Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 88 (5.11.1900)
- Date
- 1900-11-05
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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1S2S jii über>vältigen. und sie sagt weiter, daß ein gewöhnlick^es Taschenmesserzur Beibringung der Schnittwunde am Halse genügte, leinen starken Eindruck übt die detaillirte, bisher noch nicht vollständig veröffentlichte Schilderung des Zustandes, in welchem sich die Gewänder am Leibe der ermordeten Agnes Hruza befanden und der llmgebung des Leichnams im Walde. Es geht daraus ein so sonderbar phantastisches und krankhaft erotisches Wesen des Thäters hervor, daß kein Unbefangener sich der Auffassung erwehren kann, es sei dies ein Geisteskranker gewesen oder doch Jemand, der durch seine Perversität an den Irrsinn streift. Und in der That spricht die Facultät dieselbe Meinung in decitirter Weise aus; und sie zweifelt nicht daran, daß das Motiv des Mordes entartete sinnliche Leidenschaft gewesen sei. Wie man weiß, hat die Staatsanwaltschaft im Falle Klima dieselbe Ansicht über den Beweggrund des Verbrechens kundgegeben. Die Schrift der Facultät weist auf jeder Seite kritische Bemerkungen über das Obduktions-Protokoll auf, in welchen nicht nur die Schlüffe aus den Thatsachen widerlegt, sondern auch die Eonstatirungen als mangelhaft, unklar, Erthümlich oder zu Mißverständnissen Anlaß gebend bezeichnet werden. Die Polnaer Gelehrten bestehen hier schlecht vor dem Forum der berufenen Vertreter der Wissenschaft. Heute wurden die letzten Zeugen vernommen, n->elche über den Fall Hruza auszusagen hatten. In Polna circulirten heute deutsche und czechische Flugblätter in großer Zahl, toelche die Gutachten der Prosefforen Reinsberg und Hlava in verschiedenstem Sinne kritisiren. Die Verhandlung dürfte voraussichtlich bis zum 16. November dauern, da eine Reihe von Anträgen, welche von der Vertheidigung gestellt wurden, bereits zugelassen wurden und die Vertheidigung noch Anträge zu stellen beabsichtigt, deren Ablehnung nicht thunlich, zumindest nicht wahrscheinlich ist. P i s e k, 3. November. Heute bat die Erörterung^des Faetums Klima begonnen. Juristisch und criminalistisch ist dieser Fall ungleich interessanter, als der Mord an Agnes Hruza. Im Dorfe Ober-Vesnic war vor zwei Jahren die damals 23jährige Magd Marie Klima bedienstet, über deren Vorleben nichts Wesentliches bekannt wurde. Sie war eine große, starke, gesunde Person, die ihre Arbeit pünktlich verrichtete, Tanzervergnügungen nur selten besuchte, des Abends aber gern die Gesellschaft der Burschen im Dorfe ausgesucht haben soll. Am 17. Juli 1898 — es war ein Sonntag — begab sich die Magd, ihren eigenen damaligen Angaben zufolge, um 8 Uhr nach Polna in die Kirche, wo sie auch noch in den ersten Vormittagsstunden gesehen worden sein soll. Seitdem war das Mädchen verschollen. Die Anzeige an die Gendarmerie und die in Folge derselben geführten Nachforschungen blieben ohne Erfolg. Am 26. Oktober desselben Jahres fand der Heger Chalnpa im Walde Mrsuik —- Tags zuvor war daselbst eine Jagd abgehalten worden — beim Beschneiden von Fichtenbäumen, unter einem Haufen von Moos und Reisig versteckt, ein menschliches Skelet. Er erstattete die Anzeige von dem Fund. Der Commission, die im Walde erschien, waren auch der Ortsvorsteher von Ober-Vesnic, sowie die Eltern der vermißten Klima zugezogen, denn den Polnaer Gendarmen war gleich die Vermuthung ausgestiegen, dies sei das Skelet der Klima. Das Beingerippe war bereits ganz dürr, nur auf dem Schädel hing noch ein Stück Haut, und an diesem befanden sich lange Frauenhaare. Einige Zähne fehlten im Oberkiefer, doch staken vorne noch einige breite Schaufelzähne. Das Skelet war nackt, nur ein schmaler Hemdfetzen umschloß den oberen Brustkorb. Die Eltern, die befragt wurden, ob sie in dem Skelet ihre vermißte Tochter zu erkennen vermögen, antworteten verneinend, und erst als sie der Ortsvorsteher auf die Länge des Gerippes, aus die Farbe der Haare und auf die Zähne aufmerksam gemacht hatte mit dem Bemerken, das müsse das Skelet der Marie Klima sein, agnoscirten sie dasselbe. Die Gerichtsärzte, die aus dem Kuttenberger Prozesse bekannten Doctoren Michalek und Prokesch, nahmen den ärztlichen Befund auf, wobei der Gerichtsschreiber die Länge des Skelets maß, und dann unirbe das Gerippe begraben. Am 1. Dezember entdeckte ein taubstummes Mädchen unweit des Fundortes des Gerippes Kleidungsstücke, die als Eigenthum der Marie Klima agnoscirt wurden. Es wurde Winter und im Walde lag überall Schnee. Im kommenden Frühjahre wurden noch einige Kleiderreste gefunden. Nun war bekanntlich vorher — im März 1899 — in der nächsten Nähe von Polna. ein Mord geschehen. Man fand die Näherin Agnes Hruza mit durchschnittener Kehle todt im Walde Brzezina, und Leopold Hilsner wurde als der vermuthliche Mörder verhaftet und vor die Geschworenen gestellt. Schon damals begann das Gerücht zu circuliren, auch Marie Klima sei ermordet worden, und zwar gleichfalls von Leopold Hilsner, aber jetzt erst — nach der Auffindung des Leichnams und der Kleider der Klima — verstärkten sich in Folge gelviffer gleichartiger Umstände bei beiden unheimlichen Funden die Anschuldigungen gegen Hilsner auch in diesem Punkte. Es meldeten sich nun auch Personen bei Gericht, welche aussagten, sie hätten die Klima u. Hilsner an dem Kirchweihfeste in Zhor, das am Tage des Verschwindens der Klima siattfand, beisammen gesehen. Heute ist Hilsner beider Morde angeklagt, und nicht nur in Ober-Vesnic, sondern überall, wo der Theorie des ..Ritualmordes" gehuldigt wird, gilt Hilsner wohl als der Mörder, aber nicht als der alleinige Mörder der Klima. So stellt sich der Fall, in großen Umrissen gezeichnet, dar, und es ist psychologisch interessant, ans dem Zcugenverhöre die Gedankenreihe sich entwickeln zu