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Der Israelit · 1900-11-05 · Heft 88 (5.11.1900) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 88 (5.11.1900)
Date
1900-11-05
Page
– (sequence 22)
Language
German
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längere Zeit aber verstreicht, je mehr Personen im Laufe der Beaebenbeiten mit den Kleidern in Berührung kommen. dessomehr wird ähnlichen Beschuldigungen Thür und Thor geöffnet, wie sie Dr. Bara erhoben hat, und gäbe es kein Mikroskop und kein chemisch-analytisches 'Berfabren, tausend Eide würden nicht genügen, zu erweisen, dast die behauptete sträfliche Beblutung der Kleider nicht erfolgt sei; die moderne Wisienschaft allein vermag da aufzuklären. Dr. Bara hat es in seiner vorsichtigen Art zwar nicht behauptet. aber deutlich genug dnrchschimmern lassen, dast die von idm behauptete Manipulation in dem zwischen dem Kuttenberger Prozesse und dem Termin der Vorlegung der Kleider an die Prager medizinische Facultät liegenden Zeitraum erfolgt sei. Die Richtig'cits-Beschwerde an den Obersten Gerichtshof war eingebracht, die Kleider der Hruza mußten also, so lagt Dr. Bara zwischen den Zeilen, neuerlich niit Blut getränkt werden, damit die Facultät zu einem Gutachten gezioungen sei, welches ein Blutmanko vollständig ausschließe. Und gerade auf diese Frage geben die chemische Analnsc und das Mikroskop die verläßlichste Antwort. Diese neuerliche Beblutung hätte Ende September oder Anfangs Ortober vorigen Jahres erfolgen muffen, sechs Monate, nachdem das Blut der Agnes Hruza die Kleider geröthet hatte, und diesen Altersunterschied der Blut-Jnrrusiation hätten auch minder gelehrte Chemiker und Mikroskopiler. als es die Mitglieder der czechischen Universität sind, auf den ersten Blick herausfinden inüffen, wie heute die Professoren Reinsberg und Hlava übereinstimmend erklärten: Es ist eine politische Pikanlerie, daß einer der radiealsten Czechen einen solchen Borwurf gegen die einzige Universität czechischer Zunge erheben konnte. Doch eine solche Kleinigkeit, wie das Gutachten einer Facultät, scheint für die Theorie des „Ritualmordes" keine Bedeutung zu haben. Das Gutachten nimmt entsprechend allen zur Verfügung stehenden Angaben an, Agnes Hruza sei 50 bis 55 Kilo schwer ge- 'vesen. berechnet nach diesem Körpergewichte die Blutnienge ihres Körpers, berechnet das Gewicht des in den Kleidern iucrussirten und in der Blutlache auf dem Thatorte gefundenen Blutes und kommt zu dem Schluffe, daß der Verbleib der gesummten Blutmenge aufgeklärt sei. Wie von ungefähr erzählt nun der Vormund der Ermordeten bei seiner Einvernahme, er habe sein Mündel im Herbst 1898 auf seinem Schüttboden abgewogen, Agnes Hruza habe damals 68 Kilo gewogen. Ueber alle erdenklichen Details hat dieser Zeuge bei den früheren Einvernehmungen ausgesagt, aber dieses ilmstandes hat er sich erst jetzt nach dem Facultäts-Gutachten erinnert. Er hat das Mädchen „von sehr grazilem Knochenbau" gewogen und ein Gewicht von 68 Kilo conftatirt, dem natürlich auch eine entsprechend ■ größere Blutmenge entspricht. Auch die angekündigte Sensation der Einvernehmung des Gerichtsadjunkten Baudisch ist ganz zunichte geworden. Dieser Zeuge war als Untersuchungsrichter in Kuttenberg so vorsichtig, die Besichtigung der Kleider durch Dr. Bulowa und dessen Frau in Gegenwart zweier Amtspersonen vornehmen zu lassen. Er hielt dabei die einzelnen Kleidungsstücke in der Hand, und die beiden Besucher fanden keine Gelegenheit, auch nur einen Faden zu berühren. So wie sich die kühnen Berichte der antisemitischen Blätter über diese Sache als eine Fabel erwiesen, so gilt das auch von der sonderbaren Geschichte, daß eine Phiole mit Kügelchen ans Menschenblut den Professoren zur Untersuchung zugesendet worden sei. Der Staatsanwalt batte es sich zur Aufgabe gemacht, diesem Märchen durch entsvrechende Fragen an die beiden Professoren entgegenzutreten. Rach der Mittagsvause schritt der Präsident zur Verlesung des Gutachtens der Prager czechischen medicinischen Facultät, ivelches die Basis für das Urtheil des Obersten Gerichtshofes gebildet hat. Die Verlesung des umfangreichen Actes nahm mehr als eine Stunde in Anspruch und stellte an die Lungenkraft des Schriftführers eine so große Anforderung, daß es nicht Münder nehmen darf, wenn gerade die interessantesten Stellen des Documentes nicht mit der nöthigen Klarheit zu Gehör gebracht werden konnten. Auch den Inhalt einer solchen Arbeit, nach einmaligem Anhören zu erfassen, ist eine zu große Aufgabe für das Gedächtniß, westhalb die Vertheidignng den Antrag vorbereitet, das Gutachten für die Geschworenen in Druck legen zu lassen. Mit der Verlesung dieses wichtigsten Prozeßaktes schloß der heutige Verhandlungstag. Damit ist auch im Großn und Ganzen der Fall Hruza erledigt, und morgen beginnt die Zeugeneinvernahme über das Factum Klima. Für den morgigen Verhandlungsiag sind 28 Zeugen vorgeladen, darunter die Eltern der Marie Klima, deren ehemalige Dienstgeber und jene Personen, welche das Skelet im Walde gefunden haben, dessen Identität mit Marie Klima von der Vertbeidigung durchaus nicht als erwiesen angenommen wird. Facnltäts-Gutachten über den Mord an Agnes Hruza. Das Gutachten der Facultät ist eine bedeutende Arbeit von großem Ernste, welche die Resultate gründlicher, tiefgehender Untersuchung mittheilt. Die Verfasser des Gutachtens haben sich in mehreren Punkten der Mühe unterzogen, praktische wissenschaftliche Experimente, die auf diese Fälle passen, zu unternehmen, ebe sse ihre Aeußerungen abgaben. Das Gutachten entkräftet bekanntlich die Behauptungen der Polnaer Gerichtsärzte, daß der größte Theil des Blutes der ermordeten Hruza in unerklärlicher Weise verschiounden sei. Die Facultät erklärt ferner, daß ein einziger Mensch im Stande war, Agnes Hruza

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