen Volksleben schöpfte er die dichterische Induktion zu der Ballade „Simon Judith", welche ihn mit einem Schlage zum berühmtesten modernen ungarischen Balladendichter, zürn Nachfolger des unerreichten Epikers Arany inachte. Schon auf der Höhe seines Ruhmes stehend, dicktete er die „inucpuupoü" «Festtages, einen Kranz von Psaltern, voll heiliger Gluth und gläubiger Einfalt, wie sie mir in der modernen Litteratur sonst nicht bekannt sind! Anknüpsend an unsere Festtage und an unsere religiösen Meisterdichtungen, an die er in einigen Stücken sogar rk.wtmisch auklingt, hat Kiß hier Dich i'.ingen von ganz eigenartigem, einzigem Reiz geschaffen. Die majestätische Schlichtheit hebräischer Antike feiert hier in ungeahnter Vollendung ihre Auferstehung. Wohin immer man in tiefem Schatzkästlein greifen mag, überall kommen einem echte, herrlich große Krondia mantcn in die Hand. Man weiß wirklich nicht, welche inan hervornehmen soll. Ob die innigen, von hinschmelzende: Sehnsucht dnrchzitterten Liebeslautc an den Sabbat ... die schallenden Frciheitshymncn des Peßachfestes ... die in schweren, düsteren Rhytmen dahinrauschenden, von den Blitzen heiliger Schauer durchzuckten Gesänge zum Rosch-Haschonoh und Jom- ■aüiHI