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Der Israelit · 1900-11-05 · Heft 88 (5.11.1900) · page 21

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 88 (5.11.1900)
Date
1900-11-05
Page
– (sequence 21)
Language
German
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1833 welcher er sich heute der angegriffenen Richter annahm, hat seine Auffassung am besten illustrirt. Dr. Baxa dagegen sucht, wie aus dem Kuttenberger Prozeß bc- *omit ist. seine Ausgabe hauptsächlich darin, die gegen Hilsner erhobene Anklage zu verallgemeinern, und jede seiner Fragen dient diesem Doppelzweck. P i s e k, 2. November. Cf in Prozeß im Prozeß. Der Angeklagte heißt beute nicht Hilsner. Unbeachtet sitzt dieser auf der Anklagebank, während der neue Staatsanwalt Dr. Baxa durch seine Fragen an die Zeugen die von ihm gegen unbekannte Thäter erhobene Beschuldigung zu erweisen sucht, daß die Kleider der ermordeten Hruza heute blutiger als früher seien, tlm die Bedeutung dieser Beschuldigung zu verstehen, ist es nothwendig, den Sonderstandvunkt zu beachten, den der Vertreter der Familie Hruza vom Anbeginn dieser Affaire sich zu eigen gemacht hat. Anna Hruza siel hiernach einem „Ritualmord" zum Opfer.: man benöthigte ihr Blut. Die Reiche tvar auch bei der Auffindung ausgeblutet, nur etwas Blut fand sich in den Kleidern und im Erdreich, auf wddjan die Leiche lag. Der Rest, sagt Dr. Baxa, feblt, und es gibt Leute, deren Bemühen es nun war, dieses Manco dadurch wettzumachen, daß sie nachträglich die Kleider mit Blut tränkten! Wenn auch dies Alles nicht expressis verljis ausgesprochen wurde, so waren doch die Worte Dr. Baxa's viel zu durchsichtig, als daß nicht auch Personen mit noch so schwacher Auffassung-Kraft den Sinn dieser Beschuldigung verstehen würden. Die Kleider der Ermordeten befanden -ich vom Zeitpunkte der Auffindung der Leiche bis zum heutigen Tage als Corpora delicti in Verwahrung der verschiedenen mit dieser Angelegenheit beschäftigten Berichte, mit Ausnabme jener Zeit, in welcher sie der medirinischen Faleultät der Prager Universität zur Begutachtung Vorgelegen sind. Auf wen demnach die von Dr. Baxa erhobene Beschuldigung zielt, ist ebenso klar iv>ic ihr Zweck. Es scheint jedoch im Verlaufe dieses Verfahrens nichts zu geben, was abenteuerlich genug cum*, als daß es nicht gerne und von manchen Seiten mit Begeisterung geglaubt würde. Der lange Zeitraum, der seit dein Morde verstrichen ist und der begreiflicher- 'weise auf die Farbe der Blutflecken und auf den Grad der Steifheit der vom Blut getränkt gewesenen Stelle der Kleider wirkte, ist geeignet, solche Behauptungen besonders in den Augen Leichtgläubiger zu unterstützen. Denn die Jacke der Hruza, die vor mehr als Jahresfrist noch ganz starr von Blut gewesen ist, fühlt sich heute weich an, was leicht den Eindruck Hervorrufen kann, als ob der Farbstoff frisch wäre. Nun, Dr. Baxa hatte Heide keinen glücklichen Tag. Die Profestoren Reinsberg und Hlawa von der Prager medicinischen Faeultät, der Kuttenberger Untersuchllngsrichter Bandisch, die Gerichtsschreiber von Kuttenberg und Polna, und selbst der Wachtmeister Klenovec wißen nichts zu sagen, was die Behauptungen Baxa's beweisen oder auch nur stützen lvürde. Im Gegentbeile, mit peinlicher Genauigkeit wissen die Sachverständigen anzugeben, in welcher Verpackung sie die Corpora delicti in Empfang genommen, >vo und lvie sie dieselben, der Wichtigkeit des Falles entsvrechend. mit besonderer Sorgfalt ausbewahrt batterl, und wie dieselben dann wieder in die Hände des Gerichts gelangt sind. Die beiden Professoren prüfen lllinutenlang die Jacke, wenden die Aermel nach außen, prüfen die Hemdreste, dieselben gegen das Licht haltend, und erklären dann mit voller Bestimmtheit: „Die Corpoca delicti sind in demselben Zustande, in dem sie lins inl vorigen Jahre zur Untersuchung vorgelegt wurden." Dr. Baxa tzn Professor Reinsbergs: Und wie erklären Sie. Herr Professor, daß auf diesem Hemdreste Blutflecken von verschiedener Farbe sind? Professor Reinsberg' Es ist doch ein Unterschied, ob ein Störs an irgend einer Stelle gefaltet ist oder flach aufliegt; an den gefalteten Stellen wird es Punkte geben, die direkt mit den blutenden Theilen in Berührung kommen, inährend andere Stellen nur in Folge des Durchsickerns feucht werden. Der blutige Freitag, auf welchen im Lager der Anhänger Baxa's so große Hoffnungen gesetzt waren, ist vorüber, und wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, daß die ungeheuerliche Beschuldigung, welche der Vertreter der Familie Hruza erhoben hat, vollständig aus der Luft gegriffen, eine politische Schauermär schlimmster Art sei, der heutige Tag hat ihn in unlviderleglicher Weise erbracht. Zn glauben aber, vaß dadurch das von den Fanatikern angefachte Feuer gelöscht worden wäre, ivürde ganz falsch sein. Der Brand wird nach diesem teilten Wasserstrahle unter der Decke weiterglimmen, denn wenn irgendwo, erweist sich hier die Richtigkeit des Sprichwortes: Sempeialiquit. haeiet. Die Verhandlung in Kuttenberg hat den Boden für die Saat de'' Blutlüge zu sehr gedüngt, als daß ein von der klaren Vernunft dietirtes Urtheil die allgemeine Herrschaft haben könnte. Noch hat die Leidenschaft das Wort, und man glaubt, weil man glauben null. Hervorragende Vertreter der Wissenschaft, Mitglieder der einzigen ezechiseben Universität im Reiche, Richter, Gerichtsschreiber und ein Todtengräber fanden übereinstimmend und ohne jeden Vorbehalt, daß die Kleider des todt ansgefundenen Mädchens aus dem Brzezinawalde heute nicht blutiger seien, als zur Zeit der Entdeckung des Mordes. Im Gegentheil — und es ist das durch die zahllosen Besichtigungen nur natürlich — erklärten die Sachverständigen mit und ohne Doetortitel, daß die ehemals vom Blute starrenden Kleidungsstücke sich heute diel N'eicher und geschmeidiger anfühlen. Das Blut gerinrd ja, und bei jeder neuen Besichtigung müssen sich v'äbrend so langer Zeit kleine Partikelchen der Bluik rüste los lösen, wodurch das Gewebe des Kleides einen Theil seiner natürlichen Elasticität wieder erlangt. Je

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