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Der Israelit · 1900-10-31 · Heft 87 (31.10.1900) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 87 (31.10.1900)
Date
1900-10-31
Page
– (sequence 18)
Language
German
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17S6 Der erste Ansturin der grasten jüdischen Auswandernngsmassen hat nach und nach aufgehört. Die ungeregelten Auswandererzüge, welche den Ansang der Bewegung charakterisirten, hatten das Unglück nur verschärft: das planlose Auffuchen von Ländern, welche zur Aufnahme nicht geeignet waren, hat die schlimmsten Folgen gehabt. Etwa 2000, welche nach Anatolien gezogen waren, ließen sich in ungesunden Gegenden nieder: sie hatten gegen heftige Fieber und schwere Krankheiten zu kämpfen und mußten leider erkennen, daß Anatolien keine Zukunft für sie bietet, sie müsien von dort wegziehen und suchen wirthlichcre Gegenden auf. Die Züge nach Canada fanden daselbst wenig gastliche Aufnahme. Das Land eignet sich gegenwärtig nur zur Kolonisation für Ackerbauer, aber nicht für Industrielle. Die Hinwandernden waren aber keine Landwirthe, und deßhalb wird auch dort ihres Bleibens nicht sein: sie werden sich von dort wieder zerstreuen muffen. Diese und ähnliche Erfahrungen haben den Zurückgebliebenen bald gezeigt, daß es nicht genügt, den Wanderstab zu ergreifen und dem Elend zu entfliehen, sondern daß ruhige Erwägung auch in der schrecklichen Noth eingreifen must und dast nur eine richtige Organisation wirklich helfen kann. Man hat einen Theil der rumänischen Auswanderer in Argentinien untergebracht; man bemüht sich, ihnen in Australien Heimstätten zu gründen und namentlich haben die Vereinigten Staaten von Amerika ihnen eine neue Heimath eröffnet. — Jetzt wie vor zehn Jahren bewährt sich Amerika als das Land der Freiheit und der Hoffnung für alle Unterdrückten. Zögerten auch zunächst die Hafenbehörden von Newport, als das Schiff „Phönizia" die ersten Gruppen landen wollte, so war der Widerstand bald nach Klarstellung der Verhältniffe gewichen. Unsere Freunde dort nahmen muthig die große Bürde auf, die Schaaren, welche den gastlichen Hafen aufsuchten, zu empfangen, ihnen dort eine neue Heimath zu begründen und sie neuem Leben zuzuführen. Die zunächst wegen der Besorgniß einer Einwanderung von Armen etwas ängstliche Regierung der Vereinigten Staaten zog an Ort und Stelle in Rumänien Erkundigungen ein, um sich über den Grund und den Umfang des Elends der dortigen Juden zu informiren. Wenn, wie wir hoffen, die Wahrheit durchdringt, so wird, trotzdem die rumänische Regierung in offiziellen und offiziösen Communiques ihrer Beamten das Elend u. die planmäßige Unterdrückung der Juden zu leugnen suchte, bald aller Welt klar werden, daß in der That in Rumänien die Juden bis auf den heutigen Tag die unschuldigen Opfer von Haß und Verfolgung sind. Wird dies aber festgestellt, so wird Amerika seinem Princip der Menschlichkeit treu bleiben und seine Häfen den Hilfesuchenden nicht verschließen. Den europäischen Comitees aber erwächst daraus die doppelte Verantwortung, die Bürde unserer amerikanischen Freunde nicht zu vergrößern und dem guten Willen der Bereinigten Staaten nicht zu viel zuznmutben. Die europäischen Comitees müffen verhindern. dast Schwache, Krante, hilflose Menschen hinüber wandern, das würde das Hilsswerk zerstören! Wir müffen ferner verhindern, daß die Auswanderung einen größeren Umfang annimmt, als die Aufnahmefähigkeit der fremden Länder ertragen kann. Dies in die Wege leiten, hcck schwere Kämpfe gekostet. Großen Schaaren von Auswanderern, die in Wien und Pest lagen, mußte die Hilfe zur Weiterwanderung versagt werden; sie kamen, nachdem sie, um die Reisekosten zu decken, ihre armselige Habe veräußert hatten, im größten Elend nach Rumänien zurück, und man suchte dort ihnen und den ihnen zugehörigen Familien zur Seite zu stehen. Doch hört die natürliche, in Folge der traurigen Verhältniffe sich stetig entwickelnde, freiwillige, aber nunmehr methodisch geregelte Auswanderung keineswegs auf. Allein man sorgt dafür, daß diejenigen, die in fremde Länder hinauskommen, ein Gewinn für diese fremden Länder sein werden, es sind zumeist tüchtige und strebsame Menschen, eine Arbeiterbevölkerung, die ein Nutzen für das Land sein wird, in welchem sie ihre Thätigkeit entwickelt. Gelingt es diesen Auswanderern, festen Fuß zu fassen, so werden sie ihre Familien in der Heimath stützen und diese befähigen, auch ihrerseits später ein glücklicheres Loos zu erlangen. Ueber Rotterdam, dessen Verein Montefiore unermüdlich für die Unglücklichen thätig war, über Hamburg, Bremen und Havre werden bis jetzt 4—5000 ausgewandert sein, — die Kosten dieser Auswanderung betrugen gegen 700,000 Frs., im Lande, selbst sind gegen 400,000 Frs. bis jetzt für Unterstützungen verausgabt worden. Thatsächlich ist das Elend im Lande jetzt, wo der Winter herannaht, so furchtbar, und die Rothrufe, welche aus den einzelnen Ortschaften zu uns dringen, sind so herzbewegend, daß man nicht aufhören darf, immer wieder zu spenden. Die Delegierten unserer Comitees senden uns Schilderungen von den unzugänglichen feuchten Gelassen, in welchen diese Aermsten der Armen zusammengepfercht Hausen, von ihrem Mangel an Nahrungsmitteln, von den daraus entstehenden Krankheiten, daß der ein Herz von Stein haben müßte, der nicht vom Mitgefühl ergriffen würde! Rathlos stehen wir solchem Elend gegenüber! Wenn wir bedenken, daß von 250,000 rumänischen Juden nahezu die Hälfte vollständig jeden Besitz entbehrt und Morgens nicht weiß, wie sie die Nahrung sich und ihren Kindern für den Tag verschaffen, wo man die frierenden Glieder wärmen, wer die Kranken verpflegen wird, so müffen wir uns sagen: hier kann nur eine fortgesetzte unablässige Liebesthätigkeit helfen. Immer und immer wieder müffen Summen aufgebracht und hingeschickt werden. Denken wir doch daran, daß bei 100,000 Unglücklichen ein Aufwand von Mk. 40 für die Person

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