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Der Israelit · 1900-11-08 · Heft 89 (8.11.1900) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 89 (8.11.1900)
Date
1900-11-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Feuilleton ßin jüdischer Kl'asstkcr Angarns. fein liilttmichn feiiaq uoit S. B R o s n e r. l Nachdruck verboten ] Ein gewagtes Wort habe ich an die Spitze dieses literarischen Versuchs gestellt. Classiker — jüdischer Elassiter! Gibt cs heute noch solche, und vollends jüdische? — Man frage doch die Männer, die dem untergel)enden Jahrhundert die Signatur verleihen — die Lueger, Ahlwart und Drumont. — ■— Was eigentlich ist Elafsicität, welche dichterischen Werke sind klassisch zu nennen? „Hervorbringungen menschlichen Geistes, die nach Form und Inhalt eine möglichst hohe Stufe der Vollendung aufweisen etc." So oder ähnlich nachzulesen in allen Litterahistorikern von Rudolf Gottschall bis Johannes Scherr, oder in jedem beliebigen Conversationslexicon. Nun, diese Schulschablone angesetzt, wobei der Begriff „Vollkommenheit" stets von dem Verdikte der jeweiligen Kritik bestimmt wird, dürfte es ohne Zweifel auch heute eine erkleckliche Anzahl von Schriftstellern geben, die das Epitheton der Klassicität für sich in Anspruch nehmen und von einer eongenialen zeitgenössischen Kritik auch zugesprochen erhalten. Wie, ist etwa Ibsen, der große Ibsen, nicht klassisch? Dieser Apostel der großen, wahnwitzigen Lüge, daß die ganze Welt ein Irrenhaus sei.... der es verstanden hat, seine halb aus groteskem Wahnsinn, halb aus raffinirter Spekulation zusammengeschweißten, weder schönen noch wahren, sondern blos bizarren Theaterstücke der Welt als monströse Meisterwerke aufzubinden? Oder viele, viele andere seinesgleichen? — Jawohl, denn auf die Gefahr hin, moralisch gesteinigt zu werden, wage ich die Behauptung, daß der „nordische Shakespeare" durchaus nicht so unerreicht dasteht, wie die Herolde einer unbegreiflichen modernen Geschmacksverirrung behaupten möchten, sondern daß es solcher Shakespeares in der heutigen Litteratur eine ganze Menge gibt. Der ganze Unterschied der Abstufung besteht bloß in der geringeren Dosis von Wahnsinn — jedoch beileibe nicht jenes höheren Lombrofo'schen Genialitätswahnsinns — sondern ganz gewöhnlicher, absurder Verrücktheit, die erst in unserer Zeit litteraturfähig geworden ist! Ich verstehe menschlich die großen Erfolge der französischen Halbweltlitteratur und der französischen Naturalisten, denn die Franzosen sind Künstler von der Zehe bis zum Scheitel, und ich finde es erklärlich, daß Kunstwerke, die doch zunächst mit den Sinnen aufgefaßt werden, trotz ihres obskönen oder stofflichen Inhaltes die Menge fesseln, amüsiren und, was schließlich dasselbe ist, zur Bewunderung hinreißen konnten. Die Franzosen sind prächtige Stylisten, sie besitzen sprühenden Esprit, farbig schillernde Phantasie, sind große Seelenanatomen — kurz, sie sind Künstler. Sie sind bloß keine Moralisten und die Menge besteht auch nicht aus solchen. Ihre Werke repräsentiren nicht die ewige Schönheit, aber es ist dennoch eine Art der Schönheit. Es ist die sündige, verwelkende Schönheit des Stoffes. Man kann von einer blühenden Mailandschaft sich auch dann entzückt fühlen, wenn man dabei nicht an Gott denkt, wenn die Empfindungen des Entzückens auch nicht von den Schwingungen heiliger Andachtsschauer zu dem Schöpfer dieser Herrlichkeit begleitet werden. Wie es aber dazu kommen konnte, daß eine fast klägliche Armuth künstlerischer Gestaltungskraft, eine jämmerliche Schmuck- und Schwunglosigkeit des Ausdrucks für grandiose Schlichtheit und confuse Unklarheit des Wollens für tiefsinnige Orakelhaftigkeit maniseftirt wurden — das bleibt für mich eines der schwerzulösenden Räthsel der Völkerpsyche unserer Zeit! Eniin — es fällt mir nicht ein, gegen die bewährten Maximen der verehrlichen Litterarhistoriker und Eonversationslerici zu frondiren — aber ich habe doch auch so mein eigenes, ich möchte sagen Privat-Merkmal, woran ich die Klassizität eines Dichters zu erkennen glaube. Ich gebe zu — es ist ein wenig veraltet und stammt ans einer patriarchalisch naiven Zeit, wo die Dichter noch ihren Beruf darin erblickten, nicht praktische, zeitgemäße, dem Geschmack des Pöbels huldigende, sondern schöne, erhabene Werke zu schaffen; aus einer Zeit, wo die Poesie noch im Koturne reiner Begeisterung sich bewegte und nicht auf klappernden, elektrisch betriebenen Schwungrädern dahinraste, wo der Blick der Poeten noch in heiliger Verzückung nach dem Helikon ausspähte, und nicht nach irgend einem schmutzigen, aber goldreichen Elondyke. Ich kann dieses Merkmal nicht ganz genau mit Worten umschreiben und auch dieses spricht für seine llnmodernheit. Heute gilt nur das, was sich mit dürren Worten bezeichnen läßt. Eine bestimmt ausgesprochene Banalität — es sind ja auch nicht die höchsten Dinge, die sich aussprechen laßen — gilt heute mehr, als ein angedeutetes Weltgeheimniß. Wo das Wort versagt, dort hat der moderne Mensch überhaupt nichts mehr zu sagen. Es ist ein Etwas, was meine Gedanken in geheimnißvoller Weise von dem Werke zu seinem Schöpfer leitet, und mir ihn von der Glorie selbstloser Begeisterung bestrahlt bei der hohen Arbeit zeigt . . . Ich fühle das innerste Wesen des Schöpfers, seinen unsterblichen Theil in seinem Werke noch vibriren, auch dann noch, wenn er selbst schon längst im Grabe ruht . . . Wer

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