Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 89 (8.11.1900)
- Date
- 1900-11-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449049-2449131--51903-2502516- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 2× ep/1002670
OCR text
1898 theiligen Einfluß geübt hat. Wenn Lieblosigkeit und Sittenlosigkeit die Cardinalverbrechen der Leute von Sodom waren, so wird uns von Lot ausdrücklich das Gegentheil bezeugt. Gegen den Verdacht liebloser Härte braucht derjenige nicht vertheidigt zu werden, der selbst unbekannte Wanderer mit solch ausgesuchter Gastlichkeit in sein Haus zieht, wie wir es bei Lot sehen. Daß in das Haus Lot's kein Hauch der sodomitischen Entartung gedrungen war, wird bei Erwähnung der Töchter des Hauses besonders bezeugt. (Cap. 19, V. 8.) Wenn der Vater der sein Haus bedrohenden Menge seine Töchter preiszuaeben bereit ist, um nur die Gäste zu schützen, so mochte er dabei, wie Sipporno z. St. bemerkt. auf den Widerstand rechnen, den seine Schwiegersöhne der cntfeffelten Masie entgegen stellen werden, wie auch die Thora selber das am Ende des Cap. 19 geschilderte Verhältnis; zwischen Lot und seinen Töchtern durch die Eigenart der damaligen abnormen Zustände erklärt. Trohalledem wird Lot von der durch unsere Weisen vermittelten Ueberlieferung geradezu als als Bösewicht bezeichnet, ohne daß scheinbar der Wortlaut der Thora zu einem so harten Verdikt irgend welche Handhabe bietet. Während sonst die ganze Tendenz unserer Weisen dahin gerichtet ist, selbst die Fehler und Schwächen großer Männer in milderem Lichte erscheinen zu lasten, macht sich hier das vollendete Gegentheil geltend. Von den Weisen des Midrasch und der Agada bis zu allen ihren Spuren folgenden späteren Erklärern dcr Tbora bietet ihnen fast jeder Zug aus dem Leben Lots Vcranlastung zur Bestätigung dieses ungünstigen Urtbeils über Lot. Wenn uns im 1. B. M., Cap. 13, V. 10 erzählt ivird, daß Lot im Begriff, sich von Abraham zu trennen, den Blick nach dem Jordan bis Zoar hin richtet, so motiviren die Weisen diese Wahl durch die sittenlose Ungebundenheit dieser Gegend, die Lot angezogen und seinen Entschluß bestimmt habe. (Raschi z. St.) Zu dem unmittelbar folgenden Vers, welcher den Aufbruch Lots zur Trennung von Abraham erzählt, bemerken die Weisen gar, Lot habe sich von Gott selber losgesagt und er habe geradezu ausgesprochen, er wolle weder mit Abraham, noch mit seinem Gotte fernerhin etwas gemeinsam haben, wie Raschi daselbst anmerkt. Selbst bei den unleugbar edlen Handlungen Lot's finden die Erklärer der Thora allenthalben die Schattenseiten heraus, so daß pzcn zu Cap. 19, V. 8 es geradezu ausspricht, wie selbst das Lob Lot's zu seinem Tadel führte. ’j«; nr? trsr» iw' instr Daß Lot seinen Gästen ein Festmahl bereitet hat, führt Sipporno auf die Vorliebe Lot's für Wein und Trinkgelage zurück, indem er auf Abraham verweist, der nur bei der Einführung Jzchaks in den Abrahamsbund den anwesenden Großen jener Zeit, niemals aber bloßen Wanderern, ein Festmahl bereitet habe. Zu der göttlichen Verheißung (1. B. M.. Cap. 13. V. 14), die, wie besonders betont wird, Abraham nach der Trennung von Lot wurde, bemerken die Weisen, deren Ausspruch Raschi z. St. citirt, daß, so lange der Schlechte mit Abraham zusammen lebte, Gottes Wort Abraham gemieden habe. Wenn Gott auch vorher, als Lot noch in der Gesellschaft Abrahams war, mit letzterem gesprochen habe, so beruhe das darauf, daß Lot damals noch nrr gut war. Was bat sich Lot zwischen diesen beiden Momenten zu Schulden kommen lassen, um an Stelle des ein m zu werden? Grs kann nicht die Trennung von Abraham sein, zu der noch dazu Abraham selber die erste Anregung gegeben hatte, da ja Lot schon als schlecht bezeichnet wird, bevor er sich von seinem Onkel getrennt hatte. Es muß hier ein Moment mitgewirkt haben, das nicht so an der Oberfläche liegt, auf besten Vorhandensein wir vielmehr erst durch den Hinweis aufmerksam werden, den wir der tiefen, psychologischen Weisheit unserer großen Lehrer verdanken. Die genaue Kenntnis; dieses Factors, der stark genug ist, einen durch seine hohe Tugenden so hervorragenden Mann, wie es Lot war, zu einem schlechten Menschen zu machen, ist aber für unsere eigene Seelenkenntniß und Arbeit an uns selber von ganz unsagbarem Jntereste. Wenn die Verwandtschaft, die Erziehung, das Beispiel eines Abraham nicht stark genug waren, diese Klippe zu umgehen und die unleugbaren Vorzüge und Tugenden Lot's ihr erliegen. welche Gefahr mag dieses Moment erst für Menschen gewöhnlichen Schlages in sich bergen. Es braucht nicht erst nachgewiesen zu werden, welches eminente Jnteresie die Kenntniß dieses Moments für alle diejenigen hat. die kein wichtigeres Anliegen haben, als die Lauterkeit ihres Charatters und ihre ungetrübte reine Sittlichkeit sich in allen Kämpfen zu bewahren, welchen diese Kleinodien täglich, stündlich ausgesetzt sind. Wenn es fest steht, daß ursprünglich Abraham und Lot eines Sinnes waren, daß diese Einmüthigkeit aber später aushört, so daß es zur Trennung zwischen Onkel und Neffen kam, so müssen wir in dem Motiv, das zur Trennung führte, den Punkt suchen und finden, in welchem der Gegensatz zwischen Abraham und Lot zu Tage trat. Die Thora erzählt (1. B. M., Cap. 13, V. 6, 7), daß das Land nicht Weideplätze genug für die großen Heerden Abraham's und Lot's hatte und daß in Folge besten Streit zwischen den Viehhirten Abrahams und denjenigen Lot's entstand. Der Midrasch, citirt von Raschi z. St., specialisirt diesen Streit dahin, daß die Hirten Lot's gewissenloser Weise ihre Heerden auf fremden Feldern weiden ließen, und die Hirten Abrahams sie deßhalb wegen rechtswidriger Beraubung fremder Felder zur Rede stellten. Die Hirten Lot's entgegneten, das Land sei Abraham von Gott zugewiesen. Da Abraham aber keine Kinder habe und Lot sein nächster