Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 88 (5.11.1900)
- Date
- 1900-11-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1805 Gütern, Alles zu Geld gemacht werden. Das wollte uns nie glücken. Mir ernteten mehr, als wir im Haushalt gebrauchten, oder nicht so viel, um die Produkte in größerem Quantum absetzen zu können. Die Mehrzahl der Bauern war in der gleichen Lage. Aber diese brachten jedes überflüssige Ei, jedes Pfund Butter, 1?des Haupt Kraut, einen Sack Kartoffeln, einen Scheffel Korn zum Mochenmarkt in die Kreisstadt. Zwei Mal in der Woche, in aller Frühe, wanderte die Bäuerin oder die Bauerstochter, mit dem wohlgefüllten Korb auf dem Kopf und vielleicht einen zweiten am Arm, nach der Stadt und nach wenigen Stunden schon tonnte sie von dem Wochenmarkt mit dem gelösten Geld zurückkehren. Wir haben nie etwas zum Wochenmarkt gebracht, weil sich dazu mein Vater nicht entschließen lonnte. Vergeudet, verschwendet ward nichts und zu inet gebraucht auch nicht. Es verblieb meiner Mutter, um ihrem ungewöhnlichen Wohlthätigkeitssinn nach Herzenslust geniigen zu können. Hätte eS aber keine Arme gegeben, ich weiß nicht, wie wir hätten den Ueberfluß verwerthen sollen. Händler befaßten sich nicht mit dem Auskauf kleiner Quantitäten und ein großer Theil der Feld und Gartenerzeugnisse läßt sich nicht aufbewahren, sondern muß alSbold aufgebraucht werden. Ebenso febltc uns Vervendung für mancherlei Abfälle, die verloren gegangen wären ohne die Schweine des Nachbarn. Selber konnten wir doch keine Schweine halten. Unfallversicherung kannte man dazumal noch nicht. Sonst hätten wir manche Summe daraus erhalten müssen. Noch trage ich Spuren zweier auf diesem Felde meiner jugendlichen Thätigkeit erlittenen Verletzungen. Mau wird das auf Rechnung jüdischer Unbeholfenheit oder Ungeschicklichkeit setzen wollen. Ich glaube aber bestimmt behaupten zu dürfen, daß das nicht zutrifft. Der Grund lag vielmehr in einer jüdischen Nationaltugend, welche freilich in gewissem Sinne als Fehler zu beklagen ist. Ich meine damit den zu großen Fleiß, den Uebereifer. Eine der ungerechtesten Verdächtig uugen des jüdischen Eharakters ist auch die Lüge, von der jüdische:: Faulheit. Das Gegentheil ist die Wahrheit. Im Durchschnitt versteht der Jude kn jedem Berufe nicht Maß zu halten in seinem Eifer. Er gönnt sich nicht die Zeit zum Essen und zum Schlafen. Mitten in der Arbeit einzuhalten, weil die Glocke zwölf geschlagen, kann der Jude nickt über sich gewinnen. Den Reunuhr-Ladenschluß hätte jüdische Gesetzgebung nicht erfunden. Man arbeitet, so lange es etwas zu arbeiten und zu verdienen aiebt. Dem Juden fehlt das, namentlich für gefährliche Betriebe, nöthige Phlegma. Er ist zu hastig, zu unruhig, zu fleißig. Meine eigenen und meiner Brüder Unfälle entsprangen aus diesem Uebereifer. Möglich ist es ja, daß dieser Uebereifer sich mäßigen läßt, loenn mehrere Generationen hindurch der Jude sich mit der ruhigen und beruhigenden Feldarbeit beschäftigt haben wird. Ob aber dieser ErlverbSzweig für den Juden lohnend eingerichtet werden kann, ohne daß seiner Religiosität allzugroße Schwierigkeiten und Versuchungen bereitet werden, das bezweifle ich auch für die Jetztzeit so lange, bis meine vorstehenden Bedenken alle widerlegt werden. Für jüdische Ackerbau-Colonien, in Palästina, in Argentinien fallen sie größtentheils weg, für einzelne größere Gutsbesitzer oder Gutspächter, insbesondere in der Näh? größerer jüdischer Gemeinden, treffen sie auch nicht zu. Aber einzelne jüdische Bauernfamilien, mitten zwischen der christlichen Bevölkerung der deutschen Dörfer oder kleinen Städte, werden heute noch nicht viel besser daran sein, wie meine Eltern es einst gewesen. Wohl hat auch der Gewerbe- und Kaufmannsstand mit gar vielen Schwierigkeiten zu kämpfen, wenn er den Religionsgesetzen treu bleiben und sich ehrlich und anständig durchbringen will, lind selbst da wird ein gewissenhafter Vater die Wahl solcher besonderen Zweige vermeiden, welche dereinst an die religiöse Standhaftigkeit seines Sohnes gar große Anforderungen stellen könnte, ihn nicht Maurer werden lassen, als welcher er gar schwer Schabbos halten kann, oder zum Bäcker ausbilden an einem Orte, wo er auf nichtjüdische Kundschaft angewiesen sein wird. Aber Eltern geradezu aufzumuntern, oder noch Mittel zu gewähren, um ihre Söhne einem Berufe zuzuführen, in welchem sie aller Wahrscheinlichkeit nach die Zahl der Gesetzesübertreter vermehren werden, dazu darf kein echter Jude die Hand bieten. C. Zeituttgsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 1. Nov. Wie berichtet wird, ist nunmehr der älteste ständige Hilfsarbeiter der Rechtsabtheilung des Auswärtigen Amts, Geh. Leg.-Rath Dr. Wilhelm C a h n . auf seinen Antrag in den Ruhestand versetzt worden. Eahn, ein geborener Mainzer, hat sich vor 30 Jahren um die Deutschen in Paris unvergessene Ver bleuste erworben. Er war bei Kriegsausbruch Wirt sicher Rath bei der bayerischen Gesandtschaft in Paris, blieb während des Krieges unter dem Schutze der Schweizer Gesandtschaft in Paris zurück und verließ auch seinen Posten nicht, als nach dem Emporlodern des kommunistischen Aufstandes der schweizerische Gesandte der französischen Hauptstadt den Rücken gewandt hatte. In dieser ganzen Zeit hat der damals Dreißigjährige sich der in Noth befindlichen deutschen Landsleute, oft mit Einsetzung seines eigenen Lebens, auf's wärmste angenommen, sie thatkräftig gefördert und unterstützt und ihre Interessen den französischen Behörden gegenüber nachdrücklich wahrgenommen. In Anerkennung dieser hocheinzuschätzenden Dienste wurde Dr.