Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 88 (5.11.1900)
- Date
- 1900-11-05
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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4L Jahrgang. Zweite Anlage zu M 88 des „Israelit". Der zweite ssrozef; Hilsner. P i s e t, 30. Oktober. Das Interesse der Bevölkerung an den Vorgängen im Gerichtssaale wird immer größer. Trotz des strömenden Regens bilden sich in den Straßen, besonders vor dem Gerichtsgebäude, größere Menschenansammlungen. Der Bertheidiger des Angeklagten, Dr. Zdenko Aurednieek, erhält täglich Schmähbriefe und Drohbriefe in deutscher und czechischer Sprache, darunter zahlreiche, welche aus Wien datirt sind. Der heutige Tag bringt die Einvernehmung jener Zeugen, welche die ersten Amtshandlungen in der Affaire Hilsner vorgenommen und aus der Zahl der zuerst vom Volksmund als wahrscheinliche Mörder der Agnes Hruza bezeichnten jungen Bursche hauptsächlich in Folge der Angaben der Spielkameraden Hilsner's diesen selbst für den Thäter hielten und verhafteten. Es sind siebzehn Zeugen vorgeladen, als erste der Gemeinderath Sedlal von Polna und der Gendarm Klenovee, lvelche die erste Hausdurchsuchung im Hause Hilsner's vorgenommen hatten. Die Augen des Angeklagten ruhen heute unverwandt auf der Eingangsthür des Saales, denn unter den für heute berufenen Zeugen befinden sich auch die Mutter und der Bruder des Angeklagten. Doch scheint es blos Neugierde zu sein, denn als die Beiden den Saal betreten, wird der Ausdruck des Auges nicht um einen Schein wärmer, und der jüngere Bruder des Angeklagten mustert diesen mit gleichgiltigein Gesichtsausdruck. Daß dieser halbwückisische Junge ein dankbares Object für die Agitation war, um, nachdem man ihn betrunken gemacht hatte, auszusagen, was man verlangte, ist nach dem ersten Blick in dieses Gesicht zu glauben. Die Kosten dieser Gasthauszeche hatte der Redacteur Schwer des „Deutsch. Volksblatt." bezahlt. Zum Ausholen Moriz Hilsner's wurde dessen Lehrherr, Sic, verwendet, als Dolmetsch sungirte ein gewisser Novotny. Auch die Mutter findet keinen Blick für ihren Sohn, doch ist es bei ihr Furcht. Die Wjährige Frau schaut nicht rechts und links und ist glücklich, als sie von der Rechtswohlchat, sich der Zeugenaussage zu entschlagen, Gebrauch machen darf. Ebenso entschlug sich Moriz Hilsner, der gegenwärtig 17 Jahre zählt, der Aussage. Mährend einer Unterbrechung der Verhandlung gebt Dr. Aurednieek auf den Angeklagten zu, neben dem jetzt zwei Gerichtsdiener stehen und spricht mit ihm. Der Journalist Huschek, der sich schon wiederholt durch Zwischenrufe bemerkbar gemacht hat, steht ans und haranguirt das Publikum gegen Dr. Aurednieek: „Ich war wegen eines politischen Delictes eingesperrt," schreit er, „und mit meinem Bertheidiger konnte ich stets nur in Gegenwart zweier Beamten sprechen. Soll ein Mörder mehr Recht haben, als ein wegen eines politischen Deliktes Jnhastirter? Er sagt dem Angeklagten ein, was er auszusagen habe. Diesen Eingriff in die Rechte des Vertheidigers beantwortet Dr. Aurednieek nach Wiederaufnahme der Sitzung mit dem Anträge, Journalist Huschet, Redakteur der „Ceske Zajmy," möge von der Verhandlung ausgeschloffen werden Der Präsident tadelt Huschet mit strengen Worten and sagt, er habe schon längst bemerkt, daß Huschet auch in die Verhandlung selbst durch Zwischenrufe einge griffen habe. Wenn er von seinem Rechte, bestimmte Personen auszuschließen, heute noch keinen Gebrauch mache, so geschehe dies nur mit Rücksicht auf den Stand Huschek's. Im Wiederholungsfälle werde er ihn aber unbedingt ausschließen. Nach der Mittagspause theilt der Vorsitzende mit, daß er von Huschet einen Brief erhalten habe. Er sei zwar nicht verpflichtet, auf denselben zu reagiren, er klärte aber, daß die in dem Briefe enthaltenen Gründe Huschet durchaus nicht berechtigen, fo vorzugehen, wie er es that. Es sei ein Recht des Vertheidigers, mit dem Angeklagten zu sprechen. Der Präsident sei auch von anderer Seite aus Huschet aufmerksam gemacht worden, er verwarne ihn nochmals. Der Präsident sprach in sehr ernstem Tone. Zeuge Wachtmeister K l e n o v e c wird sodann vernommen. Der heutige Tag hat einen Einblick darein gemährt, wie die nach der Ermordung der Agnes Hruza aufgeflatterten Gerüchte sich allmählich verdichtet und zur Verhaftung des heutigen Angeklagten als des vermeintlichen Thäters geführt haben. Die Annahme, daß mehrere Personen den Mord gemeinsam vollführt haben. und die daraus gezogene Folgerung, daß wegen Mangels eines anderen Motives nur ein religiöser Beweggrund Hilsner und die beiden Unbekannten zur gemeinsamen That veranlaßt habe, datirt erst aus einer viel späteren Zeit, als bereits das antisemitische Rechts- Komitee seine Wirksamkeit begonnen hatte. Ein Stück moderner und doch so nach dem Mittelalter riechender Eulturgeschichte wird da vor den Augen des Zuhörers entrollt. Die alte Hruza vermißt nach zweitägiger Abwesenheit ihre Tochter, die in das vom Dorfe Vesniee eine halbe Stunde entfernte Städtchen Polna gegangen war, wo sie als Näherin arbeitete. Die Frau erstattet der Gendarmerie die Anzeige. Es wird eine Streifung vorgenommen, und in dem zwischen Polna und Vesniee auf einer Anhöhe gelegenen Walde Bizezina wird das