Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 88 (5.11.1900)
- Date
- 1900-11-05
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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1822 sage: es ist da st die Scene mit dem Cantor in Anwesenheit Hilsner's sich abgespielt habe. Sr. A u r e d n i c e k: Maren die Fenster offen, dast Sie dies so deutlich hören tonnten? — Zeugin : Ja. -- Dr. A n r e d n i c e t : Bei Ihrer ersten Aussage gaben Sie an, die Juden hätten so laut gesprochen, dast man das Geschrei durch das Fenster hören tonnte. —Zeugin: Das Hab' ich damals nickt gesagt. — Dr. A urednicek: Sie behaupten also, es stiinde ctwas Anderes im Protokoll, als Sie ausgesagt haben. 'Erregt auAnringend.s Das ist nun schon der so und jo vielte Fall, dast Zeugen, wenn man ihnen Widerivrüche nackweist, erklären, es sei ihnen von den Untersuchungsrichtern etwas suggerirt worden, oder das Protokoll sei falsch. Das tlingt fast wie eine Verabredung und ist svmptomatisch für diesen Prozeß. Ich beanirage daher die Vorladung des Adjunkten Pilar und des Landesgericktsrathes R e i ch e n b a ch als Zeugen hierüber, sowie die Eonfrontirung der genannten Herren mit den von mir bezeichneten Zeugen, vor allem init dieser Zeugin. — Dr. Vodicka : Auch steht sortmäyrend die Thür des Gericktssaales offen, so daß die noch nicht einvernommenen Zeugen Alles hören können, '.vas hier gesprochen wird. Die Zeugin beharrt trotz alledem auf ihrer Aussage. Jbr Mutter Phitoinena Brosch deponirt con- »orm >nit ihrer Tochter und macht gegenüber dem PrototoU des l!ntersuchungsrichters dieselben Bemerkungen wüe die Tochter. Dr. A u r e d n i c e f stellt unter Anderem den Antrag, der Präsident möge in Betreff des vom Zeugen P e f ch a t producirten a n o n v m e n Briefes sich telegraphisch an die Wiener Polizei-Direktion wenden, um sicherstellen zu lassen, welche Personen zu jener Zeit in deni genannten Hause in der Porzellangasse gewohnt lurbcn und tvelcker Eonfefsion sie waren. Die Berteti'ng des Briefes, die von Dr. Baxa verlangt worden wi. könnte leickt Mt Eindruck erwecken, als ob durch diesen Briet der Zeuge zu einer Aenderung seiner Auslagen oeranlastt nnrden sollte. — Dr. Bara springt auf- Zch verioahre mick entschieden gegen eine solche Slinimuttaniackerei; der Gerichtshof und die Geschworenen noerden mir das Zengniß ausstellen, daß ich nur spreche, was zur Sache gehört. Mir ist es in diesem Prozeße mir um die Auffindung der Wahrheit zu thun. dl n r e d n i e e k : können Sie vielleicht behaupten. daß der JnhM dieses Briefes irgend etwas mit dein Prozesse zu thun hatte? Sie treiben Stimmungmacherci. (Lebhafte Unruhe und Bewegung im ganzen Daalech Je weiter die Verhandlung fortschreitet, desto mehr tritt das confessionelle Moment in den Vordergrund. Der Ermordung der Anna Hruza wurde heute fast mit keinem Worte Erwähnung gethan, vielmehr sollten die einvernommenen Zeugen über angebliche Bemühungen der Pvlnaer Judenschaft. Hilsner als ihren Glaubensgenossen zu entlasten, aussagen. Die Kindergärtnerin Brosch trat in diesem Sinne als Anklägerin gegen die Polnaer Juden auf. Sie hätten fick wiederholt, insbesondere aber am Oster- .'nontage. den 3. Avril v. I.. über den Cantor Steiner mißfällig geäußert, weil dieser bei seinem Verhör angegeben hatte, er habe Hilsner am 29. März nicht im Tempel gesehen. Die Zeugin trägt einen Zwicker, der ihrem Gesichte einen besonders scharfen Ausdruck gibt. Aach einigen Worten schon verweist der Präsident ans Widerivrücke zwischen ihrer heutigen und ihrer früheren Anssage. Doch das scheint die Zeugin nicht zu beirren. Wenn solche Widersprüche vorhanden seien, sagt sie, so liege die Schuld am Untersuchungsrichter, der ihre erste Aussage nur unvollkommen und unrichtig zu Protokoll gebracht habe. Es wurde hier nicht zum ersten Male in diesem Prozesse versucht, Widersprüche in den Zeugenaussagen mit derartigen Angriffen auf die amtliche Thätigkeit von Richtern zu erklären. In dieser beabsichtigten Erschütterung des Ansehens und der Autorität einzelner mit Namen genannter Richter scheint ein System zu liegen. Eine ganze Reibe Polnaer Juden wird dann vernornmen. Wenn diese wirklich nur der Religionsgemeinschaft halber Hilsner entlasten wollen, ihre Aussagen hätten ivohl ganz anders gelautet. Kein Einziger will den Angeklagten an jenem Tage an einem bestimmtcn Drte gesehen haben. Mit ängstlichem Bemühen vermeiden die Zeugen, zumeist ältere Leute, jedes Wort, das als Parteinahme für den Angeklagten gedeutet werden könnte. Ihr Benehmen ist der sprechendste Beweis für den Terroristnus, der noch heute in Polna herrschen must, und die Confrontatwn dieser Zeugen mit der Kindergärtnerin Brosch bleibt, selbst im Auditorium, das wabrlick nickt der Voreingenommenheit zu Gunsten des Angettagten geziehen werden kann, nicht ohne Eindruck. Die wiederholten Ermahnungen des Präsidenten an das Vublikum übten gleichfalls, wenigstens momentan, ihre Wirkung und fühlten die bereiis sehr erhitzte Atmosphäre um einige Grade ab. Doch nicht lange währte der so geschaffene Friede, und der Antrag der Bertheidiger, in Wien wegen des vom Zeugen Peschak prodncirten Brieses recherchiren zu laßen, veranlaßtc Dr. Bara zu einer sehr gereizten Erklärung, in welcher er der Bertheidigung Stimmungmacherei vorwarf. Die Heftigkeit seines Ausfalles konnte ihn nicht vor dem geschickt geführten Gegenhieb bewahren, daß im Gegentheil er die Politik in den Gerichtssaal trage. Dr. Baxa hat seinen Sitz neben dem Staatsanwalt. Würde nicht die Amtstrackst die Personen schon äußerlich unterscheiden, so nihlte inan sich oft versucht, zu glauben, der Staatsanwalt Landesgerichtsrath Malinowsky habe mit Mn Führer der czechisch-radicalen Partei die Rollen getattscht. Mit Ernst und Ruhe stellt der öffentliche Ankläger seine Fragen, und die Entschiedenheit, mit