Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 88 (5.11.1900)
- Date
- 1900-11-05
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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H'rmiftfr Mädchen ermordet aufgefunden. Der erste Verdacht des Gendarinen lenkt sich auf den Bruder der Ermordeten, denn er will des Oefteren von Familien. Zwistigkeiten im Hause Hruza gehört haben. Ein Blick auf die Leiche kann mit einem gewöhnlichen Taschenmesser, wie es Johann Hruza besitzt, nicht ausgeführt worden sein, meint der Gendarm. Der Thäter ist also anderwärts zu suchen. Es gibt im Städtchen ein paar Faulenzer. die ihre Tage damit zubringen, entweder im Orte den Mädel nachzustellen, oder ziel- und planlos herumzustreifen, und die auch sehr häufig am Rande des Brzezinawaldes Karten spielend angetroffen worden waren. Am Tage, da Agnes Hruza zum letztenmale gesehen wurde, fand eine solche Karienpartie statt. Die Theilnebiner derselben werden vom Gendarmen festgestellt. Selinger, Leirner, Dvoracek, Hilsner u. s. w. werden einvernommen und man erfährt, Hilsner habe die Gesellschaft verlassen, ehe die Partie beendet war: er selbst behauptet, dann direct nach Polna zurückgekehrt zu sein, nein, er ging waldeinwärts, sagen die Anderen. Hilsner ist also am meisten gravirt, Hilsner ist ein Jude, das confessionelle Moment taucht auf, man spricht nicht mehr vom Faulenzer und Thunichtgut Hilsner, sondern vom Juden Hilsner; er ist doch schon einmal wegen gefährlicher Drohung in Untersuchung gewesen. Man hat vor drei Tagen Gelegenheit gehabt, den Inhalt eines Liebesbriefes kennen zu lernen, der das Substrat dieser Untersuchung gebildet hat. Auch die eingestellte Untersuchung hinterläßt etwas Gravirendes. Hilsner beginnt Alles und Jedes zu leugnen, er muß also ein schlechtes Gewissen haben. Eine Woche nach dem vermeintlichen Tage der Ermordung der Anna Hruza sitzt Hilsner bereits hinter Schloß und Riegel, und nun setzten die Gerüchte erst recht mit verdoppelter Kraft ein. Man habe iremde Juden im Orte in Gesellschaft Hilsuer's gesehen, heißt es, deren Gebühren sehr auffällig gewesen sei; man habe verdächtige Leute im Walde gesehen; endlich meldet sich der Schlosser P e s ch a k als Zeuge; er habe am späten Nachmittag des 29. März 1899 auf eine nachträglich mit 676 Metern berechnete Entfernung einen Mann am Rande des Brzezinawaldes gesehen und in demselben in Folge der charakteristischen Bewegungen Hilsner erkannt, fünfzehn Schritte von ihm entfernt seien zwei Fremde gestanden; daß dies Juden gewesen seien, nimmt der Volksmund bereits als erwiesen an, das Märchen vom Blutritualeist fertig. Die Einvernehmung des Gendarmerie-Wachtmeisters K l e n o v e c und des Gemeinderathes S e d -! a k lasten diese Entwicklung des Dramas deutlich erlennen. Klenovec ist in Folge seiner Thätigkeit bei der Eruirung des Mörders Heuer belobt worden, er ist ein ungewöhnlich großer Mann, der in der blinkenden Pickelhaube noch höher erscheint, er hat gegen Hilsner spater eine Strafanzeige wegen beabsichtigter Vergewaltigung der beiden Töchter des Bierbrauers Klima (nicht zu verwechseln mit Marie K l i m a) erstattet. Die verlesenen vrotokollarischcn Aussagen der beiden Mädchen ließen diese Beschuldigungen als grundlos erkennen. Der Zeuge hat in Kuttenberg deponirt, vom Schuster W e s s e l v gehört zu haben, Hilsner trage ein Schächtermester bei sich. Heuie ist es wie bei der ersten Einvernehmung in Polna nur ein gewöhnliches Kiichenmesser. — Bertheidiger Dr. Aurednicek: Und warum hielten Sie, Herr Zeuge, den Hilsner jener That für fähig? — Klenovec: Er war ein Thunichtgut i!nd ging immer spazieren. — Vertheid ig e r: Ist das Alles? — Zeuge: Ja, und ist das nicht genug? — Staatsanwalt: Sie haben auch die Leiche der Marie Klima in demselben Zustande, wie sie gefunden wurde, gesehen? — Zeuge: Ja. — Staatsanwalt: Welchen Eindruck gewannen Sie dabei? — Zeuge: Aus der Art, wie das Skelett der Klima ebenso mit Tannenreisig bedeckt gewesen war, wie die Leiche der Hruza, schloß ich, daß in beiden Fällen der Thäter dieselbe Person gewesen sein müsse. —■ Votant Danzer: Haben Sie zu Ostern vorigen Jahres fremde Juden in Polna gesehen? — Zeuge: Nein. Der Zeuge wird Freitag neuerlich einvernommen werden, um über die Art der Blutbefleckung der Kleider der Agnes Hruza gemeinsam mit den Personen auszu sagen, welche bei der Auffindung der Leiche zugegen waren und die später von amtswegen diese Kleider zur Untersuchung in die Hand bekommen hatten. Aus der langen Reihe der heute vernommenen Zeugen sei in nächster Linie des sechszehnjährigen Schlosterlehrlings Prochazka Erwähnung gethan, der erst im September heurigen Jahres zum erstenmale in dieser Angelegenheit vor Gericht erschien. Seine Aussage ist eine der vielen von antisemitischer Seite für den Piseker Prozeß angekündigten Sensation. Der Bursche ist kaum den Kinderschuhen entwachsen. Seine Stimme hat noch den kindlich Hellen Klang. In Steyr wurde er vom Polnaer Schuster L a n g als „M itwissender einer geheimnißvollen Beobachtung" bezeichnet und mit Hilfe eines Dolmetschers cinvernommen. Die Widersprüche zwischen seiner damaligen und seiner heutigen Aussage klärt Zeuge mit einer für sein Alter anerkennenswerther Kühnheit damit auf. daß ihn der Dolmetsch in Steyr schlecht verstanden habe. „Ich stand am Nachmittag des 3. Avril vor dem Hause, in welchem die Hilsuer's wohnten, und blickte durch die Scheiben in das ebenerdige Gemach. Drinnen saßen Hilsner, seine Mutter, sein Bruder und der Krüppel. — Prä s.: Wer? — Zeuge: Nun, d i e alte krüppelhafte Jüdin. — Präs.: Also die Tante Hilsner's. — Zeuge: Sie sprachen Czechisch mit stark näseldem Ton. „Du mußt sagen, daß Du nirgends warst, daß Du immer zu Haus' warst", hat die alte Hilsner zum Angeklagten gesagt, und dann begannen